Streng quellenorientiert

Zwei grundlegende Neuerscheinungen zu Wagner und Bayreuth


(nmz) -
Ungebrochen sein Bann, schillernd und oft beweihräuchert seine Persönlichkeit, weltumfassend-mythendurchtränkt sein Werk: Richard Wagner. Diese Verklammerung von Leben und Opus dient – wieder einmal – als Ausgangslage für eine neue Wagner-Biographie. Nur dass sich Ulrich Drüners 800-Seiten-Wälzer nicht irgendwo und mittelplatzverloren in die lange Lis­te mit Wagner-Forschungen einreihen wird, sondern weit vorne.
Ein Artikel von Christoph Vratz

Drüner rückt das Thema der künstlerischen Selbstinszenierung in den Fokus, ähnlich wie Daniel Ender 2014 bei Richard Strauss (vgl. nmz 6/14). Drüner, jahrzehntelang Musiker im Stuttgarter Staatsorchester und erfolgreicher Musik-Antiquar, ist kein Emphatiker, der immer wieder im Begeisterungssog für den Biographierten strauchelt. Er wahrt vielmehr eine nüchterne Sichtweise, die jeder Leser gerade bei Wagner als besonders wohltuend empfinden wird. So ist der Blick frei für eine blitzblanke Argumentation, die einige Aspekte neu aufrollt. Etwa das Märchen von der großen Armut während der Pariser Zeit. Wagner hätte eigentlich genug Geld gehabt, doch seine Spendabilität und seine Fähigkeit, sich anderen bettelnd anzudienen, wird zunehmend Teil seiner klugen Selbstvermarktungsstrategie. Ehrlichkeit und Offenheit taugen nicht viel, erkennt Wagner, und das haben neben ihm auch Paganini, Liszt und Rivale Verdi erfahren. Also bastelt Wagner an einem Mythos, seinem eigenen. Dazu hat, im Nachhinein, auch seine Autobiographie wesentlich beigetragen. Wagner war clever oder verwegen genug, sein Leben und sein Werk als große Mission zu verkaufen; dazu verschönte, verschwieg und manipulierte er, dass sich jedem seriösen Biographen die Nackenhaare sträuben …

Bereits im Vorwort verspricht Drüner eine neue Wahrheit – das ist sicher etwas überzogen, zumal der Wahrheitsbegriff unscharf bleibt gegenüber den subtilen Techniken von Wagners Selbstinszenierung. Die arbeitet Drüner jedoch genau heraus, auch rund um das Dauerbrodel-Thema Antisemitismus. Dass der Autor der Wagner-Rezeption romanhafte Tendenzen unterstellt, ist sicher berechtigt; dass er aber, mitunter vereinfachend, gegen Forschungsergebnisse anerkannter Wagnerianer wie Udo Bermbach austeilt, ist grenzwertig und, im genannten Fall, unbegründet. Drüner sucht nach antisemitischen Tendenzen auch in Wagners Opern, und findet sie, natürlich, gleich mehrfach. Allerdings beweisen Wagners Bühnenwerke, dass Ideologie in der Kunst überwunden werden kann, denn Wagners Musik ist feiner, subtiler, raffinierter als jede plumpe Ideologie.

Das wiederum zeigt, wie wohltuend un-ideologisch Drüner selbst vorgeht. Er schaut genau hin, wägt ab und lässt ein sehr plastisches Bild vom streitlüs­ternen Zwerg Wagner entstehen, der marionettenspielergleich versucht, alle Fäden in der Hand zu halten. Drüner weist nach, wie Wagners Selbstinszenierung von stimulierenden Faktoren abhängig war: von seinem Hang zu Luxus, den Wutkaskaden, seinen spannungsgeladenen Amouren und eben seinem Antisemitismus. Es gibt immer wieder Passagen, wo der Leser in Hab-Acht-Stellung versetzt wird, weil er bestimmte Zusammenhänge so noch nicht aufgedröselt bekommen hat: Minna etwa lockt Drüner aus der Nische der wenig(er) beachteten ersten Anhängsel-Ehefrau. Auch Wagners Selbstverständnis als Dirigent wird aufgewertet: In Dresden dirigierte er Gluck nach dem Urtext! Ulrich Drüner bringt, dank seiner jahrelangen kritischen Quellenlektüre, die Dreifaltigkeit Wagners – Privatperson, Künstler, politisch Denkender – souverän unter einen Hut. Künftige Wagner-Forschung wird auf diesen Band gewiss immer wieder zurückkommen.

