Späte Würdigung einer großen Sängerin

Der Filmemacher Marc Boettcher hat eine Biografie über Inge Brandenburg geschrieben


(nmz) -
„End Price: 541 US-Dollar“, rund 448 Euro. Soviel wurde für das Album „It’s Alright With Me“ bei einer Internetauk­tion vor zwölf Jahren gezahlt. Vermutlich hätte sich Inge Brandenburg darüber geärgert, vielleicht sogar einen ihrer berüchtigten Wutanfälle bekommen. Denn sie hätte nichts davon gehabt, dass ihr einziges „richtiges“ Jazzalbum, das sie 1965 selbst für die CBS produziert hatte, heute Sammlerwert hat und zu exorbitanten Preisen gehandelt wird. Vielleicht wäre sie aber auch stolz darauf gewesen, es allen Ignoranten und Kritikern richtig gezeigt zu haben: „Seht her, ich bin etwas wert! Ich bin die beste Jazzsängerin und kann Bleibendes schaffen!“
Ein Artikel von Michael Scheiner

Die 1929 in Leipzig – wie die Brüder Joachim und Rolf Kühn – geborene und 70 Jahre später in München verarmt und vergessen verstorbene Künstlerin war eingeklemmt, eingeklemmt zwischen emotionalen Widersprüchen. Zwischen autokratisch-patriarchalischen Fesseln, ökonomischen Zwängen und den eigenen Ansprüchen. Aber auch zwischen extrem engen gesellschaftlichen Grenzen. Dass sie eine großartige Sängerin mit einer außergewöhnlichen Stimme und seltener künstlerischer Bandbreite war, steht völlig außer Frage. Die einzigen, die das jemals angezweifelt haben, waren Vertreter des Platten-Multis CBS bei einer jahrelangen gerichtlichen Auseinandersetzung um einen gebrochenen Vertrag. Deren massives Interesse, Brandenburg zu diskreditieren, um sich bei einer Verurteilung eine Vertragsstrafe zu ersparen, lag offen auf der Hand. Trotz dieser Begabung, die auch heute noch fasziniert und Inge Brandenburg Titel wie „Europas Jazzsängerin Nr. 1“ und „Deutschlands einzige echte Jazzsängerin“ eintrug, blieb der Künstlerin der Durchbruch und damit auch wirtschaftlicher Erfolg zeitlebens versagt. Nach anfänglichen Erfolgen er- und durchlebte Brandenburg einen fast schon erbärmlich zu nennenden Existenzkampf um Anerkennung, Würde und Arbeit. Ihre berufliche Existenz bestand überwiegend aus nicht eingehaltenen Versprechungen, Ignoranz, falschen Hoffnungen, Fehlentscheidungen und mangelnder professioneller wie persönlicher Unterstützung.

Detailreich und mit großem Einfühlungsvermögen hat das der Autor und Filmemacher Marc Boettcher in seiner Biografie beschrieben, der er den bezeichnenden Untertitel „Der zerbrochene Traum“ gegeben hat. Man könnte diese sehr sorgfältig und gründlich recherchierte Lebensgeschichte auch dahingehend lesen, dass ein unangepasstes, lautstarkes und anmaßendes Frauenzimmer – missliebige Frauen wurden häufig so bezeichnet – lange gebraucht hat zu lernen, kleinere Brötchen zu backen und sich mit dem zufrieden zu geben, was man bekommt. Abgesehen davon, dass damit ein grundlegendes menschliches Bedürfnis ignoriert würde, nämlich sich zu entwickeln und dafür auch respektiert und anerkannt zu werden, schlüge man damit in die gleiche Kerbe, die das Leben Brandenburgs mehrfach an den Rand des völligen Zusammenbruchs führte. Ohne ihre von den Nazis ermordeten Eltern, in ein übles Kinderheim gesteckt und von den Geschwistern getrennt, wuchs Inge unter schwierigsten Bedingungen auf. Auf der Flucht aus der Ostzone vergewaltigt wurde sie wegen „Herumtreiberei“ in den Knast gesteckt. In der Bäckerei, wo sie arbeitete, entdeckte sie ihre Liebe zur Musik und zum Jazz. Sie tingelte, wurde entdeckt und 1959 auf einem Festival im südfranzösischen Juan-les-Pins zur „Besten Jazzsängerin Europas“ erkoren. Doch statt groß herauszukommen und mit Aufträgen überhäuft zu werden, tappte sie von einer Misere in die andere. Die Plattenfirmen wollten sie – ähnlich wie Caterina Valente – als Schlagersängerin vermarkten, was gründlich misslang. Auch in der ­schmalen Jazzszene fand sie nur selten Unterstützung, obwohl jeder ihrer wenigen Auftritte mit Lob überhäuft wurde. Schließlich wechselte sie das Fach, wurde Schauspielerin und sang in Musicals – wobei sie auch hier ein ums andere Mal daneben- und irgendwann zur Flasche griff. Die beste Jazzsängerin Europas war zum Sozialfall geworden. In den 90ern erlebte sie noch einmal ein kleines Comeback. Fünf Tage nach ihrem 70. Geburtstag starb sie in München, wo sie viele Jahre von der Szene unbeachtet und gemieden in einer kleinen Wohnung lebte und täglich Hunde ausführte.

Mit der Biografie und einem filmischen Porträt, das im Kino und in gekürzter Version im Fernsehen zu sehen war, hat Boettcher „Deutschlands Jazzsängerin Nr. 1“ posthum einen Platz in der europäischen Jazzgeschichte verschafft. Eine späte, längst überfällige Würdigung einer großen Musikerin, die angeeckt, von Männern ausgenutzt und von Produzenten fallen gelassen worden ist. Viel in ihrem harten, manchmal glorreichen, oft trostlosen Leben hat mit den Zeitumständen zu tun. Auch heute können Musikerinnen und Sängerinnen häufig nicht alleine von ihrer (Jazz-)Musik leben, müssen unterrichten oder zusätzlich andere Tätigkeiten ausüben. Aber selbst innerhalb der Jazzszene haben sich anscheinend kaum Musiker für Inge Brandenburg interessiert und eingesetzt. Boettchers einfühlsame Beschreibung, in der er auch immer wieder Bezug auf gesellschaftliche Entwicklungen nimmt, macht da einiges wett. Gleichzeitig wirft sie ein wenig schmeichelhaftes Licht auf ein Business, das von dem nach außen gekehrten Seelenleben seiner Künstler lebt, sich aber nichts um diese schert. Ergänzend ist eine CD mit 22 Songs erschienen, die auch Teil des filmischen Porträts über diese unglaubliche Sängerin sind.

  • Marc Boettcher: Sing! Inge, Sing! Der zerbrochene Traum der Inge Brandenburg, Parthas Verlag, Berlin 2016, 330 S., Abb., € 24,00, ISBN 978-3-86964-113-3

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