Stationen einer Angst, Absturz ins Innere

Die Berliner Komische Oper wagt sich szenisch an Christian Josts Chorwerk „Angst“


(nmz) -
„Angst – Fünf Pforten einer Reise in das Innere der Angst“ nennt der Komponist Christian Jost seine Choroper, die vor drei Jahren beim Berliner „Ultraschall-Festival“ vom Rundfunkchor Berlin uraufgeführt wurde. Josts Werk gehörte neben drei weiteren Arbeiten, unter anderem von Franco Evangelisti („Die Schachtel“) und einer Choreographie zu Helmut Lachenmanns „Mouvement – vor der Erstarrung“ zu jenen Werken, die neue Möglichkeiten einer aus der Musik entwickelten Theatralisierung erforschen. In der „Angst“ bestand diese Theatralisierung darin, dass sich die Chorsänger auch schon einmal um die eigene Achse drehten oder verkrümmt am Boden hockten, um innere Bewegtheit zu signalisieren. Für ein neues „Musik-Theater“ erschien das damals doch ein wenig dürftig, was auch auf die Musik selbst unvorteilhaft zurückwirkte. Auch schien die von Jost intendierte Nachzeichnung psychischer Dispositionen durch die Musik oft leicht pastos und unscharf.
Ein Artikel von Gerhard Rohde

Es gehört zu den erfreulichen Entwicklungen im Musikleben, dass es mehr und mehr bei neukomponierten Werken nicht bei der einmaligen Uraufführung bleibt – dafür wurde ja einmal das spöttische Wort von der Ur-Dernière geprägt – , sondern dass sich mutige Häuser nicht länger zu schade sind, etwas schon Uraufgeführtes auch einmal nachzuspielen. Für Christian Josts „Angst“ bedeutete das Interesse der Komischen Oper Berlin dabei ein doppeltes Glück, weil das Haus für seine Choroper nicht nur musikalisch eine Zweitaufführung arrangierte, sondern gleich und zum ersten Mal auch eine richtige szenische Darstellung ermöglichte.

Jost gehört zu den Komponisten, deren Schaffen auch sehr stark von optischen Erfahrungen beeinflusst wird. Musikalische Erfindung und visuelle Imaginationen durchdringen sich gegenseitig, komponierte Gestik drängt zu gestischer Umsetzung, sei es auf der Bühne selbst oder im bewegten Bild. Ausgangspunkt, auch bei der „Angst“, sind häufig äußere Ereignisse, die aber nicht realistisch abgebildet werden, vielmehr psychische Folgezustände beschreiben. Die Geschichte, die Josts „Angst“ zugrunde liegt, hat sich sehr dramatisch in der Wirklichkeit ereignet: Der Alpinist Joe Simpson schildert in seinem Buch „Sturz ins Leere“, wie er sich beim Abstieg von einem Sechstausender in den Anden schwer verletzte. Sein Partner versuchte ihn abzuseilen, doch dabei erschöpfte sich dieser so sehr, dass er selbst in tödliche Gefahr zu geraten drohte. In höchster Not zerschnitt er das Seil, Simpson stürzte und fand sich in einer Gletscherspalte wieder. Er konnte sich bis ins Basislager retten. Was sich bei all dem in seinem Inneren abgespielt hat, könnte ein Kompendium über Angstzustände füllen.

Auf dieses Innere zielt Christian Jost mit seiner Choroper. Angst ist ein äußerst vielgestaltiges Phänomen. Sie entsteht aus physiologischen, psychischen und sozialen Dispositionen. Es gibt auch Angst als geistiges Phänomen. Jost beschreibt in seinen „Fünf Pforten“ verschiedene Stationen einer Angst. Die erste Pforte mit dem Titel „Fallen“ assoziiert noch als Hintergrund den dramatischen Absturz in den Anden. In der zweiten Pforte wird, gleichsam als lyrischer Kontrapunkt zur Dramatik des Vorgegangenen, Hölderlins Ode „An die Parzen“ zitiert, in einem wunderbar ausgehörten A-cappella-Satz für sechs Frauenstimmen.
Der Komponist arbeitet hier sehr überlegt mit atmosphärischen und musikalischen Kontrasten. Wenn er im dritten Teil, der Pforte „Kalt“, ein Kindheitstrauma reflektiert, beginnt die Musik zunächst mit einem leise wiegenden Instrumentalvorspiel, bis das Klavier energisch die Führung in die „Finsternis eines düsteren Kellers“ übernimmt. Die vierte Pforte, „Amok“ betitelt, beschreibt in erregenden Worten eine Folterszene in einem Lager, während die finale Pforte im Tonfall wieder an den Anfang, auf das „Fallen“, zurückkehrt.

Für die Inszenierung des Werks fanden sich an der Komischen Oper die bosnische Regisseurin Jasmina Hadziahmetovíc für die szenische Einrichtung, Franck Evin als Licht- und Raumgestalter, Katrin Kath als Kostümbildnerin und für die Videosequenzen Beate Baron zusammen. Die Absichten der Inszenierung dürften alle in einer eher seltenen Übereinstimmung formuliert haben: so wenig wie möglich Realistik; kein Bergsteigerdrama; reale Bilder höchstens assoziativ eingeblendet – als Verweis darauf, aus welchen Umständen Angstzustände entspringen. So korrespondieren die Video-Aufnahmen von Kriegsmassakern mit den grünen Särgen von Srebrenica, die plötzlich aus dem virtuosen Wirbel von Rechtecken hervorbrechen, perfekt mit den Bewegungen der Musik. Hier gelingt es endlich einmal, Videotechnik und Musik als szenisch-musikalische Einheit zu fassen. Die Inszenatoren entwickeln für die fünf Pforten auch verschiedene Requisitenspiele, die diese sinnstiftend verknüpfen. Vor allem das „Tuch“ gewinnt eine große Bedeutung: Zusammengeknüpfte Tücher stellen den Lebensfaden der Parzen dar, an dem die Seelen der Verstorbenen nach oben entschwinden. Am Tuchseil hing auch der Bergsteiger Simpson, und die Mütter von Srebrenica knüpften ein langes Seil im Gedenken an ihre gefallenen Söhne, das sie in stummer Trauer durch die Straßen zogen. Persönliche Erlebnisse der bosnischen Regisseurin fließen so in die Inszenierung ein, ohne dass solche Einbringungen das Thema „Angst“ verstellen. Eindrucksvoll wird neben dem Video auch mit dem Licht gearbeitet: Das Licht entwirft und strukturiert unablässig Räume, lässt diese durch rhythmisches Zucken öffnen und schließen. In den Lichträumen entfaltet sich dann das bewegte Spiel der Chorsänger, Auftritte, Abgänge, verängstigtes Niederkauern, Krümmen, Sichwinden – immer mit dem Notenband in der Hand. Auch dieser optische Rückgriff auf eine Konzertsituation wirkt jeder Äußerlichkeit der szenischen Vorgänge entgegen, konzentriert alles auf die nach innen gerichteten Perspektiven.

Die Aufführung besaß auch musikalisch hohes Niveau. Im Rundfunkchor Berlin gibt es nicht nur hochprofessionelle Sänger, sondern auch bemerkenswerte Spieltalente. Simon Halsey dirigierte Chor und ein zehnköpfiges Instrumentalensemble aus Mitgliedern des Opernorchesters mit großem Einfühlungsvermögen in Christian Josts vielgestaltige Musik.

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