Rahmenprogramm im digitalen Rampenlicht

Die Bayreuther Festspiele schlugen mit „Diskurs Bayreuth“ den Bogen in die Gegenwart


(nmz) -
Es war kein leichtes Jahr für das Bayreuther Festspielhaus: Neben dem längerfristigen krankheitsbedingten Ausfall der Festspielleiterin und Geschäftsführerin Katharina Wagner seit Ende April mussten auch die Festspiele selbst unweigerlich aufgrund der Auswirkungen der COVID-19-Pandemie abgesagt werden.
Ein Artikel von Patrick Ohnesorg

Diese 109. Auflage der Richard-Wagner-Festspiele sollte ursprünglich am 25. Juli 2020 eröffnet werden und am 30. August anlässlich des Beethoven-Jahrs mit dessen 9. Symphonie enden. Auch die Vorfreude auf den Ring war groß, der in diesem Jahr von dem österreichischen Regisseur Valentin Schwarz neu inszeniert und von dem vielversprechenden Finnen Pietari Inkinen dirigiert werden sollte. Wagners Tetralogie nach dem Konzept von Schwarz soll nun erst zu den Festspielen 2022 angestrebt werden. Weil die geplante Realisierung der Aufführungen nicht länger möglich war, sollte in diesem Jahr ein Hauptaugenmerk auf das Rahmenprogramm „Diskurs Bayreuth“ gelegt werden.

Das Leben auf dem Grünen Hügel stand also nicht gänzlich still: Das Programm „Diskurs Bayreuth“ wurde online präsentiert und brachte einige Ereignisse aus dem Festspielhaus auf den Bildschirm nach Hause. In diesem Rahmen nutzte der dänische Komponist Simon Steen-Andersen das leerstehende Gebäude für eine audiovisuelle Kunstaktion mit dem Titel „The Loop of the Nibelung“. Die Anlehnung an den Ring ist bereits im Titel klar. Neben Bildern, Szenen und Motiven aus dem Ring fungiert in diesem Projekt das Gebäude selbst nicht nur als Szenerie, sondern auch als Instrument mit den verschiedensten Klängen, die in den Gängen, Räumen und Treppenhäusern des Festspielhauses zu finden sind. Entlang einer Kettenreaktion führen Kameralinse und Mikrofon von der Bühne durch den Orchestergraben bis auf das Dach des Hauses. Dazwischen finden sich immer wieder Instrumentalisten, Sänger und Einspielungen von historischen Aufnahmen. Mit geschickten Projektionen und sogar aus Hundeperspektive lässt sich das Festspielhaus auf eine besondere Weise wahrnehmen, bis der Loop wieder an seinen Beginn zurückführt. Dieses Projekt bot für viele Musiker die seltene Möglichkeit, in diesem Jahr in das Festspielhaus zurückzukehren.

Weitere Hintergründe zu dieser Installation von Steen-Andersen werden in der Einführung zum „Jahrhundert-Ring“ mit dem Titel „RING RING RING“ von Andreas Krieger behandelt. Darin wird auch der legendären Inszenierung von Patrice Chéreau (Premiere 1976) und ihren Nachwirkungen im Gespräch mit Sängern und Regisseuren nachgegangen. Die Ring-Inszenierung von Chéreau kann noch bis zum 6. September 2020 auf BR-Klassik gestreamt werden.

Mit dem Zitat „Hier gilt’s der Kunst“ aus den „Meistersingern“ gab es im Rahmen des Diskurses Bayreuth 2020 eine Gesprächsreihe zu Wagner, Musik und Politik. Pandemiebedingt fanden die Gespräche nicht in der Villa Wahnfried in Bayreuth statt, sondern auf der leeren Bühne des Pierre-Boulez-Saals in Berlin. In einem ersten Gespräch dieser Reihe sprach die Moderatorin Thea Dorn mit Daniel Barenboim, der 18 Jahre in Bayreuth Wagner dirigierte, über die politische Wirksamkeit von Kunst und seine Erfahrungen dazu. Ein zweites Gespräch mit der Autorin Julia Spinola und dem Regisseur Barrie Kosky, der als erster jüdischer Regisseur im Bayreuther Festspielhaus inszenierte, moderierte BR-Klassik-Redakteur Bernhard Neuhoff. Kosky erklärte hier die „sadomasochistische“ Beziehung zwischen dem jüdischen Dirigenten Hermann Levi und Richard Wagner. Auch ging es um den Umgang mit Zeugnissen aus vergangenen Zeiten sowie die künstlerische Behandlung von antisemitischen Umständen.

Bernhard Neuhoff sprach außerdem mit Dörte Schmidt und Dieter Grimm über die Autonomie von Kunst und deren gesellschaftlicher Funktion. Schließlich moderierte Björn Gottstein, künstlerischer Leiter der Donaueschinger Musiktage, eine Runde mit dem Pianisten András Schiff und der Schauspielerin Martina Gedeck. Hier wurde die freie Entwicklung der Kunst diskutiert und es wurde hinterfragt, inwiefern ein Künstler politisch Stellung nehmen muss. Die Gesprächsreihe ging also nicht nur auf politische und künstlerische Gegebenheiten zu Wagners Zeiten ein, sondern griff damit auch Aspekte auf, die derzeit relevanter sind denn je: Was kann Kunst bewirken? Welche Rolle spielt sie in der Demokratie, ist sie „systemrelevant“?

Der Diskurs Bayreuth 2020 zeigt: Das Festspielhaus lebt. Als teils sehr spielerische Kunstaktion nicht nur für kundige Opernfreunde attraktiv, führte „The Loop of the Nibelung“ auf äußerst kreative Weise hinter die Kulissen, und auch die Gesprächsreihe überzeugte durch interessante Persönlichkeiten und relevante Gesprächsthemen. Obschon das Musiktheaterfestival selbst also nicht stattfand, so ging doch einiges inner- und außerhalb der Mauern auf dem Grünen Hügel vor sich.

Sämtliche Videos und Gespräche sind auf der Website von BR-Klassik zu finden.

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