Spanisch, deutsch – oder beides?

Gedanken zum Singen in bi- und multilingualen Kitas


(nmz) -
Die Zahl bilingualer Kitas hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Über tausend Einrichtungen in Deutschland zählt der „Verein für frühe Mehrsprachigkeit an Kindertageseinrichtungen und Schulen“ (FMKS e.V.) und liefert mit seiner Studie von 2014 noch mehr Zahlen: Das Saarland steht an der Spitze mit 184 französisch-deutschen Kitas. Dicht dahinter liegt Berlin mit 173 Kitas, die allerdings eine größere Sprachenvielfalt umfassen: Am stärksten vertreten ist Englisch, gefolgt von Türkisch, Spanisch, Russisch und Französisch.
Ein Artikel von Beate Robie

All diese Schauplätze mit Mehrsprachigkeit benötigen Konzepte für das gemeinschaftliche Singen und Ideen, den Weg in die Zwei- oder Mehrsprachigkeit mit Musik zu unterstützen.

Kitas mit großer Erstsprachenvielfalt profitieren von Liedsammlungen aller Herkunftsländer. Mit diesen Liedern erreichen Erzieher/-innen eine emotionale Ansprache. Sie helfen besonders in der Krippe und während der Eingewöhnungszeit, einen guten Kontakt zu schaffen, Stress zu reduzieren und einen kleinen Schritt in Richtung guter Bindung zu gehen. Für ältere Kinder wird die Einrichtung Wert auf das Deutschlernen legen ohne die Herkunftssprache abzuwerten oder zu vergessen. Optimal erscheinen für diesen Zweck Lieder, die Vokabular in mehreren Sprachen verwenden oder mit sehr guten Übersetzungen in mehreren Sprachen zu singen sind.

Bilinguale Kitas benötigen ein Liedrepertoire in beiden Sprachen, damit auch musikalisch das Prinzip des informellen Spracherwerbs durch Muttersprachler (Immersion) realisiert wird.

Mittlerweile mehren sich Studien, die aus wissenschaftlicher Perspektive den allgemein bekannten Erfahrungswert belegen, dass Musik und insbesondere das Singen dem Sprachenlernen förderlich sind. Kinder lernen fremdsprachige Texte signifikant besser, wenn diese gesungen und nicht gesprochen werden. Daher unterstützt die Landesmusikakademie Berlin Erzieher/-innen mit einer Reihe von Fortbildungen, um Aufgaben der sprachlichen Bildung mit Musik zu meistern.

Für Erzieher/-innen, die mit Kindern verschiedener Herkunftssprachen arbeiten, bietet der Kurs „Sprachförderung und Musik für Kinder mit Migrationshintergrund“ eine breite Palette an Möglichkeiten des Umgangs mit multilingualen Gruppen: Hinweise zur frühen Hörschulung, die Wirkung von Lieblingsliedern, der Einsatz von sprachfördernden Liedern, Bewegungs- und Wahrnehmungsspielen und Liedern aus den Herkunftssprachen.

2012 wurde eine Reihe für bilinguale Kontexte ins Leben gerufen. Kurse mit Fokus auf Spanisch, Englisch oder Russisch plus Deutsch wurden von muttersprachlichen Dozenten und Dozentinnen mit Zweitsprache Deutsch entwickelt. Als sprachliche Voraussetzung für einen Kursbesuch ist meistens nur die Grundkenntnis der zweiten Sprache notwendig (etwa im Rahmen von A1 des europäischen Referenzrahmens.) Die Dozenten und Dozentinnen jedoch sind in der Lage, in beiden Sprachen unterrichten zu können, was sich im Kontext spanisch-deutsch als von entscheidendem Nutzen erwies.

Die Erfahrung zeigt, dass jede Sprachkombination einen etwas anderen Ansatz erfordert. Die englischsprachigen Erzieher/-innen waren vorwiegend an der Ausweitung ihres Repertoires interessiert, das über das Singen hinaus mit Bewegung, Instrumentalspiel oder anderen Aktivitäten verknüpft werden kann.

Einer Gruppe spanischer Muttersprachler war es wichtig, neue spanische Lieder kennenzulernen, die einmal nicht durchzogen waren von soldatischen und patriarchalen Elementen.

Die Vertreter/-innen aus russisch-deutschen Kitas arbeiteten fast alle als Musikpädagog/-innen gruppen- und sprachenübergreifend. Hier wurde also das Repertoire getrennt in beiden Sprachen aufgefüllt. Sehr sinnvoll sind in derartigen Konstellationen Lieder, die sich sowohl auf russisch als auch auf deutsch singen lassen. Allerdings müssen die Übersetzungen in diesem Fall sprachlich und inhaltlich sehr genau sein. Darauf achten die Dozenten und Dozentinnen aller Kurse und bieten teilweise eigene Übersetzungen an.

Auch die Zahl bilingualer Schulen ist in etwa um den gleichen Faktor in die Höhe geschnellt (Quelle: http://www.fmks-online.de). Zwei- oder Mehrsprachigkeit findet sich jedoch nicht nur in bilingualen Einrichtungen. Viele Kinder mit Migrationshintergrund bringen eine andere Sprache in die Kita und lernen dort erst deutsch.

An dieser Stelle möge die pädagogische Diskussion aufgeworfen werden, ob nicht auch für Kitas, die strikt das Prinzip „eine Person – eine Sprache“ verfolgen, ein Liedrepertoire sinnvoll wäre, das von beiden Sprachgruppen gemeinsam verwendet werden kann. Die Melodie bleibt die gleiche, aber die/der eine Erzieher/-in singt sie beispielsweise in Spanisch, die/der andere in Deutsch. Dieser Ansatz wird in den Kitas bislang wenig praktiziert und bedarf sicherlich vorher einer grundlegenden Diskussion.

Die dritte Kurskategorie bietet eine Einführung in eine andere Sprache und Musikkultur. 2015 sammelten Erzieher/-innen in „Namshi, Namshi“ erste Erkenntnisse in der arabischen Sprach- und Musikwelt. Dieser Kurs reagierte sowohl auf die Flüchtlingswelle aus Syrien als auch auf die bereits lange in Berlin lebende Community libanesischer und palästinensischer Herkunft. Er gibt Hilfen, um mit Kindern, die noch kein Deutsch sprechen, zu kommunizieren, ihren Alltag zu begleiten, Rituale und Kontakt zu schaffen und ein Stück ihrer Herkommenskultur in der Kita zu repräsentieren.

2016 wurde der Workshop für Pädagogen/-innen aus Flüchtlingsheimen und Willkommensklassen geöffnet. In ähnlicher Ausrichtung ist ein Einblick in die afghanische Musikkultur für 2017 geplant.

Die Landesmusikakademie Berlin wird Seminare dieser Art fortsetzen in der Erwartung, dass die Sprachvielfalt in der Gesellschaft größer und die Zahl bilingual aufwachsender Kinder weiter steigen wird. Zusätzlich motiviert die Forderung des Europäischen Rats, Fremdsprachenkompetenz „in mindes-tens zwei Sprachen vom jüngsten Kindesalter an“ zu entwickeln!

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