Punkteufel, 70er-Rock und dramatischer Art-déco-Pop

Neuerscheinungen der Popindustrie, vorgestellt von Sven Ferchow


(nmz) -
The Offspring waren ja einst, in den Neunziger Jahren, zwischen Techno und Grunge eine Art bekömmliche Punk-Dadaisten für Jedermann. Die haben noch keinem weh getan und waren stets höflich-ironisch. Daran ändert sich mit dem aktuellen Album „Let the bad times roll“ akkurat gar nichts. +++ Greta Van Fleet aus Michigan, sicher eine der attraktivsten Bands der letzten zehn Jahre +++ Ziemlich heftig wird es nun mit Lana Del Rey +++ Ein wirklich ästhetisches Album der weit gefassten Kategorie „Alternative, Indie“ legen London Grammar mit „Californian Soil“ vor. +++ Man mag nun behaupten, dass Sting seit The Police eigentlich nie mehr richtig Musik gemacht hat. Ui. Dünnes Eis +++
Ein Artikel von Sven Ferchow

The Offspring waren ja einst, in den Neunziger Jahren, zwischen Techno und Grunge eine Art bekömmliche Punk-Dadaisten für Jedermann. Die haben noch keinem weh getan und waren stets höflich-ironisch. Daran ändert sich mit dem aktuellen Album „Let the bad times roll“ akkurat gar nichts. Es ist nicht wirklich Punk, aber schnell. Es ist nicht wirklich schmutzig, aber unwiderruflich auch nicht sauber. So grölen sich The Offspring nicht ungefällig, aber teilweise erwartbar durch zwölf Rocknummern. Die erinnern mal an die Rock-Dänen von DAD ((Behind your walls) oder erschöpfen sich in Selbstzitaten vergangener Alben (Let the bad times roll, The opioid diaries). Insgesamt ein großer Spaßfaktor für Endvierziger, musikalisch vielleicht kein Meilenstein. (Concord Records)

Greta Van Fleet aus Michigan, sicher eine der attraktivsten Bands der letzten zehn Jahre, legen Werk 3 (die EP „From the Fires“ miteingerechnet) vor. Die vier Jungspunde, die durchaus schlechte Kritiken einstecken mussten, scheren sich darum „Nullkommanull“. Schön so. Denn. Die Burschen Josh Kiszka, Jake Kiszka, Sam Kiszka und Danny Wagner sind Anfang 20 und brettern mit gründlich ausgereiften sowie irre dramatisch ausgefeilten Songs um die Ecke. Dazu sind sie mit brillantem musikalischen Talent gesegnet. „The Battle at Garden’s Gate“ ist ein emotionales Werk. Angefüttert mit besonnenen Momenten, aber auch orkanartigen Attacken. Verantwortlich dafür mitunter Produzent Greg Kurstin, der schon die Grunge-Helden Foo Fighters kantig bügelte. Wer also Riff-orientierten Rock der 70er liebt, wer den Jungs einige Darlehen diverser Riff-Bands verzeihen kann und wer das Debütalbum „Anthem of the Peaceful Army“ im Schrank hat, sollte Greta Van Fleet weiter frönen. Eine bedingungslos lässige Platte, die alle Ambitionen moderner Rockmusik erfüllt. (Republic)

Ziemlich heftig wird es nun mit Lana Del Rey. „Chemtrails Over The Country Club“ nennt sich ihr neues Album. Es ist von Beginn an herzreißend (White Dress), lotet die unendlichsten Pegelstände der Seele aus (Tulsa Jesus Freak) und darf sich absolut niemals Pop-Album nennen. Man muss schon gefestigt sein. Im Leben. In der Selbstreflexion. Um „Chemtrails Over The Country Club“ in der Pandemie zu hören. Die selten aufbauenden Tracks wie „Dark but just a game“ sind in der Tat nur Täuschung. „Chemtrails Over The Country Club“ verbreitet den Charme eines Isolations-Albums. Dennoch verweist der Minimalismus, den Lana Del Rey praktiziert, auf eine erstklassige Songwriterin, die mittlerweile ohne Zweifel eine stilprägende und zeitgenössische Musikerin der Popkultur verkörpert. Trauen Sie sich. (Urban)

Ein wirklich ästhetisches Album der weit gefassten Kategorie „Alternative, Indie“ legen London Grammar mit „Californian Soil“ vor. Das britische Trio bleibt sich auf dem dritten Album selbst treu: Leise bleibt das neue Laut. Im Brennpunkt freilich wieder Sängerin Hannah Reid. Ihre glasklare Stimme führt durch die Schilderungen der Songs. Dahinter reihen sich distinguierte, aber bestürzende Elektro-Beats ein. Selten übertreibt man die Möglichkeiten der digitalen Komposition. Vielmehr baumeln alle zwölf Songs über einem Gobelin aus zarten synthetischen Violinen, die Übergänge zwischen Strophe, Pre-Chorus und Refrain übernimmt Hannah Reid stimmlich ganz alleine. Das klingt überlegt, elegant und verdammt smart. (Ministry of Sound Recordings)

Man mag nun behaupten, dass Sting seit The Police eigentlich nie mehr richtig Musik gemacht hat. Ui. Dünnes Eis. Denn in der Tat gibt es wenig gescheitere Musiker als Sting. Auch als Solist. Dazu gehören ebenso Stings zahlreiche Zusammenarbeiten mit anderen Kolleg*innen. Unter anderem: Mary J. Blige, Herbie Hancock, Eric Clapton, Cheb Mami oder Shaggy. Kein Song, der dabei kein Welthit wurde, wir erinnern uns gerne an Sting/Clapton mit „It’s Probably Me“. Diese Duette und Kollaborationen gibt es nun auf dem Album „Duets“ mit insgesamt 17 Titeln. Sollte man durchaus mal reingehört haben. Wäre ein wunderbares Weihnachtsgeschenk gewesen, liebe Promoabteilung… (Interscope)

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