Stafettenwechsel in spannenden Zeiten

Bundesversammlung und Hauptarbeitstagung des VdM in Regensburg


(nmz) -
70 Jahre Verband deutscher Musikschulen: Der VdM hatte auf seiner zweitägigen Veranstaltung in Regensburg mit Bundesversammlung und Hauptarbeitstagung Grund zu feiern. Neben Rückblicken war das Jubiläum aber vor allem Anlass, nach vorne zu schauen. „Erbe und Auftrag. Zukunft für und mit Musikschule“, lautete das Motto der Veranstaltung.
Ein Artikel von vdm

Neben einem Vortrag von Ulrich Mahlert und einem Podiumsgespräch mit Reinhart von Gutzeit, Michaela Stoffels, Christian Höppner, Ulrich Rademacher und Ulrich Mahlert, die die Entwicklung bis heute mit Ausblick auf das, was kommen wird oder muss, beleuchteten, ging es an diesen zwei Tagen tatsächlich um aktuelle und zukünftige Chancen und Herausforderungen. Podien und Workshops beschäftigten sich am zweiten Tag mit der Frage des Lehrkräfte-Nachwuchses, mit dem Berufsbild der Musikschullehrenden, mit Digitalität in Musikschulen und Inklusion. Darüber werden wir in der kommenden Ausgabe berichten. Die Bundesversammlung am ersten Tag war ein „Parforce-Ritt“ durch Themen, Aufgaben und Erfolge des VdM. Die „Regensburger Erklärung“ fordert eine zeitgemäße Anpassung der Vergütungen. Außerdem stand ein Stafettenwechsel an der Verbandsspitze an.

Bundeselternvertretung

Neben Berichten des Bundesvorstands und der Bundesgeschäftsstelle stand – letztmalig – der Bericht von Sibylle Gräfin Strachwitz als Vorsitzende der Bundeselternvertretung (BEV) auf der Agenda. 16 Jahre lang war sie Sprachrohr und Gesicht dieser Vereinigung, machte sich stark für die Belange der Musikschulen aus Elternsicht und stand auch für die enge Verbindung zwischen VdM und der BEV. Ihr großes Engagement beendet sie nun und verabschiedete sich von der Versammlung mit der eindringlichen Mahnung, sich für Elternvertretungen auf allen Ebenen einzusetzen. Die Musikschulleitungen forderte sie auf, durch direkte persönliche Ansprache Menschen, die sich engagieren könnten, für diese Arbeit zu motivieren. Eltern sind wichtige „player“ im Musikschulleben und können vieles bewirken. Die Versammlung dankte Gräfin Strachwitz mit langem Applaus für ihre Arbeit.

Aufholpaket und „Kultur macht stark“

Als Erfolg kann der VdM die beiden Förderprogramme werten, die in der Geschäftsstelle mit großem Einsatz betreut werden. Das Aufholpaket Kulturelle Bildung wird aus Mitteln des Kinder- und Jugendplans des Bundes finanziert und ermöglicht Akteuren der Kulturellen Bildung, Projekte zu fördern, die durch die Pandemie entstandene Defizite zumindest lindern soll. 2021 erhielt der VdM aus diesem Topf 600.000 Euro, 2022 sind es immerhin 1,2 Millionen Euro, die zu verteilen sind. Schwerpunktmäßig werden hier Aktivitäten im Elementar- sowie im Ensemblebereich unterstützt. Hier waren die Einschnitte in den letzten beiden Jahren besonders gravierend.

Das Projekt „MusikLeben“ des VdM im Rahmen des Bundesprogramms „Kultur macht stark“ läuft ebenfalls erfolgreich weiter. Die Anträge der Bildungsbündnisse vor Ort nehmen nicht ab, ebenso wenig die Kreativität, die die beantragten Projekte auszeichnet. Eine Abschlusskonferenz wird im September in Dortmund stattfinden; die Fortsetzung mit „Kultur macht stark 3“ steht aber schon fest. Besonders erfreut nahmen die Versammlungsteilnehmer zur Kenntnis, dass es zukünftig erstmalig möglich sein wird, auch Projekte einzureichen, an denen festangestellte Lehrkräfte beteiligt sind. Die vorgelegten Zahlen sind beeindruckend: 92.000 teilnehmende Kinder und Jugendliche verzeichnet der VdM seit Programmstart im Jahr 2013. Im Rahmen von „MusikLeben 2“ waren es 48.000. 19,5 Millionen Euro konnten seit 2018 verteilt werden, für „MusikLeben 3“ ist eine Aufstockung auf fast 22 Millionen Euro zu erwarten.

