Rückblende 2017/03

Vor 50 und vor 100 Jahren


(nmz) -
Vor 100 Jahren: Béla Bartók im Urteil der Zeitgenossen +++ Vor 50 Jahren: West zu Ost: Gerade in dem Augenblick, da die deutsche Koalitionsregierung neue Ansätze macht, um die Beziehungen zu den östlichen Nachbarn neu zu überdenken und zu normalisieren, treffen die bundesrepublikanischen Musikorganisationen zwei Absagen aus der DDR besonders schmerzlich.
Ein Artikel von Eckardt Rohlfs

Vor 100 Jahren

Béla Bartók im Urteil der Zeitgenossen: Wohlwollens pries man das gesunde Naturell bei der Berliner Aufführung seines Streichquartetts (1918): Bartók führt die Stimmen ihre eigenen Wege, unbekümmert um den vertikalen Zusammenklang, häuft Dissonanzen und harmonische Reibungen, schwelgt in naturalistischen Klängen, aber man fühlt die innere Kraft dieser künstlerischen Mitteilung. Bei Bartók erstarrt der Futurismus, nicht in der Manier, sondern er spendet Leben und neue Ideen. Dass sie unmittelbarer und eigener wirkt als alle Werke der Brahmsianer, das allein sichert ihr schon die Beachtung aller Musikfreunde.

Ein paar Jahre später: das erste Klavierkonzert bei seiner Uraufführung 1927 in Frankfurt, im nächsten Jahr in Wien als „barbarisch“ abgewiesen. Bissiges Temperament entlädt sich in gewaltigen rhythmischen Energien. Obwohl ungarisches folkloristisches Gut verwandt wird, erscheint dies fast belanglos angesichts des barbarischen Habitus der Musik, der insbesondere im langsamen Mittelsatz in raffinierter Primitivität zum Ausdruck kommt. Neue Musik-Zeitung Jahrgang 39 H.19 (1917/18), S.272     

Vor 50 Jahren

West zu Ost: Gerade in dem Augenblick, da die deutsche Koalitionsregierung neue Ansätze macht, um die Beziehungen zu den östlichen Nachbarn neu zu überdenken und zu normalisieren, treffen die bundesrepublikanischen Musikorganisationen zwei Absagen aus der DDR besonders schmerzlich. Sowohl für die Tage der Neuen Musik in Hannover – Veranstalter „Musikalische Jugend“ und NDR Hannover – als auch für das „Deutsche Musikfest“ – Veranstalter Verband Deutscher Musikerzieher und konzertierender Künstler – kamen seitens des Verbandes Deutscher Komponisten und Musikwissenschaftler der DDR Absagen. Diese Absage lässt wieder eine Hoffnung auf gegenseitige Gespräche scheitern. Eine weitere Bestätigung gefährdeter Ost-West-Beziehungen auf dem musikalischen Sektor bringt eine Meldung, wonach „die Regierung der DDR an einem Kulturaustausch auf unterer Ebene nicht mehr interessiert sei…“

Unsere Bundesrepublik investiert noch  immer Entwicklungshilfe. So hat der Bundespräsident auf seiner jüngsten Reise in den Fernen Osten wieder einiges versprochen. Andrerseits bräuchte die Aufgabe der Musikerziehung – aus den Schulen immer mehr verdrängt – dringend innerdeutsche Entwicklungshilfe, zum Beispiel für den Aufbau von Jugendmusikschulen bzw. den Erhalt der bestehenden.  Was sagt unser so gepriesenes deutsches Kultur-Selbstbewusstsein dazu, dass sich eine große japanische Klavierfirma anbietet, bei uns Musikschulen für Kinder zwischen vier und sechs Jahren zu errichten, um im Einvernehmen mit der deutschen Klavierindustrie Ersatz zu beschaffen, wo innerdeutsch Lücken klaffen? Asiatische Entwicklungshilfe für die deutsche Musikerziehung …

Musikalische Jugend, 16. Jahrgang 1967, H. 1, S.1 und 8

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