Rückblende 2017/02

Vor 50 und vor 100 Jahren


(nmz) -
Vor 100 Jahren: Max Reger im Urteil der Zeitgenossen +++ Vor 50 Jahren: In den Parlamentsdebatten über das französische Budget des kommenden Jahres spielt innerhalb des allgemeinen Kultursektors die Musik eine besondere Rolle.
Ein Artikel von Eckardt Rohlfs

Vor 100 Jahren

Max Reger im Urteil der Zeitgenossen: Jedem Einsichtigen wird klar sein, dass wir in Reger einen der genialsten, vielseitigsten Musiker unserer Zeit besitzen, einen Meister, der seine Kunst losgelöst von den Beziehungen zu anderen Künsten betreiben will und auf den Bahnen eines Bach, Beethoven, Brahms weiter wandelnd die absolute Musik wieder auf den Schild erhebt. Aber die Vorführung so vieler Werke eines Meisters offenbart uns auch viel leichter seine Schwächen. Die meisten dieser Mängel wie die fast völlige Preisgabe der Tonalität, die Häufung von Dissonanzen, (…) die Seltenheit weit ausholender plastischer Motive werden vielfach hiezu gerechnet.

Oder ein paar Jahre später: Reger, der wilde Stürmer und Dränger, ist ruhiger geworden. So ist er denn vom äußers-ten linken Flügel der modernen Musik, wo jetzt die Anarchisten toben, schon recht zur Mitte gerückt … Obwohl seine Harmonik die gleiche geblieben, verteilt er ihre Wirkungen bewusster und schreibt einen Orchestersatz von entzückender Leichtigkeit…

Neue Musik-Zeitung, XXXV. Jahrgang 1916, H. 21, S. 137

Vor 50 Jahren

In den Parlamentsdebatten über das französische Budget des kommenden Jahres spielt innerhalb des allgemeinen Kultursektors die Musik eine besondere Rolle. Kulturminister Malraux selbst, mehr Augen- als Ohrenmensch, wie die meisten seiner Landsleute, appelliert: Kulturhäuser, und diese sollen allen Kultursparten dienen.

Marcel Landowski, Generaldirekor für Musik in Malraux’ Ministerium hat große Pläne: Das Problem, meint er,  ist nicht, ob die Musik von morgen tonal, seriell, eklektisch oder elektronisch sein wird, sondern ob es ein Publikum geben wird, um sie zu hören. Mit anderen Worten: Frankreich, das der Welt große Komponisten gegeben hat und für die Ausbildung von Berufsmusikern keinen Aufwand scheut, tut nicht genug für die musikalische Erziehung der breiten Massen, die in den Schulunterricht einbezogen werden sollte: dazu braucht man Geld, und es soll auch im Budgetjahr 1966/67 für Musik viermal mehr aufgewendet werden als bisher. In der Nationalversammlung hat der Deputierte der de-Gaulle-Partei, Georges Becker die Lage folgendermaßen geschildert: Man behauptet zu unrecht, der Franzose sei kein musikalisches Tier. Wenn wir falsch singen und den Gassenhauer klassischer Musik vorziehen, ist es nur, weil wir auf diesem Gebiet Analphabeten sind. Die Sache würde anders liegen, wenn man in den Volksschulen den Kindern das Noten-ABC mit Liebe beibringen würde und die großen Musikwerke ein breites Publikum fänden.

In bezug darauf könnte man vielleicht den zeitgenössischen Musikern Übermaß an Genie und allzu komplizierte Schreibweise vorwerfen. Der Abgrund zwischen der Musiker-Musik und der Publikums-Musik wird immer tiefer. Musik ist aber vor allem dazu da, gespielt zu werden, sie sollte, wie der Sport, praktizierbar sein. Daraus ein Spektakel zu machen, ist ein Zeichen von Dekadenz.

Musikalische Jugend, XV. Jahrgang 1966, H. 6, S. 7

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