Nachhaltigkeit

Das Thema Nachhaltigkeit mit seinen drei Teilbereichen ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit beschäftigt den VdM und seine Mitgliedsschulen schon heute und wird es sicher auch in Zukunft tun. Zwei Konzepte wurden im Rahmen der Bundesversammlung als denkbare Grundlage für eine Herangehensweise an das Thema kurz aufgezeigt. Die „Sustainable Development Goals (SDGs)“ wurden im September 2015 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York verabschiedet. Sie skizzieren eine neue weltweite Agenda, um Armut und Hunger zu reduzieren, Gesundheit zu verbessern, Gleichberechtigung zu ermöglichen und den Planeten zu schützen. 17 Einzelziele werden hier aufgeführt, darunter die „chancengerechte und hochwertige Bildung“, „nachhaltige Städte und Gemeinden“, „Klimaschutz und Anpassung“ sowie „Frieden, Recht und starke Institutionen“. Vorgestellt wurde außerdem ein europäisches 5-Punkte-Papier zur „Ökologischen Zukunftsfähigkeit“, das sich zu den Themen „Management und Strategie“, „Kommunikation und Bewusstseinsbildung“, „Reisen“, „Events“ und „Office und Home Office“ positioniert.

Qualitätsmanagement

Nach mehr als 20 Jahren soll das QsM-System für die Musikschulen grundlegend überarbeitet werden. Joa­chim Rottluff vom Excellence Center Nürnberg und Friedrich Soretz, der den VdM bei diesem Thema seit langem begleitet, arbeiten gemeinsam mit dem Fachausschuss QM an dieser Überarbeitung. Als Basis für die Weiterentwicklung dient ein neuer Ansatz, das Common Assessment Framework (CAF), anschlussfähig an das bisherige System, aber näher an der Praxis. Vorteile sind unter anderem, dass das CAF kostenfrei und verwaltungsnah ist, dass es auch den Prozess der Umsetzung berücksichtigt und dass es sich um ein „open-source“-Programm handelt, das frei von wirtschaftlichen Interessen ist.

Prävention und Kindeswohl

Das Thema „Sichere Musikschule“ beschäftigt den Verband schon länger. Jetzt konnte eine Arbeitshilfe präsentiert werden, die sich in der Finalisierungsphase befindet und voraussichtlich im Herbst 2022 zur Verfügung steht. Sehr detailliert wird diese Arbeitshilfe über alle relevanten Bereiche von Prävention, Kindeswohl und Kindesschutz Auskunft geben, einen Notfallplan bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung bereitstellen und Hinweise enthalten, wo man sich im Fall von Unsicherheiten Unterstützung holen kann. Ein Kurzfilm der Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen zeigt, was zu beachten ist und welche Rechte und Möglichkeiten Kinder haben, die Übertretungen oder sexuellen Missbrauch erleben.

Digitale Entwicklung in Musikschulen

Über die geplante Digitalstrategie des Verbandes wurde in der nmz schon berichtet: Eine politische Kampagne, die die drei Ebenen Bund, Länder und Kommunen ansprechen soll, hat zum Ziel, erhebliche Mittel für eine flächendeckende Aufrüstung der Musikschulen zu erhalten. Über die Landesverbände und politische Kontakte vor Ort, auch zu Landtags- und Bundestagsabgeordneten, soll ein breites Bewusstsein für die Notwendigkeit geschaffen werden, Musikschulen in diesem Bereich zu unterstützen. Als Argumentationshilfe wird es einen „Baukasten“ für die Landesverbände geben, der Daten, Zahlen und Fakten enthält. Für das Jahr 2023 ist dann ein Parlamentarischer Abend in Berlin geplant. Berichtet wurde auch über die Arbeit der Lenkungsgruppe, die sich den drei Feldern „Kommunikation“, „Unterricht“ und „Verwaltung“ widmet. Unter anderem sind hier neue Fortbildungsformate geplant. Präsentiert wurde die „Smart Musikschule“, ein System, das Musikschulen kostengünstig Unterstützung in der digitalen Entwicklung bietet. Der „Remix-Contest“, entwickelt für die RuhrMusikschulen, ist ein interaktiver und digitaler Musikwettbewerb, zu dessen Vorbereitung auch Workshops angeboten werden. Hierüber wird zukünftig zu berichten sein.

