Studieren in der „Light-Version“

Drei Perspektiven, eine Einsicht: Künstler müssen in der Gesellschaft lauter werden


(nmz) -
„Jetzt ist es umgekehrt auch an uns, den Älteren, Solidarität mit Ihnen zu zeigen!“ formulierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 12. April in Berlin in seiner Rede an alle Studierenden; „die Gesellschaft darf nicht darüber hinwegsehen, wie die junge Generation aus dieser Jahrhundertkrise hervorgeht. Ich finde: Bildung gehört – auch in der Pandemie – ganz oben auf die Tagesordnung.“ Gesagt, gehört – doch traf sein Mut machender Appell bei den Adressaten ins Schwarze? Dies und wie sie persönlich das Studium unter Corona-Bedingungen erleben, wollte der HfMDK-Präsident Prof. Elmar Fulda von drei Studierenden der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt wissen: von der Schauspielstudentin Johanna Engel, der Lehramtsstudentin Hannah Pommerening und dem Geiger Julian Fahrner, der kurz vor dem Konzertexamen steht.
Ein Artikel von Björn Hadem, Hannah Pommerening, Johanna Engel, Julian Fahrner

Wir befinden uns mittlerweile im dritten Semes­ter mit pandemiebedingten Einschränkungen im Studienbetrieb: Dazu gehören Maskenpflicht, Abstandsgebot, Teilnehmerbeschränkungen bei Gruppenveranstaltungen und Digital-Formate für alle diskursiven Angebote wie Seminare und Vorlesungen. Das bedeutet für Sie, Frau Engel, dass Sie im zweiten Semester Schauspiel eine studentische Normalität noch gar nicht kennen. Wie geht es Ihnen damit?

Johanna Engel: Dadurch, dass ich Studieren unter „normalen“ Bedingungen gar nicht kenne, blieb mir ein großer Umbruch erspart. Was ich jetzt erlebe, fühlt sich wie eine „Light-Version“ von dem an, was ich erwartet hatte – und das, obwohl sich alle die größte Mühe geben und der Zusammenhalt in der Schauspielabteilung riesig ist.

Wie empfinden Sie, Frau Pommerening, die aktuelle Lage im zehnten Semester Lehramt?

Hannah Pommerening: Ein Studium wie „vorher“ sehne ich mir sehr oft herbei. Wir haben plötzlich mit Problemen zu tun, von denen man nicht dachte, dass man sie jemals haben könnte. Zweifellos: Die Situation ist belastend. Ich persönlich habe das Glück, dass ich einige meiner Unterrichte und Prüfungen schon vor der Pandemie abgeschlossen habe. Meine Chorleitungsprüfung konnte ich einen Monat vor dem ersten Lockdown ablegen – eine wahre Punktlandung.  Chorleitungsunterricht kann beispielsweise gerade nicht mit einem Chor stattfinden, dennoch sollen wir Studierenden Erfahrung sammeln, mit einem Ensemble zu arbeiten. Überhaupt sind wir jungen Menschen gewohnt, überwiegend in Gesellschaft zu leben. Das ist seit über einem Jahr stark eingeschränkt.

Herr Fahrner, Sie befinden sich mit dem im Sommer anstehenden Konzertexamen am Ende eines langen Studiums. Wie waren für Sie die vergangenen zwei Semester?

Julian Fahrner: Als die Corona-Krise Deutschland erreichte, stand ich gerade noch als Konzertmeister beim Staatstheater Darmstadt unter Vertrag. Nach Abbruch der Spielzeit durch den ersten Lockdown  konnte ich die frei gewordene Zeit intensiv zum Konzertexamens-Studium nutzen. Hier wurde mir deutlich, wie unverzichtbar Präsenzunterricht ist. Im reinen Digitalunterricht auf Distanz sind die Grenzen, um an klanglichen wie technischen Feinheiten zu arbeiten, eng gesteckt. Im Übrigen fühlte ich mich dadurch blockiert, dass eine Zeit lang alle Probespiele abgesagt waren.

Und wie ist es Ihnen gelungen, die feste Stelle als stellvertretender Konzertmeister zu bekommen?

Fahrner: Mir war klar, dass es irgendwann wieder Probespiele geben würde. Daher nutzte ich die Zeit, um mich mental auf einen Konkurrenz-Wettbewerb vorzubereiten, der sicher nicht leichter werden würde. „Vorbereitet sein“ lautete meine Devise, die mir geholfen hat, das wichtige Probespiel für mich zu entscheiden.  

