Reise durch Räume und Zeiten

Neue Musik auf neuen CDs, vorgestellt von Max Nyffeler


(nmz) -
Aufnahmen von und mit: Sirocco Saxophone Quartet, Isang Yun, Tom Sora, Hermann Kretzschmar, Dieter Schnebel, Frederic Rzewski, Hans Zender, Walter Zimmermann, Wilfried Jentzsch …
Ein Artikel von Max Nyffeler

Wilfried Jentzsch gehört zu den genuinen Computermusikern unter den Komponisten. Der ehemalige Dresdner Kruzianer studierte nach seiner Übersiedlung in den Westen bei Iannis Xenakis in Paris und gründete noch vor der Laptop-Ära in Nürnberg ein eigenes Computermusikstudio. Die gemeinsam mit der Japanerin Hiromi Ishii produzierte CD „sai–ji–ku“ („Farbe, Zeit, Raum“) enthält von Beiden je drei Kompositionen aus dem letzten Jahrzehnt, die sich alle auf fernöstliche Erlebniswelten beziehen. Die in steter Transformation begriffenen Farb- und Geräuschklänge sind räumlich tief gestaffelt, konkrete Elemente wie Gamelan, menschliche Stimmen oder Naturgeräusche werden in reine Klangprozesse aufgelöst. Das Resultat: packend gestaltete Klangerzählungen vom realen Leben. (Wergo Arts)

Die Musiker des Ensemble Modern treten regelmäßig mit eigenen Kreationen zwischen Improvisation und Komposition an die Öffentlichkeit. Nun hat der Pianist Hermann Kretzschmar zwei hochprofessionell komponierte Hörstücke vorgelegt. „Stufen“ ist die Ausarbeitung eines Mesostics, das John Cage 1989 in privatem Rahmen in Frankfurt aufführte, dessen Partitur aber nie veröffentlicht wurde. Für seine „komponierte Interpretation“ legte Kretzschmar nun die an verschiedenen Orten aufgenommenen Stimmen von Dieter Schnebel, Frederic Rzewski, Hans Zender und Walter Zimmermann übereinander und mischte sie mit personenspezifischen Hintergrundgeräuschen. Das zweite, Cage gewidmete Hörstück montiert selbstgesammelte akustische Fundstücke zu einer spannenden, auch witzigen Reise durch Räume und Zeiten. (belleville-verlag.de)

„Frei sein“, „Stahlbauten“: Die Titel der Stücke von Tom Sora verraten, dass jedes Mal ein klarer Gedanke dahintersteckt. Allerdings wird er nicht immer so direkt in Klang umgesetzt wie in „Gruppenzwänge“, wo das Trio Coriolis mit einem perfekt synchronen, kompakten Kollektivsound aufwartet. In „Wer sich nicht…, wird nicht…“ für Sopran und Schlagzeug, wo Sarah Maria Sun in den Extremlagen herumspringt, deutet der fragmentarisierte Text mehr an als er ausspricht, und das Zweite Streichtrio konzentriert sich ganz auf die innermusikalische Logik. Harte Konturen, rhythmische Festigkeit und eine Direktheit des Klangs zeichnen die sorgfältig durchgearbeiteten Werke aus. Wo sich Sora im Vokalduo mit der Sopranistin misst und dazu eine Kurbelspieluhr betätigt, kommt überraschend eine spielerisch-experimentelle Seite zum Vorschein. (Wergo)

1964 produzierte der NDR Hannover die Uraufführung von „Om mani padme hum“, ein Werk für Soli, Chor und Orchester von Isang Yun über Reden des Buddha. Das ausdrucksstarke, von klanglicher Dramatik erfüllte Werk dokumentiert einmal mehr die schöpferische Kraft Yuns. Das Spätwerk „Engel in Flammen“ mit Chor-Epilog erinnert an die Selbstverbrennungen von Studenten während der politischen Unruhen 1991 in Korea: Tumult und Trauer dicht nebeneinander, Gedenken und Mahnung zugleich. (Internationale ­Isang Yun-Gesellschaft)

Das klassische Saxophonensemble ist immer wieder für Überraschungen gut. Die Werke von fünf Komponisten, die das exzellente britische Sirocco Saxophone Quartet aufgenommen hat, haben alle ein scharfes Profil und könnten abwechslungsreicher nicht sein. Das reicht vom zackigen Bebop-Unisono bei Robert Myers über das gespenstische Stimmungsbild „Insomnia“ von Malte Giesen bis zum assoziativ zwischen Motorik und Stagnation wechselnden Virtuosenstück „Back to Bar 190!“ von Thilo Schaller. Das alles klingt rundum erfrischend. (encora) 

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