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Kinderkonzerte, AllgäuKonzerte: Saxophonist Christian Segmehl schlägt Brücken. Foto: privat
Kinderkonzerte, AllgäuKonzerte: Saxophonist Christian Segmehl schlägt Brücken. Foto: privat
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Stadt, Land, Saxophon

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Christian Segmehl bringt dem Publikum sein Instrument auf verschiedene Weisen nahe
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Gerade in der Neuen Musik fühlt er sich „zu Hause“ und heißt zeitgenössische Projekte willkommen. Durch seine Bodenständigkeit kann man in der Begegnung mit Christian Segmehl einen sehr lebensnahen Blick auf Musik und Kultur werfen. In seinen Konzerten sind Neulinge willkommen – für erfahrenere Hörer ist der Besuch einer seiner Saxophonabende aber auch eine echte Bereicherung. Er spielte bereits mit Orchestern in Russland, Südafrika oder Nordamerika. 2010 erhielt der Saxophonist den „ECHO Klassik“. Doch für seine eigens organisierten Konzerte spielt vor allem Regionalität für Christian Segmehl eine bedeutende Rolle.

Mit seiner Reihe „AllgäuKonzerte“ erfüllte sich der 44-Jährige den Wunsch, seinen Beruf mit Heimat, Familie und Natur zu verbinden und in Einklang zu bringen. Als Tourismusregion bietet das Allgäu zwar Attraktionen vor allem im Bereich der Hotellerie und Natur, allerdings fehle es in der ländlichen Region an Angeboten für klassische oder auch Neue Musik. Um ein Sinfonieorchester spielen zu hören, muss man größere Städte wie Augsburg, Stuttgart, oder Friedrichshafen anfahren. Seit März 2020 bringt Segmehl im Rahmen der „Allgäu­Konzerte“ jetzt die Musik zu den Leuten – sei es in Leutkirch-Urlau, Kißlegg oder in Wangen.

Wichtig ist ihm dabei vor allem, ein möglichst diverses Publikum zu erreichen, das sich für progressive Musik begeistern lässt. Die Besucher sollen sich durch Uraufführungen an einfachen Konzertorten eine eigene Meinung über Musik bilden können. Durch Authentizität sollen die Zuhörer die klassische Musik für sich entdecken, der immer noch ein elitäres Image anhaftet: „Was ich einfach so gut finde, ist, dass jeder selbst in der Lage ist zu sagen: Das gefällt mir oder gefällt mir nicht. Und nicht, weil einem irgendwelche akademischen Musikkenner vorkauen, was gut ist und was nicht, sondern weil man selbst die Erfahrung macht. Das war meine Intention, diese Art von Musik, an die ich glaube, in diese Region zu bringen.“ Seit 2013 ist Segmehl ausschließlich freischaffend mit namenhaften Orchestern und Kammermusikpartnern tätig.

Anfänge am Klavier

Die musikalische Karriere des in Biberach/Riß geborenen Saxophonisten begann zunächst am Klavier. Als Segmehl, wie seine gleichaltrigen Freunde, in den Musikverein eintreten wollte, wusste er zunächst nicht, welches Blasinstrument er wählen sollte. Als er seine Schwester um Rat fragte, was denn ein tolles Blasinstrument wäre, bekam er als Antwort: das Saxophon. 

Sein Studium absolvierte Segmehl zunächst in München, fühlte sich jedoch im Anschluss daran noch nicht „angekommen“. Er schaffte es in die Meisterklasse von Arno Bornkamp am Conservatorium van Amsterdam und konnte dort seinen Horizont sowohl in Bezug auf sein Instrument als auch auf das Leben im Ganzen erweitern: „In Amsterdam bekam ich einen ganz neuen Einblick in die Saxophon- und die gesamte Musikwelt.“

Lockdown-Ideen

Im ersten Lockdown bekam Christian Segmehl einen Anruf von einem guten Freund, der von der misslichen Lage der Kulturschaffenden gehört hatte und ihm vorschlug, als Fahrer für die Holzhandlung Ströbele tätig zu werden. Segmehl sah diese Zeit als eine Atempause bei einem sonst vollen Terminkalender mit bis zu 110 Konzerten im Jahr. So fuhr Segmehl Holzmaterial zu Kunden aus und kam mit diesen ins Gespräch, wobei der ein oder andere  – oftmals im handwerklichen Gewerbe tätig – Interesse für seinen eigentlichen Beruf zeigte.

