Ständische Interessenvertretung ohne Machtbefugnis

Propagandaminister Joseph Goebbels und die Aufgaben der Reichskulturkammer im Dritten Reich ·


(nmz) -

Als das NS-Regime am 15. November 1933 mit einem Festakt in der Berliner Philharmonie die Reichskulturkammer eröffnete, bot es geladenen Gästen aus Politik und Kultur – darunter die gesamte Reichsregierung – repräsentative Hochkultur. Das Berliner Philharmonische Orchester spielte zu Beginn unter seinem Chef Wilhelm Furtwängler die Egmont-Ouvertüre, dann unter der Stabführung von Richard Strauss dessen Festliches Präludium. Heinrich Schlusnus sang Lieder von Franz Schubert und Hugo Wolf und der Schauspieler Friedrich Kayssler rezitierte das Schiller-Gedicht „Über das Erhabene“. Im Zentrum aber stand die Rede des Propagandaministers Joseph Goebbels, der „die deutsche Kultur vor neuem Anfang“ sah. Tatsächlich spielte die Kunst im NS-Staat eine eminente Rolle. Hitler verstand sich nicht als einen Politiker, sondern als einen Kulturrevolutionär im Sinne Richard Wagners. Entsprechend endete der Festakt nach dem Goebbels-Auftritt mit dem „Wacht auf“-Chor aus den „Meistersingern“.


In seiner Rede hatte Goebbels eine neue „heroische Lebensauffassung“ gefordert, wie sie bereits „durch den Marschtritt brauner Kolonnen“ klinge. „Es ist eine Art von stählerner Romantik, die das deutsche Leben wieder lebenswert macht.“ Eine solche Romantik, die sich nicht vor der Härte des Daseins versteckt, stellte der Minister den Künstlern als Ideal vor Augen. Nun endlich, da ihre langgehegten Ziele verwirklicht seien, bräuchten sie sich nicht mehr in verträumte Innerlichkeit zu flüchten. Mit der Gründung der Reichskulturkammer dokumentiere der neue Staat die hohe Achtung, die er Kunst und Künstlern entgegenbringe.

Eine alte Idee

Die Idee eines einheitlichen Zusammenschlusses der Künstler war keine Erfindung von Goebbels, sondern ein alter Traum aus dem 19. Jahrhundert. Der Musikschriftsteller Franz Brendel, ein Mitbegründer des Allgemeinen Deutschen Musikvereins (ADMV), hatte schon 1866 eine zentrale staatliche Kunstbehörde gefordert. Der Orchestermusiker und Komponist Gustav Cords, Präsident des Allgemeinen Deutschen Musikerverbandes, bemühte sich ab 1911 gemeinsam mit dem ADMV um die Organisation einer Musikerkammer. Unter Leitung des Komponisten Max von Schillings verfolgte der Allgemeine Deutsche Musikverein dieses Ziel weiter. Auch Leo Kestenberg, der einflussreiche Musikreferent im Preußischen Kultusministerium, plädierte 1921 in seiner Schrift „Musikerziehung und Musikpflege“ für eine einheitliche Musikerkammer. 1925 widmete sich die Preußische Akademie der Künste dieser Idee, aber ohne Erfolg. Als der ADMV 1929 in Duisburg seine Tonkünstlerversammlung durchführte, stand die „Frage der Musikergemeinschaft“ erneut auf der Tagesordnung. Der Aachener Dirigent Dr. Peter Raabe begründete dies damit, dass die Musiker keine Vertretung im Parlament hätten. Wenn Künstler ihre Belange dort einbringen wollten, müssten sie sich an einen Abgeordneten wenden, der als Nicht-Fachmann die Interessen der Künstler nicht entsprechend vertreten könne. Da die Kunst und der Künstler gegenwärtig durch Einsparungen bedroht und das deutsche Musikleben von Entlassungen geprägt sei, brauchten die Künstler gerade jetzt eine Interessenvertretung nach dem Vorbild der Industrie- und Handelskammern.