Hat sich Ihre Berufsperspektive durch die Pandemie-Krise verändert?

Pommerening: Als Lehrerin, so ich mich für diesen Weg entscheide, werde ich nach wie vor gebraucht. Da ich mich aber auch der Welt des Theaters verbunden fühle, denke ich darüber nach, wie Corona diese Szene verändert. Die Lust, darin zu arbeiten, lasse ich mir nicht nehmen, glaube aber, dass es schwieriger geworden ist, in der Branche Fuß zu fassen.  

Die Perspektive auf ein mögliches Lehrerdasein dürfte sich aber schon verändert haben – immerhin leiden Schulen extrem unter der Krise.

Pommerening: Die Art und Weise, wie Schule in Zukunft aussehen wird, wird eine andere sein als vor Corona. In Sachen Digitalisierung stehen große Veränderungen an. Auf die bin ich in meinem Lehramtsstudium aber definitiv noch nicht vorbereitet worden.

Und was bedeutet Corona für Ihre Musik?

Pommerening: Für mich war schon immer das Musizieren in Ensembles wichtig – genau das macht Corona ja gerade für alle so gut wie unmöglich. Das schockiert mich und lässt mich mit Sorgen auf die aktuelle Schülerschaft blicken: Kinder können gerade nicht erfahren, wie schön es ist, in einer Bigband oder einem Schulchor mitzuspielen. Es wäre sehr traurig, wenn sie deswegen die Musik nicht für sich entdecken können.  
 
Wie schauen Sie, Frau Engel, als junge Schauspielerin angesichts von Corona auf Ihre Sparte?

Engel: Mir bleibt nichts anderes übrig, als optimistisch zu bleiben, sonst wäre es schwer durchzuhalten. Den Kampf um eine solide Existenz als Schauspielerin und Schauspieler gab es ja schon immer. Aktuell sorge ich mich, ob die gegenwärtige Art des Studierens jene Qualität der Ausbildung liefern kann wie zu „normalen“ Zeiten. Aber ich lege einfach viel Vertrauen in die Hochschule und hoffe, dass sie mich trotz aller Widrigkeiten gut auf die Szene „draußen“ vorbereitet.

Wie haben Sie sich im Laufe des letzten Jahres finanziell über Wasser halten können?

Fahrner: Ich erhielt aufgrund meines Zeitvertrags in Darmstadt Überbrückungshilfe. Sehr vereinzelt konnte ich kleine musikalische Projekte bestreiten.

Johanna Engel: Ich habe das große Glück, dass ich von der Hochschule als wissenschaftliche Hilfskraft angefragt wurde. Theateraufführungen, in die ich hätte hineinspringen können, gab und gibt es nicht. Es ist für alle Studierenden gerade schwieriger, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Jeglicher Luxus ist momentan undenkbar – aber unternehmen kann man ja gerade eh nicht viel.

Pommerening: Auch ich habe zum Glück einen Hiwi-Job an der Hochschule, außerdem unterstützen mich meine Eltern. Bis Ende der letzten Spielzeit bekam ich von der Oper Frankfurt noch teilweise ausgefallene Aufführungen bezahlt; dort habe ich im Extra-Chor gesungen, der in der aktuellen Spielzeit aber nicht arbeitet.

Am 12. April hielt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Berlin eine Ansprache, die er an alle Studierenden richtete, um Ihnen Mut zuzusprechen. Sie haben die Rede über Video verfolgt: Ist es ihm gelungen, Sie zu motivieren?

Engel: Das Problematische an der Rede war aus meiner Sicht, dass sie alle Studierenden unerwähnt ließ, die in kreativen Berufen arbeiten wollen. Das ist schade. Die Kunstszene wird von der Politik gerade nonstop vergessen, die Veranstaltungsbranche eingeschlossen. Es ist auf Dauer frustrierend, sich nicht mehr ernstgenommen zu fühlen, dafür aber komplett vergessen.

Pommerening: Ich habe von ihm nichts gehört, was mich positiv überrascht oder mich beruhigt hätte. Positiv fand ich, dass er benannt hat, was in unserer Situation gerade allgemein problematisch läuft. Doch die Kultur hat er in der Tat vergessen.

