Solidarität statt Missachtungskultur

Warum Kulturschaffende aller Sparten gemeinsam agieren müssen


(nmz) -
Künstler sein geht nicht ohne eine große narzisstische Basis, gepaart mit einer ausgeprägten obsessiven Haltung. Wer als Künstler zu sehr nach links und rechts schaut, kann schnell seine eigene Richtung verlieren. Künstler sein lässt nur selten Empathie für andere, oftmals in Konkurrenz stehende Künstler zu. Diese zur künstlerischen Selbstfindung notwendige Verhaltensweise hat sich aber auch außerhalb der Gruppe der unmittelbaren Werkschöpfer im Kulturbereich immer mehr ausgebreitet.
Ein Artikel von Olaf Zimmermann

Die Museen- und Galerieszene  hat nur wenig Interesse an der Literaturszene, die Theater- und Opernhäuser leben sowieso in einer fast hermetisch abgeschlossenen Welt und schauen, wenn überhaupt, nur mitleidig auf die Welt der musikalischen Breitenkultur und die freie Szene. Die Soziokultur rümpft, obwohl selbst schon deutlich in die Jahre gekommen, die Nase über die altbackene Hochkultur, und alle gemeinsam graust es vor der angeblichen Verflachung durch die Pop- und Jugendkultur.

Im letzten Jahr konnte ich bei meiner Tätigkeit als Moderator des Kulturkonvents in Sachsen-Anhalt erleben, welche Blüten diese Missachtungskultur sprießen lässt. Der Kulturkonvent diskutierte damals gerade intensiv über die Theater- und Orchesterfinanzierung in Sachsen-Anhalt und schlug vor, die Finanzierung der Häuser, die schon bei 42 Prozent des Kultur-etats des Landes liegt, noch einmal deutlich zu erhöhen. Der Anteil der anderen Kulturbereiche in Sachsen-Anhalt würde folgerichtig prozentual weiter absinken. Auf meine Frage in einer Anhörung, ob in diesem Falle die Theater und Orchester des Landes bereit wären, gerade gegenüber den freiberuflichen Künstlern und Autoren und der freien Szene Solidarität zu üben und ihnen mehr Zugänge über Aufritte und Aufträge in ihren Häusern zu verschaffen, antwortete eine verantwortliche Person lapidar, das Wort „Solidarität“ stünde nicht in seinem Intendantenvertrag. Selten hat es mir in den letzten Jahren die Sprache mehr verschlagen.

Seit vielen Jahren haben wir besonders auf der kommunalen Ebene und in unterschiedlicher Intensität bei den meisten Ländern mit erheblichen Einsparungen in den Kulturetats zu kämpfen. Zuerst wurden die Mittel für die Förderungen der freiberuflichen Künstler, wie die Atelierförderung,  gestrichen. Dann kam die Projektförderung, besonders in der Soziokultur, der freien Szene und der Breitenkultur, unter den Rasenmäher. Jetzt stehen auch die großen institutionalisierten kulturellen Leuchttürme, besonders die Theater- und Opernhäuser und die Orchester, unter massivem Spardruck.

In Sachsen-Anhalt haben die Theater- und Orchesterverbände jetzt zu öffentlichen Protesten aufgerufen. Das ist gut und richtig so. Doch die Demonstrationen besonders in Halle, Magdeburg und Dessau waren keine Massenbewegungen. Die Kultur für gemeinsame Proteste aller kulturellen Bereiche ist noch nicht vorhanden. Zu lange haben besonders die Stärkeren, also diejenigen, die über große Häuser und viel festangestelltes Personal verfügen, weggeschaut, wenn bei den Künstlern, der freien Szene und der Soziokultur gespart wurde. Dieses ignorante Verhalten rächt sich jetzt.

Noch ist Zeit, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Das Zauberwort heißt Solidarität! Solidarität, vom lateinischen „solidus“ für gediegen, echt oder fest, ist kein Relikt aus vergangenen Zeiten. Es beschreibt den Zusammenhalt zwischen Gleichgesinnten, die gemeinsame Ziele anstreben.

Ich träume davon, dass die Orches­tervereinigung ihre Mitglieder auffordert, den Stadträten, die gerade die kommunale Bibliothek schließen wollen, den Marsch zu blasen. Ich träume davon, dass die vielen kleinen und die wenigen größeren Künstlergewerkschaften sich zu einem gemeinsamen Aktionsbündnis zum Schutz aller Künstler, aller künstlerischen Sparten zusammenschließen. Ich träume davon, dass die großen Opern- und Konzerthäuser in der Republik sich für den Erhalt der soziokulturellen Zentren im Land einsetzen. Ich träume davon, dass die im Deutschen Bühnenverein zusammengeschlossenen Intendanten in einem Sit-in die Schließung eines Heimatmuseums verhindern. Ich träume davon, dass die Alt-68er-Kämpfer der Soziokultur öffentlich erklären: „Theater muss sein!“ Und ich träume davon, dass der tiefe Graben zwischen der sogenannten Hochkultur und der Breitenkultur endlich verschwindet.

Naiver Phantast werden Sie sagen, vielleicht haben Sie recht, aber wenn der Kulturbereich nicht endlich anfängt untereinander mehr Solidarität zu üben, werden die Kämmerer, die Haushaltsausschüsse und die Finanzminister die kulturelle Infrastruktur in den nächsten Jahren scheibchenweise bis zur Unkenntlichkeit abbauen. Nur wenn der gesamte Kulturbereich dagegen aufbegehrt, werden wir diesem Treiben Einhalt gebieten können.

Solidarität ist deshalb kein Überbleibsel aus vergangenen Tagen, auch kein Selbstzweck, sondern schnöde Überlebensstrategie.

Der Autor ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates.

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