Anfang 1932 griff der nationalsozialistische Kampfbund für deutsche Kultur diese Idee auf. Der Geiger Gustav Havemann, ein Aktivist der Gruppe, erwähnte dies gegenüber Max von Schillings, der skeptisch antwortete: „Woran wir schon 20 Jahre vergeblich arbeiten, das wollen Sie fertigbringen?“ Mitte 1932 bildete die Fachgruppe Musik des Kampfbundes einen von Friedrich Mahling geleiteten Sonderausschuss, der eine Musikkammer konzipieren sollte. Eine erste Denkschrift sah für die künftige Kammer nur deutsche Arier als Mitglieder vor. Dabei war Gustav Havemann, die treibende Kraft neben Mahling, zuvor an der Seite von Musikern jüdischer Herkunft, darunter die Pianisten Georg Bertram, Leonid Kreutzer und Bruno Eisler sowie der Intendant Kurt Singer, Vorsitzender des Deutschen Konzertgeberbundes gewesen. Nachdem sein Kollege Carl Flesch aber eine besondere Begabung von Juden für das Geigenspiel behauptet hatte, war es zu einer Auseinandersetzung gekommen, die Havemann in rassische Argumentationen hineinlenkte. Nun störte er sich auf einmal am starken jüdischen Anteil am deutschen Musikleben und wollte mit Hilfe der neuen Musikkammer solchen Ungleichgewichten entgegentreten.

Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler gründete Havemann zusammen mit dem Kapellmeister Heinz Ihlert und dem Musikwissenschaftler Friedrich Mahling, gestützt auf eine Vollmacht des Obersten Verbindungsstabes der NSDAP, das Reichskartell der Deutschen Musikerschaft, das als einzige Standesorganisation der deutschen Berufsmusiker anerkannte wurde. Mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit betätigte er sich an der „Gleichschaltung“ der Musikerverbände. Bis zum Herbst 1933 gelang es ihm, die folgenden Verbände mit insgesamt 14.000 Mitgliedern in sein Kartell einzugliedern: den Reichsverband Deutscher Tonkünstler und Musiklehrer, den Bund deutscher Konzert- und Vortragskünstler, den Reichsverband deutscher Orchester und Orchestermusiker, den Reichsverband deutscher Berufsmusiker, die Kapellmeister-Union und den Berliner Pianisten-Club. Nur der mit 20.000 Mitgliedern stärkste Musikerverband der Weimarer Republik, der Deutsche Musikerverband, ließ sich nicht vereinnahmen. Er entzog sich dem Druck, indem er eine eigenständige Fachschaft innerhalb der Deutschen Arbeitsfront gründete.

Die Wahl fiel auf Strauss

Im September 1933 wurde Joseph Goebbels ermächtigt, alle Künstler und Publizisten in einer von ihm geleiteten Reichskulturkammer zusammenzufassen. Allein die Mitgliedschaft in dieser Zwangsorganisation sollte zur Berufsausübung berechtigen. So konnte eine effiziente Kontrolle ausgeübt und das Wirken missliebiger Künstler behindert werden. Die Schaffung der Reichskulturkammer war ein geschickter Schachzug, wurde damit doch nicht nur der bislang sehr aktive Kampfbund für deutsche Kultur ausgeschaltet, sondern auch die Deutsche Arbeitsfront Robert Leys. Das Reichskulturkammergesetz vom 22. September 1933 überführte das Reichskartell der Deutschen Musikerschaft in die Reichsmusikkammer (RMK) und gliederte diese wiederum in die Reichskulturkammer ein. Deren Präsident wurde der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, der sich damit im Bereich der Kultur eine politische Monopolstellung sicherte. Die deutsche Kultur konnte er in einem Maße steuern und kontrollieren, wie es keinem Herrscher vor ihm möglich gewesen war. Da die Musik nicht mehr, wie früher, einem Ministerium für Kultur, sondern dem Propaganda-Ressort unterstand, war ihre politische Funktion im Sinne des neuen Staates festgelegt.