Fahrner: Ich empfand die Rede als ein Zeichen der Wertschätzung für die Studierenden, und sie transportierte eine Haltung von Selbstkritik, die ich schätze. Selbstkritisch möchte ich nämlich auch selbst sein: Schon vor der Krise haben wir Künstler uns gegenüber der Gesellschaft in eine Situation gebracht, in der wir zu wenig wahrgenommen werden; in unserer Branche hat sich geradezu ein Minderwertigkeitsgefühl gegenüber allen anderen Bereichen der Gesellschaft verfestigt. Das mutige Umdenken, von dem der Bundepräsident sprach, möchte ich persönlich in Anspruch nehmen. Alle – auch wir Künstler – sollten bemüht sein, eine neue Verständigungsebene zu finden im kommunikativen Miteinander von Künstlern, Veranstaltern und Politikern. Anders formuliert: Die Kulturschaffenden müssen politischer und kommunikativer werden. Die Unverzichtbarkeit unseres Beitrags für die Gesellschaft müssen wir allen Menschen verdeutlichen. Dies ist freilich ein Prozess, der in einer Krise nicht so schnell realisierbar ist. Doch wir haben uns vorher lang genug ausgeruht.

Engel: Das sehe ich anders. Ich bin der Meinung, dass Künstlerinnen und Künstler schon vieles ansprechen (sicher nicht alles), aber dies wird von der Politik derzeit, wie so oft bereits vorher, bei Seite geschoben.
 
Welche Aussagen hätten Sie – wären Sie Redenschreiber – dem Bundespräsidenten noch in den Mund gelegt?

Pommerening: Wäre ich verantwortlich gewesen, hätte ich einfach jemand anderen gebeten, sich an die Studierenden zu wenden, nämlich einen für die aktuelle Corona-Politik wirklich Verantwortlichen – Merkel oder Spahn beispielsweise. Das hätte viel eher den Nerv der Studierenden getroffen. Von diesen Entscheidungsträgern sind die Studierenden enttäuscht, nicht von Herrn Steinmeier.  

Was empfehlen Sie der Kunst und Kultur für die Zeit nach Corona?

Fahrner: Allen Kunstschaffenden empfehle ich, über vorhandene Probleme aktiv zu kommunizieren und nicht abzuwarten, dass die Politik es für sie tut. Entscheidend ist aus meiner Sicht für die Kunst, ihre Opferrolle abzulegen. Und wir sollten uns bemühen, die Zielgruppe derer zu erweitern, die wir in unseren Kosmos holen wollen.

Engel: Wir sollten noch lauter werden, unsere Stimmen noch hörbarer machen, immer politisch sein, hartnäckig bleiben, Probleme ansprechen; angefangen mit der Frage nach einer fairen Bezahlung bis hin zur Diskussion über Sinn und Folgen von hierarchischen Strukturen. Auch mit den Themen, die wir auf die Bühne bringen, sollten wir die gesellschaftliche Relevanz der Theater untermauern.

Welche Themen gehören dann konkret auf die Bühne?

Engel: Es wird gerade gern von der Einschränkung der Meinungsfreiheit gesprochen, es tauchen schlimme Vergleiche auf, eine Radikalisierung ist spürbar – all das muss geschichtlich und soziologisch aufgearbeitet werden.

Pommerening: Nach der Krise wird der „Hunger“ in allen thematischen Bereichen der Kunst sehr groß sein. Die Breite an Betrachtungsweisen sollte dabei nicht verloren gehen, ebenso wenig die künstlerische Qualität.  

Bei dieser Gelegenheit: Was wollten Sie Ihrem Hochschulpräsidenten schon immer zur Bewältigungsstrategie der Corona-Krise im eigenen Haus sagen?

Fahrner: Die Kommunikation über die in der Hochschule getroffenen Maßnahmen habe ich als sehr transparent erlebt – sie verhinderte viele Missverständnisse.

Engel: Unter anderem möchte ich ein „Dankeschön“ aussprechen, weil ich mich als Schauspielstudentin mit der Möglichkeit, Präsenzunterricht zu bekommen, privilegiert fühle. Es wäre schön, wenn die HfMDK den Studierenden Schnelltests und Masken zur Verfügung stellen könnte. Mein Bedarf an Mund-Nasen-Schutz geht auf Dauer ganz schön ins Geld.

Pommerening: Als amtierende Präsidentin des Studierendenparlaments bin ich dankbar für den Dialog mit dem Präsidium, der stets stattfinden konnte. Ihre Bereitschaft, sich von unseren Anliegen nerven zu lassen, schätze ich sehr. Und die werde ich sicherlich auch weiter nutzen.

Das Gespräch dokumentierte Björn Hadem

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