Re-Formation

Uraufführungen 2017/04


(nmz) -
Jahrhunderte lang gab die Kirche neue Musik in Auftrag und stellte dafür Räume, Chöre, Solisten und Instrumentalisten zur Verfügung. Das Schaffen von Dufay, Ockeghem, Lassus, de Rore, Gabrieli, Monteverdi, Schütz, Bach und vielen anderen ist anders nicht denkbar.
Ein Artikel von Rainer Nonnenmann

Bedeutende Kirchenmusik entstand auch im 19. Jahrhundert. Doch Messen, Requien, Kantaten und Oratorien wurden – selbst wenn sie noch religiös motiviert und theologisch fundiert waren – immer häufiger im weltlichen Konzert- und Theatersaal aufgeführt. Prominentes Beispiel hierfür ist Giuseppe Verdis „Missa da requiem“, die 1873 anlässlich des Todes des Dichters Alessandro Manzoni entstand, einer Identifikationsfigur der nationalen italienischen Einigungsbewegung. Nach der Uraufführung 1874 in der Kirche San Marco in Mailand machte das Werk schnell die Runde durch die Konzertsäle und Opernhäuser Europas. Ähnliches gilt für bedeutende Mess- und Requiem-Vertonungen des 20. Jahrhunderts, von Strawinsky, Hindemith, Britten, Bernstein, Bernd Alois Zimmermann, Ligeti, Henze, Schnittke, Gubaidulina, Rihm …

Die Geschichte der spirituell motivierten Musik in wahlweise kirchlichem oder weltlichem Rahmen geht bis heute weiter. Aktuell zeigt sich dies am Jubiläum 500 Jahre Reformation. Schließlich geht es auch in Kunst und Musik darum, Materialen, Medien, Institutionen, Funktionen und Wahrnehmungsweisen neu zu re-formieren, also gegen ständig sich einschleichende Gewohnheiten, Konventionen, Erstarrungen und Dogmen neu zu formen und dadurch – gemäß dem strukturalistischen Kerngedanken – wieder erlebbar zu machen. Nachdem das Landestheater Eisenach bereits im März David Gieselmanns Schauspiel „Ablass“ zur Uraufführung gebracht hatte, feiert nun am 8. April Andris Plucisʼ Ballett „Re:formation“ Premiere. Im Mai folgt an derselben Stelle, wo einst der Lutherische Protestantismus seinen Ausgang nahm, noch Erich A. Radkes neues Musical „Luther! Rebell wider Willen“. Aus Anlass des Reformationsjubiläums entstand auch Charlotte Seithers Kommentar zu Bachs Kantate „Christ lag in Todes Banden“ BWV 4. Das von der Evangelischen Kirche Westfalen in Auftrag gegebene Stück für Chor und Orchester wird am 30. April in der Erlöserkirche in Recklinghausen-Herten uraufgeführt. In der Tradition katholischer Antiphonen zum Gründonnerstag steht Enjott Schneiders „Ubi caritas“ für gemischten Chor a cappella, das der Figuralchor Bonn unter Leitung von Reiner Schuhenn am 14. April in der Schlosskirche Bonn erstmalig singt.

Wieder andere Komponisten stützen sich auf die hebräische Überlieferung des Alten Testaments. Von Matthias Pintscher ist am 6. April in der Hamburger Elbphilharmonie erstmalig „Shirim“ für Bariton und Orchester zu erleben, also ein „Lied“ wie das „Shir HaShirim“ Salomonis, das „Lied der Lieder“. 220 Jahre nach Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ gibt das Ensemble Intercontemporain anlässlich seines eigenen vierzigjährigen Bestehens unter dem Titel „EIC 40 – Genesis“ bei sieben zeitgenössischen Komponisten neue Vertonungen eines Schöpfungstags der alttestamentarischen „Genesis“ in Auftrag. Die Umsetzung der initialen creatio ex nihilo „Es werde Licht!“ an Tag 1 oblag Chaya Czernowin und wurde schon am 30. März in der Philharmonie de Paris uraufgeführt. Am 18. April hat nun Czernowins zweite Oper „Infinite now“ Premiere an der Vlaamse Opera in Gent. Darin geht es um Klaustrophobie, Stellungskrieg und das nackte Überleben mit Hilfe der Besinnung auf das einfachste Element des Lebens: das Atmen. Sven-Ingo Koch schließlich komponierte „Nichumai Amichai“ auf ein hebräisches Trostgebet für das Jerusalem International Chamber Music Festival „intonations“, das nicht nur in Israel stattfindet, sondern seit 2012 auch jährlich im Glashof des Jüdischen Museums Berlin gastiert. Erstmalig gespielt wird Kochs Klarinettenquintett am 25. April vom Michelangelo String Quartet und dem Klarinettisten Chen Halevi.

Weitere Uraufführungen

2.4.: Manuela Kerer, verschlungen für Tiroler Kammerorchester InnStrumenti mit OFFTANZ Tirol, Canisianum Innsbruck
3.4.: Christian Jost, Air für Streichquartett, Konservatorium Bern
7.–9.4.: Ludwig Abraham, Andy Ingamells, Malin Bång, Yasutaki Inamori, Gerald Eckert, Forum neuer Musik „Im Anthropozän“, Kammermusiksaal Deutschlandfunk und Sankt Peter Köln
7.4.: Camille van Luenen, Über das Hören – Allegorie für Bariton, Harfe, Schauspieler und Schautafel, Max Planck Institut for Biology of Ageing Köln
14.4.: Oscar Strasnoy, Violinkonzert, Elbphilharmonie Hamburg
30.4.: Toshio Hosokawa, Licht und Schatten, Orgelkonzert, Kölner Philharmonie

Das könnte Sie auch interessieren: