Preziosen, die für sich sprechen

Harald-Genzmer-Konzertwochenende in München


(nmz) -
Am 16. Dezember 2007 verstarb Harald Genzmer hochbetagt in München. Anlässlich seines zehnten Todestages veranstaltete die Harald-Genzmer-Stiftung in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Theater München am 16. und 17. Dezember 2017 ebendort ein Konzertwochenende. Die gebotenen Werke und Interpretationen begeisterten durch die Bank und sogar eine Uraufführung des einstigen Genzmer-Schülers Roland Leistner-Mayer war zu erleben.
Ein Artikel von Burkhard Schäfer

Dass es nicht leicht werden würde, viele Besucher am dritten Adventswochenende für Genzmer zu begeistern, war allen Beteiligten klar. „Wir wussten, dass es ein schwieriger Termin ist, waren aber daran gebunden, da es nun einmal das Todesdatum von Genzmer ist“, sagt Stefan Conradi. Beim Musikverlag Edition Peters ist Conradi zuständig für die zeitgenössische Musik, also auch für Harald Genzmer, dessen Werke zum überwiegenden Teil bei Peters verlegt werden. Zudem ist er im Vorstand der 1992 vom Komponisten selbst gegründeten Harald-Genzmer-Stiftung. Die Stiftung kümmert sich unter anderem um den Nachlass des Komponisten, fördert die Live-Aufführung und CD-Einspielung seiner Werke und lobt zudem diverse Preise aus (weitere Infos dazu siehe unten). Auch das mehr als 700 Seiten umfassende Genzmer-Werkverzeichnis (Autor: Marcus Faul, Verlag Schott Music, 2011) ist mit Geldern der Stiftung auf den Weg gebracht worden. „Da wir die Organisation für das Konzertwochenende nicht alleine stemmen konnten, haben wir die Hochschule für Musik und Theater ins Boot geholt“, so Conradi. Ein passender Ort, da Genzmer dort von 1957 bis 1974 Komposition lehrte. – Und das Programm und die Musiker? „Wir haben den Pianisten Oliver Triendl mit der künstlerischen Leitung beauftragt“, antwortet Conradi. „Triendl ist bestens vernetzt und hat ein Händchen für spannendes Repertoire abseits des Mainstreams.“

Noch aus einem anderen Grund war Triendl der richtige Mann: Er hat Genzmer gekannt, mit ihm zusammengearbeitet und bei zahlreichen CD-Produktionen, vor allem für das Label Thorofon, mitgewirkt. Erst letztes Jahr sind wieder zwei Genzmer-CDs mit Triendl am Klavier erschienen: die eine bei Capriccio (Konzerte für Klavier, Violoncello und Posaune), die andere beim Label Telos (Sämtliche Violasonaten). Bratschistin der zuletzt genannten Aufnahme ist Béatrice Muthelet. Sie und Triendl eröffneten mit Genzmers ers­ter Violasonate aus dem Jahr 1940 am Samstag das Konzertwochenende und boten eine starke Darbietung. Allerdings: Wer sich auf weitergehende Informationen in einem detaillierten Programmheft gefreut hatte, ging leer aus. Stattdessen einzelne unkommentierte Blätter, nur versehen mit den nötigsten Daten zu den Werken und Interpreten.

Die wenigen Zuhörer – viel mehr als 50 dürften es kaum gewesen sein – verloren sich in dem Großen Konzertsaal (das Matineekonzert am Sonntag fand im Kleinen Konzertsaal statt, was sich in jeder Hinsicht als bessere Wahl entpuppte). Die meisten der Gäste erwarteten aus gegebenem Anlass zum Auftakt eine kleine Festrede – und wurden abermals enttäuscht, zumal auch kein einziger Musiker das Wort ergriff. Zugegeben: Genzmers zumeist absolut komponierte Musik spricht im wahrsten Sinne des Wortes für sich selbst; aber eine kleine rhetorische Verbeugung vor dem Genius wurde vermisst.

Dass die Werke gleichwohl begeisterten, war den durchweg hervorragend disponierten Musikern – neben ­Triendl und Muthelet waren das unter anderem das Quatuor Sine Nomine, Christian Altenburger (Violine), José Vicente Castelló (Horn), Pascal Moraguès (Klarinette), Floris Mijnders (Cello), Antonia Schreiber (Harfe) und Janne Thomsen (Flöte) – zu verdanken. In jedem Konzert erklang mindestens eine Komposition von Genzmer selbst; die flankierenden Stücke stammten aus seinem Umfeld, etwa von seinem Lehrer Paul Hindemith, von einstigen Weggefährten wie Franz Schreker, Bertold Hummel oder Béla Bartók und von dem 1945 geborenen Roland Leistner-Mayer, der von 1967 bis 1969 ein Schüler von Genzmer war und die Uraufführung des Abends beisteuerte: das „‚Poem X an H.G.‘ für Violine, Horn und Klavier in Memoriam HArAlD GEnzmEr“. Das qua Besetzung an Brahms‘ Horntrio angelehnte Werk schreibt die Traditionslinie absoluter (Kammer-)Musik aus dem Geist der deutschen Spätromantik fort, in deren Nachfolge sich auch Genzmer sah. „Ich verdanke meinem ehemaligen Lehrer viel“, verriet Leistner-Mayer nach der Uraufführung seines zehnten „Poems“, von der er sich zurecht begeistert zeigte. „Das Handwerkliche, Dinge wie Kontrapunkt und Instrumentation, habe ich bei ihm gelernt.“ 

Was waren die Höhepunkte des Konzertwochenendes? Schwer zu sagen bei der Fülle all der Preziosen. Natürlich die Werke Genzmers selbst, insbesondere vielleicht sein Septett für Harfe, Flöte, Klarinette, Horn, Violine, Viola und Cello von 1944, dann – vor allem – die grandiose „Musik für sieben Saiteninstrumente“ von Rudi Stephan und – als krönender Schlusspunkt – das Klarinettenquintett op. 146 in A-Dur von Max Reger, dem Ahnherrn der Reihe Hindemith – Genzmer – Leistner-Mayer. Fazit: Ein starkes Konzertwochenende mit schwacher Besucherzahl. 

  • Der Harald-Genzmer-Kompositions- und Interpretationswettbewerb 2018 ist ausgeschrieben für Komponistinnen und Komponisten ohne Altersbegrenzung, gleich welcher Natio­nalität. Erwartet wird eine Komposition für Klavier solo. Mehr unter: www.genzmer-stiftung.de

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