Inklusion

Der Kurzvortrag von Robert Wagner bereitete das Feld für die anschließenden Workshops zum Thema Inklusion im Rahmen der Hauptarbeitstagung. Eine zentrale These lautet, dass inklusive Musikschulen solche sind, die „in Bewegung“ sind oder „sich auf den Weg machen“, dass sie Verantwortung tragen für eine demokratische und diverse Welt, dass sie gesellschaftsrelevant sind. Damit geht das Konzept „Inklusive Musikschule“ inzwischen weit über die Idee hinaus, zum Beispiel Menschen mit Behinderung ein musikpädagogisches Angebot zu machen.

Goldene Stimmgabel

Ulrich Mahlert, Professor i.R. für Musikpädagogik an der Fakultät Musik der Universität der Künste Berlin, der in seinem Eröffnungsvortrag eindrücklich seine eigene Geschichte der Annäherung an die Musikschule sowie der Annäherung zwischen Musikhochschulen und Musikschulen im Allgemeinen aufzeichnete, wurde vom VdM mit der „Goldenen Stimmgabel“ geehrt.

Gewürdigt wurde sein langjähriges Engagement für die Arbeit der Musikschulen und des Verbandes. Sein Bekenntnis: „Ich habe die Musikschule lieben gelernt“, war deutlicher Ausdruck der gegenseitigen Nähe und Wertschätzung.

Wahlen

Ulrich Rademacher, seit 2013 Vorsitzender des VdM, hatte angekündigt, sein Amt mit dieser Bundesversammlung abzugeben und damit den Staffelstab weiterzureichen (s. auch Interview mit Ulrich Rademacher und Matthias Pannes in der nmz, 5-22). Mit „standing ovations“ dankte die Bundesversammlung dem scheidenden Vorsitzenden für dessen Einsatz und Verbandsführung. Zur Wahl des neuen Vorsitzenden stand Friedrich-Koh Dolge, Direktor der Stuttgarter Musikschule und ebenfalls seit 2013 Stellvertretender VdM-Vorsitzender – mit viel Erfahrung und Knowhow in der Verbandsarbeit. Mit lediglich zwei Neinstimmen wurde Dolge zum neuen Vorsitzenden gewählt. Als neuer Stellvertreter stellte sich Bundesvorstandsmitglied Volker Gerland zur Wahl. Auch Gerland wurde mit großer Mehrheit in dieses Amt gewählt. Ulrich Rademacher wurde im Anschluss an die Wahl von den Mitgliedern zum neuen Ehrenvorsitzenden ernannt.

Regensburger Erklärung

Ein zentrales Thema der zweitägigen Veranstaltung war der Fachkräftemangel bei den Musikschulen, der sich in einigen Regionen und in einigen Fachbereichen bereits deutlicher zeigt als in anderen. Sicher ist, so erklärte der scheidende Bundesvorsitzende Ulrich Rademacher mit erschreckender Klarheit: Wenn sich an den Bedingungen für den Beruf des Musikschullehrers/der Musikschullehrerin nichts ändert, wird es die Musikschulen in der Form, wie wir sie heute kennen, nicht mehr geben. Anlass genug für eine „Regensburger Erklärung“ unter dem Titel „Es ist an der Zeit!“, die fordert, Verantwortung für die Zukunft öffentlicher Musikschulen zu übernehmen und Vergütungen zeitgemäß anzupassen.

Den ganzen Text der Regensburger Erklärung finden Sie auf der Webseite des VdM (www.musikschulen.de).

 

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