Schatzsuche voller Rätsel und Entdeckungen

Der Tenor Rolando Villazón als Romancier mit wachem Geist


(nmz) -
Seine Fantasie sprudelt immer neue Ideen und Gedanken hervor. Ob als Sänger oder, mehr noch, als Opern-Regisseur oder, noch mehr, als Romancier.
Ein Artikel von Christoph Vratz

Nach seinem Roman „Kunststücke“ von 2014, um den liebenswert-lustig-traurigen Clown Macolieta, lässt Rolando Villazón nun ein neues Werk folgen. „Lebenskünstler“ lautet der übersetzte Titel, das Original heißt „Paladas de sombra contra la oscuridad“ und diese Formulierung ist einer Erzählung von Julio Cortázar entnommen. Erneut lässt Villazón seiner ewig quellenden Fantasie freien Lauf. „Das ist meine Revolution“, lässt er einen Mann sagen, der am Beginn des Romans aus der Tasche seines Regenmantels eine Plastikfigur, einen Soldaten, zieht und sie in einem Mauerloch versteckt: „Der einzige Zweck meiner Spiele ist es, sie zu erfinden, sie zu spielen und zu vergessen.“ Wer spricht? Der Erzähler, oder der Autor?

Die Hauptfigur, Palindromus genannt, ist ein Spieleerfinder aus Leidenschaft, ein „l’art-pour-l’art“-Jongleur des Spiels sozusagen. „Ich bringe nie etwas zu Ende. Ich erfinde und spiele meine kleinen Spiele, und das reicht mir im Leben. Mehr will ich nicht.“ Ein echter „Lebenskünstler“ eben, der mal als Pizzakurier, mal als Modell arbeitet, aber nur so viel wie gerade nötig. Palindromus steht am Rande der bürgerlichen Gesellschaft. Er und seine Freunde scheren sich nicht um Erfolg im materiellen Sinne, sie bilden einen Gegenentwurf zu all jenen, die auf dauerhafte Erreichbarkeit getaktet sind, einen Gegenentwurf zu den Non-stop-Handy-und Tablet-Nutzern, und einen Gegenentwurf zu den Gamern von heute, die bei ihren Spielen ausschließlich auf Multi-Media angewiesen sind – und weniger auf eigene Kreativität. So weit, so (sozial-)kritisch. So weit die Revolution des Palindromus: „Inmitten dieses immer gleichgültigeren, unpersönlichen, allein vom Nützlichkeitsdenken bestimmten Ameisenhaufens sind diese von allen Ameisenabsichten befreiten Spiele meine Grashüpferrevolution.“

Aber Villazón geht einen Schritt weiter, er dockt sanft an die literarische Tradition des Spiels im literarischen Spiel an, im Sinne eines Borges, eines Calvino und eben eines Cortázar. Zwei Figuren, Calcas und Mopsos, aus dessen Roman „62/Modellbaukasten“ (von 1968) tauchen auch bei Villazón auf, und auch das Buch selbst nimmt Palindromus in die Finger: „Er schlug das Buch auf und blätterte die Seiten um.“

Trotz aller Verwirbelungen und Ideen hat die Handlung in „Lebenskünstler“ auch einen roten Faden. Palindromus verliebt sich, doch die Angebetete ist stumm, sie heißt Golondrina und ist nicht minder mysteriös wie er selbst. Daraus entwickelt sich eine Schatzsuche voller Rätsel und Entdeckungen. Dass diese, auch rein sprachlichen Rätsel nachvollziehbar bleiben, ist ein Verdienst des Übersetzers Willi Zurbrüggen (der auch schon „Kunststücke“ ins Deutsche übertragen hat). Die mitunter arg kühnen Metaphern sind allerdings Ideen des Autors, da hätten ein paar sprachliche Wucherungen weniger auch ganz gut getan.

Das Buch entbehrt nicht eines wachen kritischen Geistes und schon gar nicht der Unterhaltung. Das ist nicht immer literarischer Tiefsinn. Soll es auch nicht, muss es nicht. Villazón erzählt lieber in unterschiedlichen Variationen die Bedeutung von Fantasie und Kreativität – und das ist viel Wert, weil er mit wachem Geist und feinem Gespür auf Gefahren in unserem Miteinander von Heute hindeutet. So hält er mit diesem Buch zugleich ein Plädoyer für die Vergessenen der Gesellschaft, die Belächelten, die kreativen Köpfe, die als solche kaum wahrgenommen oder wertgeschätzt werden.

„Und was“, sinniert Mopsos, „wenn die Welt nichts wäre als die allmähliche Rekonstruktion eines vollkommenen Traums, den Gott gehabt, beim Aufwachen aber nicht mehr ganz zusammen bekommen hat?“ Anders Autor Villazón. Er hat einen seiner vielen Träume spielerisch zerlegt und romanhaft wieder zusammengepuzzelt.

  • Rolando Villazón: Lebenskünstler, aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen, Rowohlt, Reinbek 2017, 384 S., € 19,95, ISBN 978-3-498-07067-0
      

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