Wie Max Butting berichtet, hatte Hitler zunächst Max von Schillings zum obersten Repräsentanten der deutschen Musik ausersehen. Aber Schillings, damals zugleich Präsident der Preußischen Akademie der Künste, winkte ab. Nach seinem plötzlichen Tod im Sommer 1933 musste ein neuer Kandidat für diese Führungsfunktion gefunden werden. Die Wahl fiel auf Richard Strauss. Er kannte die alten Forderungen nach einer Musikerkammer, war aber nicht interessiert, in einer solchen Standesvertretung demokratische Gesetze walten zu lassen. Das im Hitler-Staat geltende Führerprinzip entsprach dagegen seinen Vorstellungen, weshalb er unter solchen Bedingungen das Amt eines Präsidenten der Reichsmusikkammer gerne annahm. Unter den sieben Einzelkammern der Reichskulturkammer (Schrifttum, Presse, Rundfunk, Theater, Film, Musik und Bildende Künste) war die für Musik nach ihrer Mitgliederzahl die größte. Obwohl die Komponisten darin nur eine kleine Gruppe darstellten, stand ihre Reichsfachschaft an der Spitze, gefolgt von den Fachschaften der Musiker, der Konzertveranstalter, der Chöre und der Volksmusik sowie der Musikalienverleger.

Als Richard Strauss am 13. Februar 1934 die erste Arbeitstagung der Reichsmusikkammer eröffnete, hob er den Einsatz der Regierung für den Wiederaufbau und die Vereinheitlichung des deutschen Musiklebens lobend hervor. Aus den zum Teil trostlosen Ruinen der letzten Jahre erblühe nun wieder neues Leben. Mit problematischen Worten versprach er: „Wir werden dem gesunden Schaffen die Bahn frei machen und dadurch das Kranke und Schädliche zurückdrängen und zum Verschwinden bringen.“ Nun endlich habe sich verwirklicht, was er und seine Mitstreiter sich 1903 bei der Gründung der Genossenschaft Deutscher Tonsetzer erhofft hatten. Wie damals lag nun die Verwaltung der musikalischen Aufführungsrechte wieder weitgehend in den Händen der Komponisten. Für die Urheberrechtsgesellschaft Stagma entwarf Strauss eine neue Satzung, die ihm als dem Reichsmusikkammer-Präsidenten fast diktatorische Vollmachten verlieh.

Für Richard Strauss bedeutete die Präsidentschaft einen wünschenswerten Machtgewinn. Seine Führungsrolle unter den deutschen Komponisten und deren Vorrang unter den Musikern schien damit gesichert. Strauss profitierte von der Gleichschaltung der bisherigen Musikerverbände in einer Einheitsorganisation, die sein energischer Vorgänger Gustav Havemann geleistet hatte. Anders als dieser verzichtete Strauss auf gewerkschaftliche Prinzipien, legte allerdings auch keinen Wert auf eine „Entjudung“ des Musiklebens. Sein Desinteresse an Rassenfragen versicherte er dem Dichter Stefan Zweig in einem Brief, der von der Gestapo abgefangen wurde. Da Strauss dadurch für das Dritte Reich untragbar geworden war, musste er 1935 sein Präsidentenamt abgeben.

Aushängeschild Peter Raabe

Sein Nachfolger wurde der Dirigent und Lisztforscher Peter Raabe, der – wie erwähnt – schon vor 1933 die Einrichtung einer Musikkammer gefordert hatte. Ähnlich wie Havemann hatte auch Raabe den Kampf gegen die Musiker-Arbeitslosigkeit auf seine Fahnen geschrieben. Immer wieder hatte er die Meisterwerke vehement gegen seichte Massenkultur verteidigt. Dies und autoritäre Neigungen verband ihn mit Strauss – und mit Adolf Hitler. Obwohl Raabe als Feind der Parteiendiktatur nie der NSDAP beitrat, bewunderte er Hitler als Kunstmäzen. Als Präsident der Reichsmusikkammer hoffte er, der deutschen Musikkultur helfen zu können.

