Prozesse des Musik-Erfindens erforschen

Ein Sammelband aus der schulischen Unterrichts- und Lehrpraxis


(nmz) -
Welche Perspektiven entwickeln die Beteiligten in schulischen Unterrichtsprozessen, die auf das Erfinden von Musik ausgelegt sind? Mit Hilfe welcher Methoden können diese Perspektiven sicht- und erforschbar werden? Und: Welche Erkenntnisse ergeben sich daraus für die Unterrichts- und Lehrpraxis? Diesen Fragen geht der von Ulrike Kranefeld (TU Dortmund) und Johannes Voit (Uni Bielefeld) vorgelegte Sammelband nach und zeigt in zwei grundlegenden Beiträgen und insgesamt sieben Fallanalysen erste Ergebnisse der am Verbundprojekt ModusM beteiligten Wissenschaftler*innen.
Ein Artikel von Bine Gebhardt, Daniel Valeske, Renate Reitinger

Zu Wort kommen neben dem Heraus­geber*innenteam auch Thade Buchborn (HfM Freiburg), der ebenfalls federführend am Forschungsprojekt beteiligt ist, sowie die Lehrenden und Mitarbeitenden an den jeweiligen Lehrstühlen, die in ihren Beiträgen unter anderem spannende Einblicke in ihre Dissertationsprojekte geben. Deutlich wird dabei, wie sehr musikpädagogische Forschung heutzutage angewiesen ist auf die enge Verbindung zur Unterrichtspraxis, indem sie die Akteur*innen in der Schule zu Mitforschenden macht und ihre Perspektiven systematisch und wiederholt einspeist. Die teils humorvollen O-Töne in den Überschriften machen neugierig auf die einzelnen Kapitel. In diesen stehen dann neben den eigentlichen Fallanalysen auch ganz konkrete methodologische Themen im Mittelpunkt, womit ein weiteres Desiderat der derzeitigen Unterrichtsforschung fokussiert wird.

Im Vorwort wird darauf verwiesen, dass die mittlerweile feste Verankerung des Musik-Erfindens im Lehrplan sich kaum, oder nur in externen und projektbezogenen Kooperationen, im Unterrichtsalltag abbildet. Aufbauend darauf problematisiert Malte Sachsse in einem Grundlagentext unterschiedliche Begründungsmuster für das Musik-Erfinden und ihre divergierenden Implikationen.

Ein Beispiel für die Frage nach der Wahl der Forschungsmethoden findet sich im Beitrag von Jan Duve. Er beleuchtet das Thema der Digitalisierung des Musikunterrichts und zeigt dabei auf, dass etablierte methodologische Ansätze gewinnbringend modifiziert werden können, um bisher schwer zu greifende Prozesse zu verstehen. In seiner Fallanalyse nutzt Duve dazu die Turn-by-Turn-Analyse (als Teil der Akteur-Netzwerk-Theorie) und ordnet dabei nicht nur den Subjekten (den Schüler*innen), sondern auch den Objekten (dem Laptop) sogenannte Turns, also spezifische Aktionen, zu. Die Interaktion mit dem neuen Medium wird als wechselseitig verstanden, woraus sich neue analytische Schlüsse über das Handeln der Schüler*innen im Kompositionsprozess ergeben. Ein vorläufiges Ergebnis für die Unterrichtspraxis zeigen Elisabeth Theisohn und Thade Buchborn in ihrem Beitrag „Moldau oder Waschmaschine“ auf. Sie analysieren eine Unterrichtseinheit, in der Schüler*innen in einer Gruppenarbeit ein Stück komponieren sollen, wobei nur das Instrumentarium (in diesem Fall Stühle) vorgegeben ist. Es gelingt ihnen sowohl die ineffizienten, als auch die zielführenden Gruppenphasen zu erkennen und auf einen divergenten bzw. „geteilten Orientierungsgehalt“ zurückzuführen. Eine zentrale Schlussfolgerung ist dabei, dass divergente Phasen wichtig sind, um zu einer gemeinsamen Basis für die Aufgabenbearbeitung zu finden. Miriam Meisterernst bringt zwei Beispiele aus einer Interviewstudie zu „Schülervorstellungen beim Komponieren“ ein und gibt Hinweise auf eine eher defizitorientierte Wahrnehmung der eigenen Produkte durch die Schüler*innen. Das Komponieren werde von ihnen als etwas gesehen, was tendenziell außerhalb ihres Fähigkeitsbereiches liege – ein didaktisch durchaus relevanter Aspekt. Lukas Janczik, Johannes Voit, Carolin Ehring und Heike Thienenkamp thematisieren schließlich, inwiefern Gruppen- bzw. Gestaltungsprozesse mittels Portfolios erforscht werden können. Neben aussagekräftigen Beispielen werden auch die in methodologischer Sicht noch offenen Fragen explizit adressiert, was für alle, die in diesem Bereich forschen (wollen), sehr nützlich ist.

Trotz der naturgemäß bei Fallanalysen eingegrenzten Verallgemeinerungs- und Übertragungsmöglichkeiten werden doch in allen Artikeln ernsthafte und gelungene Versuche unternommen, die Praxisrelevanz der Erkenntnisse aufzuzeigen und so ist dieses Buch sehr inspirierend für Lehrkräfte in Schulen und Lehrende an ausbildenden Institutionen, die verstehen wollen, wie Lernprozesse beim Erfinden von Musik (und beim Musiklernen allgemein) funktionieren und inwiefern neue methodische Herangehensweisen auch direkt in den Unterrichtsprozess eingespeist werden können. Auf die weiteren Ergebnisse, insbesondere auch die didaktischen Konzeptionen für Fort- und Weiterbildung, die aus diesem Forschungscluster hervorgehen sollen, darf man gespannt sein.

  • Musikunterricht im Modus des Musik-Erfindens. Fallanalytische Perspektiven, hrsg. v. Ulrike Kranefeld/Johannes Voit, Waxmann, Münster 2020, 170 S., € 29,90, ISBN 978-3-8309-4170-5, E-Book open access unter https://doi.org/10.31244/9783830991700 verfügbar

 

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