Schönberg und andere Supermänner

Neue CDs mit Neuer Musik, vorgestellt von Max Nyffeler


(nmz) -
Ein interpretationsgeschichtliches Dokument ersten Ranges präsentiert Andreas Spreer von der Firma Tacet auf einer Doppel-CD: die Gesamtaufnahme der Klavierstücke Schönbergs, aufgenommen 1957 durch Eduard Steuermann, maßgeblicher Interpret der Wiener Schule seit 1919.
Ein Artikel von Max Nyffeler

Die von einer originalen Mono-LP übertragenen, vorbildlich restaurierten Aufnahmen ergeben ein absolut klares Bild von Steuermanns Interpretation, die als authentisch bezeichnet werden kann. Er spielt transparent, mit elastischer, die Sinneinheiten deutlich gliedernder Phrasierung und in einem Tempo, das nie überhastet wirkt und alle Details hörbar werden lässt. Die zweite CD enthält eine Suite des Komponisten Steuermann sowie seine Bearbeitungen von Werken von Johann Strauß, Schubert und Poulenc in einer Produktion von 2009. Mit den von einem instruktiven Booklet begleiteten Aufnahmen lernt man einen Protagonisten der Moderne kennen, dessen ästhetische Auffassungen noch ganz selbstverständlich in der Tradition verankert waren. (Tacet 186)

Fast hundert Jahre nach Schönberg schickt sich ein anderer Österreicher, der Mysterienmann Hermann Nitsch, ebenfalls an, die Hörgewohnheiten ein wenig durcheinander zu bringen. Doch bei ihm bekommt die Neue Musik einen kräftigen Schuss New Age verpasst. Seine fast zweistündige „Ägyptische Symphonie“ lässt den mächtigen Orgelklang des Orchesters im Zeitlupentempo rotieren. Im Scherzo marschieren jugendfrische Spielscharen auf, und am Schluss breitet sich ein Durklang von galaktischen Dimensionen aus, untermalt mit Glockengeläut und Paukendonner. Zu solcher Musik wurden vermutlich die Pyramiden eingeweiht, mit Menschenmassen bis zum Horizont. (Gramola 98880/81)

Die sieben zwischen 1969 und 2008 entstandenen Werke für Streichquartett von Peter Ruzicka sind ausdrucksstark gerade da, wo sie die Grenze zum Verstummen erreichen. Vom ersten mit seinen Beethoven-, Pfitzner- und Webern-Reminiszenzen bis zum sechsten Quartett mit Sopran über Texte von Hölderlin wird die Musik in zunehmend konkreter Weise auf ihre Sprachfähigkeit hin befragt. Am überzeugendsten gelingt dies vielleicht im fragmentarisierten zweiten Quartett von 1970, entstanden aus einer spontanen Reaktion auf Paul Celans Tod. Ein Ton der existenziellen Erschütterung wird hier hörbar. Die delikaten Klangverläufe werden vom Minguet Quartett auf suggestive Weise nachgezeichnet. (Neos 10822/23)

Superman lebt! In seiner fünfsätzigen „Metropolis Symphony“, uraufgeführt 1994 in der Carnegie Hall, hat Michael Daugherty (*1954) der klassischen Comic-Figur ein Denkmal gesetzt. Die Musik ist irgendwo zwischen Film, Musical und Zirkus angesiedelt – sicher kein Jahrhundertwerk, aber gestisch lebhaft und unterhaltsam, mit der wirksamen Schlusspointe eines von Feuerwehrglocken begleiteten Tangos über das Dies irae. Das zweite Stück auf der CD, das Klavierkonzert „Deus ex Machina“, knüpft als Apotheose des Dampflokzeitalters an futuristische Ideen an. Aus dem Lautsprecher schnaubt und faucht es gewaltig. (Naxos 8.559635)

Beim Hören der 36 Klavierminiaturen von Gérard Pesson fühlt man sich als Flaneur zwischen Klängen. Es sind mal schlichte und unscheinbare, mal klug ausformulierte Gedanken, denen man in diesem liebevoll gepflegten Klangbiotop begegnet. Unter Alfonso Albertis Händen nehmen sie individuelle Konturen an und laden zum genauen Hinhören ein. Man macht es umso bereitwilliger, als sie wie einst die Stücke von Erik Satie mit leichter französischer Hand entworfen sind und nie aufdringlich wirken. (col legno WWE 1CD 20285)

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