Schon bald musste Raabe aber seine völlige Machtlosigkeit entdecken. Während es zunächst noch schien, als könnten die Künstler in den Einzel- u kammern mit ihren Dienststellen auf Gau-, Kreis- und Ortsebene eigene Interessen formulieren, degradierte Goebbels die Reichskulturkammer spätestens 1936 zu einem bloß noch ausführenden Organ. Wesentlichen Anteil an der Aushöhlung der Reichsmusikkammer hatte neben Goebbels der Freundeskreis des Weimarer Staatsrats Hans Severus Ziegler. Dessen Intrigen gegen das Weimarer Tonkünstlerfest von 1935 führten zur Auflösung des Allgemeinen Deutschen Musikvereins und zur Gründung einer Musikabteilung im Propagandaministerium. An deren Spitze stellte Goebbels den drittrangigen Dirigenten Heinz Drewes, der 1938 die Düsseldorfer Reichsmusiktage organisierte. Erstmals dokumentierte sich damit öffentlich die Führungsrolle des Ministeriums und die Hilflosigkeit der Reichsmusikkammer. Raabe war aus Protest gegen Zieglers Propaganda-Ausstellung „Entartete Musik“ zurückgetreten, wurde aber von Goebbels im Präsidentenamt belassen – der Minister brauchte den Dirigenten als liberales Aushängeschild, als Integrationsfigur. Nach außen hin sollte der Schein gewahrt werden, als sei die Reichsmusikkammer weiterhin die Standesvertretung der Musiker.

Drahtzieher Goebbels

In Wahrheit war sie ein als Kulturinstitution getarntes Kontroll- und Machtinstrument. Schon von Beginn an waren die eigentlichen Drahtzieher der Reichskulturkammer deren Vizepräsidenten Walther Funk und Leopold Gutterer, die als Staatssekretäre des Propagandaministeriums direkt Goebbels unterstanden. Parteisoldaten waren auch die Geschäftsführer der Kulturkammer, Reichskulturwalter genannt. Während es zunächst in der Kulturkammer noch keinen Arierparagraphen gegeben hatte, wurde Reichskulturwalter Hans Hinkel von Goebbels mit der „Entjudung des deutschen Kulturlebens“ beauftragt. So kam es, dass auch die Reichsmusikkammer ab 1935 ihre „nichtarischen“ Mitglieder entlassen musste. Peter Raabe unterzeichnete die Entlassungsbriefe, obwohl er wie Strauss kein Antisemit war. Als Generalmusikdirektor in Weimar hatte er mehrfach Mahler-Sinfonien dirigiert und Schönbergs Orchesterstücke op. 16 zur deutschen Erstaufführung gebracht.

In ihrer 2004 bei Böhlau erschienen Raabe-Biographie ist Nina Okrassa diesen Widersprüchen zwischen innerer Motivation und den äußeren Ergebnissen seines Tuns detailliert nachgegangen. Als Mensch verfocht Peter Raabe Kunstfreiheit und galt als „Judenfreund“, während er als Präsident die „Entjudung“ der Reichsmusikkammer betrieb. Die soziale Sicherung der Musiker, zu der er beitragen konnte, erkaufte er durch die Unterwerfung der Kunst unter staatliche Lenkung. Goebbels hielt an der Reichskulturkammer fest, weil dies alten Forderungen der Künstler entsprach. Er konnte so behaupten, das Dritte Reich verwirkliche Künstlerträume. Auch die österreichischen Musiker erhielten 1938 nach dem „Anschluss“ eine Musikkammer, die sie immer wieder gefordert hatten. Für Goebbels wurde die Reichskulturkammer zu einem wirkungsvollen Kontrollinstrument.

Ihre Wirkung beruhte vor allem darauf, dass sie den Künstlern Mitsprachemöglichkeiten suggerierte. Da der Minister eine wirkliche Mitsprache aber nicht zuließ, konnte er das Organisationsprinzip der Kulturkammern auch gefahrlos in die besetzten Länder exportieren. Am 25. Januar 1941 notierte er in sein Tagebuch: „In den Niederlanden die Kulturkammer eingeführt. Ganz nach deutschem Muster. Mit einem Schein von Selbstverwaltung. Das muss man immer tun.“ Diese Notiz enthüllt den Zynismus, mit dem Goebbels die Künstler behandelte. Die Reichskulturkammer mit den ihr angeschlossenen Einzelkammern war ein scheindemokratischer Deckmantel, der die Hitler-Diktatur als weniger brutal, ja sogar als akzeptabel erscheinen ließ. Mit der Wahl von Richard Strauss und Peter Raabe zu Präsidenten der Reichsmusikkammer gab Goebbels seiner eigenen Politik eine respektable Fassade. Hinter dieser bereitete er Krieg und Völkervernichtung vor – de facto wesentlich unterstützt durch die Reichskulturkammer.