Nicht weniger aufwändig kommt Oswald Georg Bauers zweibändige „Geschichte der Bayreuther Festspiele“ daher. Man braucht Ausdauer und Muskelmasse, um diese kilo-schwere Veröffentlichung immer wieder zu Rate zu ziehen – und wird dafür reich belohnt. Jahr um Jahr gräbt sich Bauer durch die Festival-Geschichte, angefangen von der ers­ten brieflich bekundeten Festspiel-Idee bis zum kommerzialisierten Fes­tival zur Jahrtausendwende. Dass die Zeit danach auffallend knapp resümiert wird, begründet Bauer damit, dass ihm als Theaterwissenschaftler zu diesen Jahren die nötige Distanz fehle. Sehr ehrlich!

Die Geschichte der Festspiele wird, dank Bauers ebenso akribischer wie liebevoller Publikation, zu einer eigenen Kulturgeschichte, vom (Vor-)Kaiserreich über zwei Weltkriege bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, eine Historie, die das Private des Wagner-Clans mit dem Politischen und dem Künstlerischen umsichtig verbindet. Bauer versteht sich nicht als Hofberichterstatter der ­Familie. Privates wird nur ausgebreitet, sofern es für die Festspiele von grundlegender Bedeutung ist.

Die Fülle an Detailbeobachtungen ergibt nicht nur eine beeindruckende Gesamtschau, sondern hilft auch, manches Heutige zu relativieren. Wenn anno 2016 Andris Nelsons abreist, um nicht zurückzukehren, so hatte sich schon Hans Richter, Uraufführungsdirigent des „Rings“, während der Probenphasen vom Grünen Hügel verflüchtigt, ohne Abschied. Eine revolutionäre Entscheidung, denn Mitarbeiter wurden ehedem wie Eigentum behandelt, ergeben und treu. Und heute?

Bauer dokumentiert, wie sich in den ersten Festspiel-Jahren erst einmal organisatorisch vieles zurechtruckeln musste, bevor mehr und mehr an einer bestimmten Ästhetik gearbeitet werden konnte. Deren notwendige Modernisierung wurde allerdings von Cosima lange in Schach gehalten. Bauer hat nicht nur die schriftlichen Quellen aufgespürt, sortiert und ausgewertet, sondern auch Berge von Bildmaterial, so dass hier Text und Bild ein dokumentarisches Hand in Hand bilden. Dokumentation – das ist, was Bauer erreichen möchte und was ihm famos gelingt. Er versteht sich nicht als Deuter, als Werter oder Richter. Dieser Ansatz gilt uneingeschränkt für den ersten Band und weitgehend für Teil zwei, der mit „Neu-Bayreuth“ beginnt. Doch erwächst hier aus Bauer, dem peniblen Chronisten, zunehmend Bauer, der Zeitzeuge und Beobachter. Vielleicht aber ist es das große Verdienst, dass der Autor, der von 1974 bis 2008 in unterschiedlichen Funktionen für die Festspiele tätig war, diese Position nicht missbraucht, auch wenn er nun verstärkt subjektiv urteilt. Gerade beim summarischen Blick auf die Zeit nach 2000 spricht aus Bauer der Mahner, jemand, der Gedanken und Debatten anregen möchte, weil er genau weiß: Für dokumentarische Zwecke ist die zeitliche Distanz eben noch nicht groß genug.

  • Ulrich Drüner: Richard Wagner. Die Inszenierung eines Lebens, Blessing, München 2016, 832 S., Abb., € 34,99, ISBN: 978-3-89667-563-7
  • Oswald Georg Bauer: Die Geschichte der Bayreuther Festspiele, Band I: 1850–1950, Band II: 1951–2000, Deutscher Kunstverlag, Berlin 2016, 1292 Seiten, Abb., € 28,00, ISBN: 978-3-422-07343-2
Beschriebene Rezensionsobjekte: 

Richard Wagner. Die Inszenierung eines Lebens

  • Ulrich Drüner
  • Blessing, München
  • 832 S.
  • ISBN 978-3-89667-563-7
  • 34,99 Euro
  • Abb.

Die Geschichte der Bayreuther Festspiele

  • Oswald Georg Bauer
  • Deutscher Kunstverlag, Berlin
  • 1292 S.
  • ISBN 978-3-422-07343-2
  • 28,00 Euro
  • Band I: 1850–1950, Band II: 1951–2000, Abb.

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