Dieser Austausch brachte den Saxophonisten auf die Idee, eine Scheune, die als Lagerhalle für das Unternehmen diente, konzerttauglich herzurichten und darin einen Auftritt zu planen. Mit Erfolg – das Publikum, darunter auch Besucher, die normalerweise nicht allzu viel Kontakt zu klassischer Musik haben, war so begeistert, dass das Konzert zweimal wiederholt wurde. „Die Zeit der pelztragenden Operngänger muss irgendwie vorbei sein. Und was mir gefallen würde, wenn die Leute nicht sagen ‚Ach ne, in die Oper gehe ich nicht, weißt du, da bin ich nicht die richtige Bildungsschicht‘… Sondern dass man einfach sagt: ‚Okay, jetzt lass uns doch heute in die Oper gehen, morgen gehen wir in die Eckkneipe, übermorgen gehen wir zu einem Fußballspiel‘ – und so einfach ein buntes Leben genießen. Dass die Kultur da einfach zumindest eine kleine Rolle spielt. Dass Kultur im Leben von jemandem gar keine Rolle spielt, das sollte vermieden werden, sowohl von der Kulturpolitik, aber auch von jedem einzelnen Menschen.“

Ein anderes Projekt, bei dem Chris­tian Segmehl den Zugang zu klassischer Musik erleichtern wollte, waren seine „Kinderkonzerte“, bei denen Jugendliche aller Altersgruppen willkommen waren. Im Zeitraum von Oktober bis Dezember 2021 spielte der Saxophonist 20 Konzerte dieser Art. Wichtig war ihm dabei, dass die Stücke nicht durch die Lehrkräfte vorbereitet wurden, um den Kindern eine unvoreingenommene Konzertsituation zu ermöglichen. Um Kinder und Jugendliche nicht abzuschrecken, sollte dieses Projekt zeigen, dass man sich für ein Konzert kein Vorwissen aneignen muss, bevor man es besucht. Einfach hingehen und hören – „vielleicht gefällt es ja.“

Wege in die Musik

Mit seinen CD-Aufnahmen bahnt Segmehl seinen Zuhörern von Werk zu Werk einen Weg in die moderne Musik auf der einen Seite und einen Zugang in die Klangvielfalt des Saxophons auf der anderen. Das erste Stück des Albums „Saxophon plus“ beginnt mit einem Werk von Denis Bédard, das zwar 1994 komponiert wurde, allerdings – nicht zuletzt auch mit der Orgelbegleitung – stellenweise spät-romantische Anklänge zeigt, die jedoch immer wieder dissonant gebrochen werden. Mit dem Stück „Fantaisie sur un thème original pour saxophone et piano“ von Jules Demersseman bedient sich Segmehl in dem Album „Aggro“ als Einstieg eines vergleichsweise älteren Stücks aus der Romantik. „Scaramouche für Saxophon und Klavier“ wurde 1937 von Darius Milhaud ursprünglich für zwei Klaviere komponiert und zeichnet, mit infantil-komischen Melodien, musikalisch die Figur des prahlerischen Soldaten der Commedia dell’Arte nach. Mit „Ku Ku für Saxophon Solo“ von Barry Cockcroft präsentiert Segmehl zum Ende hin in meditativen Repetitionen ein ungewohntes Klangspektrum seines Instruments.

Die Auswahl der Stücke zeigt, wie weit entfernt das Saxophon von seiner häufigen Zuschreibung zum Jazz entfernt sein kann. Gerade durch Neue Musik zeigt sich der diverse Charakter des Instruments, wobei Segmehl auch offen gegenüber Anfragen von Komponisten und Orchestern ist. Dem Saxophonisten ist es wichtig, dass er Originalliteratur spielt, Neuarrangements nur um des Stückes und der Musik willen, jedoch nicht, um einem anderen Instrument nachzueifern. Schließlich steht man mehr hinter einem Stück, das eigens für sein Instrument komponiert wurde. „Ich finde es nicht so cool, wenn Orchester ein Instrument anfragen und dann keine Originalliteratur spielen. Das finde ich ein bisschen schade. Man könnte ja ein Originalstück spielen und danach eine Transkription. Aber wenn ich das Saxophon ausschließlich mit Transkriptionen im klassischen Bereich sehe, tut mir das Instrument fast schon ein bisschen leid.“

Brücken schlagen

Die AllgäuKonzerte, ein Auftritt in einem Holzlager, Kinderkonzerte: Man merkt, dass es Christian Segmehl ein Anliegen ist, dass er innerhalb seines „Handwerks“ ein Ziel vor Augen hat. Nämlich Brücken zu schlagen in einer Gesellschaft, die sich selbst manchmal für etwas gegensätzlicher hält, als sie vielleicht eigentlich ist: „Dass man so verschieden ist, dass man nicht miteinander reden kann. Ich glaube, das darf nicht sein. Und das hat mich auch Corona noch mehr gelehrt. Es kann nicht sein, dass es Gründe auf dieser Welt gibt, die uns so trennen, dass man gar nicht mit den anderen reden kann. Man muss ja nicht der gleichen Meinung sein, aber man kann wenigstens darüber reden. Und so ist das eben mit Musik auch. Musik verbindet und das versteht man, wenn man ein bisschen offen darüber denkt. Das hilft einem auch als Mensch. Und da kann einem die Kultur auch helfen.“

Infos und Termine

Im Zuge der „AllgäuKonzerte“ lädt Christian Segmehl am 29. März 2022 das Bill Laurance Trio nach Kißlegg ein und spielt selbst am 13. Mai 2022 mit den Augsburger Philharmonikern in Wangen.

Weitere Konzerte mit den Augsburger Philharmonikern finden am 4. und 5. April 2022 in der Kongresshalle Augsburg statt.

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