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Francesco Diodati (li.) und Enrico Rava. Foto: Roberto Manzi
Francesco Diodati (li.) und Enrico Rava. Foto: Roberto Manzi
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Das luxemburgische „Like a Jazz Machine“-Festival lässt die heimischen Jazzer an internationalen Größen wachsen
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So dehnbar der Genre-Begriff heute auch sein mag, vom Pop unterscheidet sich der Jazz meist noch dadurch, dass man ihn nicht nur als Musiker, sondern auch als Hörer lernen muss. Was mehr denn je eine schlechte Voraussetzung für ein Massenpublikum ist. Und so sind Jazzfestivals eben auch kein Geschäftsmodell wie im Pop, sondern ein Akt der Kulturvermittlung, der ohne Sponsoren oder öffentliche Förderung selten möglich ist.

In einer vergleichsweise komfortablen Lage ist da das nun zum achten Mal ausgerichtete „Like a Jazz Machine“-Festival in Düdelingen, profitiert es doch vom Wohlstand eines Landes, das das weltweit höchste Bruttosozialprodukt pro Kopf vorweisen kann.

So ist die Musikförderung in Luxemburg seit Jahren vorbildlich vorangetrieben worden, durch ein dichtes Netz von Konservatorien und Musikschulen, mithilfe der rührigen Exportorganisation „music:LX“ und dank erstklassiger Spielstätten, von der 2005 eröffneten Philharmonie Luxemburg bis hinunter zum exzellent ausgestatteten Kulturzentrum „Opderschmelz“ in Düdelingen, der Heimat von „Like A Jazz Machine“. Freilich, auch solche Steilvorlagen muss man erst noch verwandeln.

Was die „Jazz Machine“-Macher eindrucksvoll schafften, dank einer klugen Mischung von jung bis alt, von traditionell bis avantgardistisch, und nicht zuletzt von internationalen Größen und nationalen Talenten. Die an den vier Tagen jeweils bei den letzten Konzerten aufgebotenen „Headliner“ lasen sich sowohl von den Namen her wie von der abgedeckten Bandbreite eindrucksvoll. Zum Auftakt durfte gleich der „Alterspräsident“ ran: Startrompeter Enrico Rava demonstrierte bei seiner „80th Birthday Tour“, dass ihm weder die Puste noch seine unbändige Spielfreunde ausgegangen ist. Wie er seine junge italienische All-Star-Truppe (unter anderem mit Gianluca Petrella, Francesco Diodati und Giovanni Guidi) forderte und sich von ihr fordern ließ, und wie das auch noch mit mediterraner Note und italienischem Humor passierte, das war ein erster Höhepunkt, an den manch anderer imposante Name nicht herankam. Beispielsweise US-Bassist Kyle Eastwood, ein Liebling der Festivalleitung, der bereits zum vierten Mal hier war. Vielleicht als Anschauungsobjekt für prototypischen amerikanischen Mainstream-Jazz, der freilich auch arg konventionell daherkam.

Da wirkte selbst das inzwischen altbewährte, aus einfachen Motiven seriell-minimalistisch aufgebaute Powerplay der britischen Routiniers Get the Blessing weit frischer. Und auch überzeugender als das immerhin vom neuen Trompeterstar Theo Croker begleitete brandneue Programm ihres Landsmannes Soweto Kinch. Der nahm seinem modischen Hip-Hop-Electro-Modern-Mix einiges von seiner Wirkung, indem er jeden Song identisch aufbaute und obendrein kaum mit den stets einleitenden Computer-Samples zurechtkam. Schließlich war auch das Finale mit Manu Katché nicht wirklich beglückend, erwies sich das Schlagzeug-Unikum zwar als immer noch konkurrenzlos lässiger Timekeeper, doch sein Quartett The Scope lieferte eher Pop ohne große Reibungsflächen als Jazz ab.

Spannender waren die Monk-Interpretationen von Laurent de Wilde, und vor allem die spröden, aber wuchtigen Experimente der aufstrebenden jungen französischen Soundarchitekten No Tongues. Nicht zuletzt kamen die Lokalmatadoren bestens zur Geltung, die man – und das schon, seit es das Festival gibt – konsequent und überwiegend als  „artists in residence“ den internationalen Größen an die Seite stellt.

Nachwuchs wie die Sängerinnen Claire Parsons und Marly Marques oder der (noch etwas brave) Pianist Arthur Possing; bereits Etablierte wie Pol Belardi, Niels Engel oder Jerome Klein; und auch wieder einmal Luxemburgs Jazz-Aushängeschild Pascal Schumacher, der mit einem ungewohnt elektronisch-rockigen Vibraphon-Soloprojekt überraschte. So hat man im fast immer bestens gefüllten Saal miterleben können, wie sich der luxemburgische Jazz entwickelt hat und weiterentwickelt. Nicht zuletzt dank dieses überzeugenden Festival-Konzepts.

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