Rückblick auf Brahms und sich selbst

Wolfgang Rihms „Vier Studien zu einem Klarinettenquintett“ bei den Römerbad-Musiktagen


(nmz) -

Die Römerbad-Musiktage in Badenweiler blicken in diesem Jahr auf drei Jahrzehnte seit ihrer Gründung zurück. Dem Hotelier Klaus Lauer ist es in dieser Zeit gelungen, sein elegantes Haus zu einem kleinen, aber feinen Treffpunkt für die Freunde neuer und unbekannter Musik werden zu lassen. Viele Komponisten zählen zu den Freunden des Hauses, kehren gern und oft zu den Musiktagen zurück, die in der Regel zweimal im Jahr, in besonderen Fällen auch schon einmal mehr, stattfinden. Einer der beständigsten Freunde ist der Komponist Wolfgang Rihm, der nicht nur die musikalischen Angebote des renommierten Hotels zu schätzen weiß. Rihm liebt die umgebende Landschaft, die Ruhe und Geschichtlichkeit, die sie ausstrahlt. Manches ist hier schon von ihm komponiert worden: der Ort zwingt – besser: verführt einen geradezu zur Konzentration. Aus der Ruhe kommt, wie man gern sagt, die Kraft.
Jetzt wurde ein neues Werk von Rihm bei den Musiktagen im Mai (im Herbst folgt der eigentliche Jubiläums-Zyklus) uraufgeführt: „Vier Studien zu einem Klarinettenquintett“, geschrieben für den Klarinettisten Jörg Widmann und das Minguet-Quartett.

Ein Artikel von Gerhard Rohde

Die Bezeichnung „Studien“ darf einen nicht täuschen: Die Spieldauer für die in C notierte Partitur beläuft sich auf 35 Minuten, das Werk selbst hinterlässt mit seinen vier Sätzen – Moderato sostenuto/Molto vivace/Andante con moto/ Calmo, sostenuto – einen ausgewogenen, geschlossenen und konzentrierten Gesamteindruck. Im ersten Satz verbindet sich ein feines, plastisch geführtes Melos mit einer beweglichen motivischen Struktur, in die sich die Klarinettenstimme mit sanftem Nachdruck als Primus inter Pares einfügt. Energischer, fast stürmisch eilt der zweite Satz dahin, unterbrochen von Momenten abrupten Anhaltens, so als müsste die entfesselte Emotion erst wieder Atem schöpfen – der Satz erinnert am stärksten an den Sturm-und-Drang-Komponisten Rihm. Der dritte Satz im Dreiviertel-Takt nimmt sich sehr schön sehr viel Zeit, um einen elegischen Grundton in mild fließende Bewegung zu versetzen. Im Schlusssatz demonstriert Rihm seine hohe Kunst dicht strukturierten Komponierens, das Expressive wird dramatisch gesteigert, mündet schließ-lich in die ruhige Beschwörung mit Brahms-Zitat. Brahms scheint überhaupt mehrfach in diesem Werk auf. Rihms Rückblick wirkt aber weniger sentimental oder gar melancholisch, vielmehr als eine Art persönlichster Vergewisserung über eine musikalische Sprache, die das Humanum in der Musik nicht aus den Augen verlieren will.

Der scheinbare Rückgriff ist in Wirklichkeit eine Überwölbung, die die Musik von heute in das Kontinuum unserer Musikgeschichte einbindet. Von dieser Verbindung gehen in dem Klarinettenquintett sehr starke und überzeugende Wirkungen aus. Die „Studien“ sind ein großes Stück Musik geworden. Grandios war auch die Erstwiedergabe durch das Minguet- Quar-tett und den überragenden Jörg Widmann. Die Ausdruckselemente des Werkes wurden in jedem Takt ideal getroffen. Unser Bild entstand bei den Proben in Badenweiler: das Minguet-Quartett mit Jörg Widmann in der Mitte.

Tags in diesem Artikel

Das könnte Sie auch interessieren: