Rastlos Wege finden im Gestrüpp der Gegenwart

Der Komponist, Intendant und Dirigent Peter Ruzicka wird sechzig


(nmz) -
„Und wie steht es um unsere Kultur, um Europa, den alten Kontinent: Aufstieg oder Niedergang? ‚Ich sehe in Jahr und Tag kaum ein Heft Noten, das mich erfreut, dagegen viele, die mich gar physisch unwohl machen können’, bekannte Johannes Brahms vor bald 150 Jahren. ‚Es ist ja wohl zu keiner Zeit eine Kunst so malträtiert worden, wie jetzt unsere liebe Musik. Hoffentlich wächst im Stillen Besseres hervor, sonst würde sich ja unsere Zeit in der Kunstgeschichte wie eine Mistgrube ausnehmen’.“
Ein Artikel von Reinhard Schulz

Diese Zeilen, dieses Brahms-Zitat verwendete der am 3. Juli 1948 in Düsseldorf geborene Komponist Peter Ruzicka, um seine Antrittsrede 2002 bei den Salzburger Festspielen in die gewünschte Richtung zu bringen. So aber hat er immer gedacht und gearbeitet. Er weiß, dass die Gegenwart schöpferisch immer an sich selbst verzweifelt, dass sie nur noch Irrgänge und das Ende der Kunst nahen sieht. Und er weiß, dass aus diesem Gestrüpp immer wieder Blüten heranwachsen, vielleicht gerade dort, wo man sie am wenigsten vermutete. Auf dieser unerschrocken zuversichtlichen Basis lässt es sich gut komponieren, zugleich aber prädestinierte ihn dieses Vertrauen in die allgemein wirkende schöpferische Kraft auch als Organisator oder als künstlerischen Leiter. Und das schon ab jungen Jahren! So wirkte er von 1979 bis 1987 als Intendant des Radio-Symphonie-Orchesters Berlin, von 1988 bis 1997 stand er der Hamburgischen Staatsoper vor, ab 1996 übernahm er von Hans Werner Henze die Münchener Biennale für neues Musiktheater und 2001 bis 2006 war er Intendant der Salzburger Festspiele. Noch einen dritten Arbeitssockel gibt es: das Dirigieren. Und spätestens hier fragt man sich, wie ein Mensch überhaupt diese Fülle an Tätigkeiten, wo eine einzelne schon manchen überfordern würde, zu leisten vermag (das kompositorische Werk hat einen stattlichen Umfang von der großen Celan-Oper über etwa 30 große Orchesterwerke, bis hin zu Vokal- und Kammermusikwerken).

Es liegt, so betont Ruzicka immer wieder, an der Ökonomie. Vielleicht hat diese Ökonomie schon ihre Wurzeln in Ruzickas Ausbildung, er studierte parallel Rechts- und Musikwissenschaften, kompositorische und pia­nistische Unterweisungen hatte er schon davor zwischen 1963 und 1968 am Hamburger Konservatorium neben der Gymnasialzeit erhalten. Die Disziplin der Rechtswissenschaften mag auch auf die schöpferische Arbeit eingewirkt haben. Jedenfalls steckt Ruzicka die Zeiträume eines Jahres genau ab, es gibt Monate, wo er sich ausschließlich dem Komponieren widmet, wo er gleichsam abtaucht und für kaum einen anderen Menschen greifbar ist, dann wieder widmet er sich mit ähnlicher Ausschließlichkeit den Intendantentätigkeiten und verdrängt gleichsam das eigene schöpferische Denken ins Unterbewusste (wo es freilich fortwirken mag). Das Dirigieren bedeutet so etwas wie Ausflüge, nicht zuletzt, um die musikalische Welt, die Ruzickas Denken nahezu ausschließlich bestimmt, noch aus dritter Warte und mit fruchtbaren Wechselwirkungen zu betrachten.

Und dieses wesentliche Moment der Wechselwirkung hat immer mehr auch Ruzickas kompositorisches Denken beeinflusst. Nachdem seine frühen Arbeiten noch unter dem Einfluss der damaligen Avantgarde standen, nahmen die Werke ab den 70er-Jahren (Ruzicka war da gerade Anfang 20!) eine ganz eigene Physiognomie an. Es gibt Hinwendungen zu anderen Komponisten, seien es Schumann, Webern, Haydn oder auch der Renaissance-Musiker Tallis, ebenso zur Literatur und zur Philosophie.

Celan etwa wird zu einem Schwerpunkt des Denkens, mehrere Stücke entstanden in Bezug auf den Dichter und gipfelten schließlich in der großen Celan-Oper von 1999 (zurzeit schreibt Ruzicka, ebenfalls nach einigen Stücken der Annäherung, an einer Hölderlin-Oper). So entsteht auch zwischen den einzelnen Kompositionen ein Flechtwerk von Beziehungen, was hier Andeutung ist, steht da im Zentrum, die Begriffe des Sich-Näherns, des Entfernens, des Verwandelns, des Vergessens, des Verschwindens nehmen eine immer größere Rolle in seinem Schaffen ein. Eines möchte Ruzicka dabei nie aus den Augen verlieren: den Begriff des schöpferischen Vorankommens, den er von der alten Avantgarde der 50er- und 60er-Jahre mit auf den Weg nahm und den er jetzt mit dem Begriff der Zweiten Moderne (auch über organisatorische Vermittlung) an die heutige Jugend weitergeben möchte.

Peter Ruzicka ist dabei rastlos wie immer. Sein Elan ist ungebrochen und wird auch noch viele Jahre auf unser Musikleben befruchtend einwirken. Die nmz gratuliert zum 60. Geburtstag und wünscht eine niemals nachlassende Energie!

Tags in diesem Artikel

Das könnte Sie auch interessieren: