Sechzig Jahre Spiegel und Motor zugleich

Was kann eine Musikzeitschrift leisten? Überlegungen zur nmz


(nmz) -
Jubiläen bleiben heikel, zumal im Zusammenhang mit den großen „runden“ Zahlen und den entsprechenden Festivitätszwängen. Diese freilich wer­den, trügt der Anschein nicht, stetig äußerlicher: Das Absterben des Bildungsbürgertums, das man auch nicht allzu sehr glorifizieren sollte, und die zunehmende Dominanz von Kommerz und Medien, die man ebensowenig pauschal verteufeln sollte, haben den traditionellen Kulturbegriff ausgehöhlt. Dem Kult um die „höchsten Werte“, „größten“ Werke und Namen haftet mehr und mehr etwas Hilfloses an. Selbst CDU und CSU tun sich immer schwerer damit, zu definieren, was sie eigentlich unter „konservativ“ oder „Tradition“ verstehen sollen und wollen, was ihnen das ominöse „C“ im Parteinamen bedeutet. Zu mehr als Sonntagsreden-Lippenbekenntnissen jedenfalls reicht es kaum mehr. Vielleicht ist das auch ganz gut so.
Ein Artikel von Gerhard R. Koch

Ähnlich ist es um die Komponisten-Zentenarfeiern bestellt: Der globale Betrieb rotiert; über dessen substantielle Berechtigung wird nicht weiter nachgedacht. Wahrscheinlich gehört zum Gedenken die Spannung zwischen parareligiösem Kult,dem Zweifel daran – und der Opposition, gar Revolte dagegen. Die Geschichte des „neuen“ Bayreuth seit 1951 lebte noch weitgehend vom oft rabiaten Widerspiel zwischen gralshüterischen Alt-Wagnerianern und „Entrümplern“ der verschieden­sten Art, von Wieland Wagner bis Stefan Herheim. Ein weiteres Beispiel: Das Beethoven-Jahr 1970 brachte die obligaten Würdigungen und Großereignisse, wie sie sich schon immer um die zentrale Identifikationsfigur der nicht nur deutschen Kulturbürger gerankt haben. Aber es gab auch produktiv hinterfragende Essays, vor allem aber herausragende Werke radikaler Komponisten: Stockhausen („Opus 1970“), Kagel („Ludwig van“, als Platte und Film – mit tumultuarischen Szenen bei der Wiener Uraufführung: „Das werde ich dem Herrn von Karajan melden!“) und Xenakis. Noch 1991 gab es in Festival-Programmbüchern zu Mozart immerhin sogar Kritisches zur Rezeption zu lesen, und selbst Mozart-Skeptiker kamen zu Wort; 2006 wucherte, zumal in Österreich, nur noch die Akklamation. Keineswegs selten stimmen demnach Jubiläen eher unfroh, hinterlassen zumindest ein schales Gefühl.

Wenn nun die „neue musikzeitung“ (nmz) in ihren sechzigsten Jahrgang tritt, so sind ähnliche Ambivalenzen wie bei Personen oder anderen Institutionen grundsätzlich nicht auszuschließen. Die Zeiten ändern sich, ebenso die gesellschaftlichen Prämissen, der Kulturbegriff und Musikbetrieb, nicht zuletzt auch durch die neuen Medien. Wobei deren oft noch ungeahnte Potenziale technologischer Kommunikation die einen in zukunftsgläubige Euphorie versetzen, während andere sich nur allzu gerne in Kassandra-Rufen ergehen: Das Ende der Print-Medien sei abzusehen; und damit gleich auch das der Kultur des Wahren, Schönen, Guten – und vor allem Alten. Extreme Heils- wie Horror-Erwartungen dürften gleichermaßen naiv sein. Umso mehr stellt sich die Frage, was eine Musikzeitschrift heute sein kann und soll. Um es lapidar zu sagen: Sie soll Spiegel und Motor zugleich sein. Wobei noch im Wort Spiegel ein Doppelsinn steckt: zunächst der des quasi passiv objektiv Abbildenden, dann der des Weiterwirkenden – in den Spiegel-Konstruktionen in Bildender Kunst, Theater und Film führt Vervielfältigung ins optisch-kinetische Labyrinth, dient visueller Dynamik.

So gesehen hat Musikpublizistik stets doppelte Funktion: als Bericht, „Zustandsbeschreibung“ und, als entschiedene Reflexion, die des Eingreifenden, auf Bewegung, Veränderung Zielenden. „Neutrale“ Positionen kann es hier gar nicht geben. Nun steht Kulturkritik gerade hierzulande unter dem Doppel-„Unstern“ gleich zweier einst fatal beliebter Goethe-Zitate: „Bilde Künstler, rede nicht.“ und „Schlagt ihn tot, den Hund, er ist ein Rezensent.“ Und selbst durchaus Musikkundige zeigten sich erstaunt darüber, dass der Autor auch Musikbücher bespreche: Oper, Konzert, audiovisuelle Medien sind anerkannte Sujets. Doch Schreiben über das Schreiben über Musik gehört genauso zum Kunst-Diskurs.

In diesem Zusammenhang ist es kein allzu unanständiges Eigenlob, attestiert man der nmz vielfältiges kritisches Engagement, weit über die bloße Berichterstattung hinaus. Gerade in Kommentaren, Kolumnen und Glossen versucht sie immer wieder, polemisch oder konstruktiv einzugreifen, die Selbstgenügsamkeit des Betriebs, des Funktionärs-Jargons, der Politiker-Parolen und des Kommerz-Vampirismus zu attackieren. Leisten kann sie sich dies gerade, weil sie quasi im Glashaus sitzt: Die nmz ist auch „Zentralorgan“ des Deutschen Tonkünstlerverbandes, der Musikalischen Jugend und des Musikschulverbandes, ist also durchaus mit Basis-Institutionen vernetzt. Ebendies freilich sichert ihr stabile Abonnenten- und Inserentenzahlen, finanzielle Unabhängigkeit. Zwar gibt es eine Achse mit dem ConBrio-Verlag, doch ins redaktionelle Konzept reicht die kaum.

Zum Vergleich: In den 70er-Jahren gab es in Frankfurt Initiativen zur Gründung eines Verlags der Komponisten, parallel zu dem der Autoren, und einer analogen Musikzeitschrift – mit dem Ziel, die Einflussnahme mächtiger Verlage zu verhindern. Beide Projekte blieben unrealisiert; stattdessen hat die Kölner „Feedback“-Idee von Johannes Fritsch Früchte (Edition wie „papers“) getragen. Und natürlich steht die nmz nicht allein: Eine erfreuliche Vielfalt deutschsprachiger Musikzeitschriften belebt den Diskurs: Opernwelt, Neue Zeitschrift für Musik, Fono Forum, Musik & Theater und andere decken ein breites Spektrum ab; hinzu kamen und kommen Serien mit dezidiert hohem intellektuellem Anspruch: Musik-Konzepte, Musik & Ästhetik und, fokussiert auf neue Musik, MusikTexte und Positionen. Sogar der Österreichischen Musikzeitschrift steht eine Wiedergeburt bevor; auch einige der regelmäßigen Musikhochschul-Publikationen sind auf erheblichem Niveau. Die Aufzählung ist keineswegs vollzählig. Allen Kassandra-Rufen zum Trotz scheint die Lust am Schreiben über Musik jedenfalls ungebrochen. Das kommt allen Seiten zugute.

Die nmz hat einen erheblichen Vorteil: Format wie Produktion, auch Äußeres ähneln trotz zehn Nummern jährlich einer Tageszeitung, erlauben so hohe Aktualität wie Spontaneität des Reagierens, wozu auch die relativ unkomplizierte und wenig aufwendig-kostspielige Herstellung gehört. Ein „Hochglanz“-Produkt ist sie wahrlich nicht, passend zu manchen eher linksliberalen kulturkritischen Intentionen. Sie ist auch mit der Zeit gegangen: Nicht nur spielt die Popularmusik die ihr gebührende Rolle, sondern die JazzZeitung sorgt zusätzlich für weitere Perspektiven, ebenso die gemeinsam mit dem BR betriebene „taktlos“-Serie. Dass die nmz schon seit 1997 via Internet zugänglich ist, macht sie zumal für jüngere Leser attraktiv.

Der Autor, seit den späten sechzigerJahren für die nmz tätig, weiß deren Qualitäten als diskursoffenes Forum zu schätzen – erst recht in Anbetracht der wachsenden Musik-Abstinenz der ohnehin schrumpfenden Feuilletons selbst größerer Blätter. Lautstarkes Hallelujah ist unangebracht: Bleibt die nmz ihren Standards treu, ist schon viel gewonnen.

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