Tanzende Buchstaben, lebende Gemälde

Musik und Literatur für Kinder – ein Buch als Ausgangspunkt eines Konzertprojekts ·


(nmz) -
Lesungen mit Musik, Konzerte mit Literatur-Einlagen sind in den letzten Jahren sicher häufiger geworden. Veranstalter suchen nach neuen Wegen, ihr Publikum zu locken, Musikerinnen und Musiker, Autorinnen und Autoren, Rezitatorinnen und Rezitatoren wollen Neues anbieten. Solche Sparten verbindenden Präsentationen sind für ein junges Publikum hingegen noch nicht an der Tagesordnung. Lohnt es sich, darüber nachzudenken und Konzepte zu diskutieren?
Ein Artikel von Michael Dartsch

Der Studiengang Elementare Musikpädagogik der Hochschule für Musik Saar hat sich im vergangenen Studienjahr dieser Herausforderung gestellt und ein entsprechendes Projekt für die Europäische Kinder- und Jugendbuchmesse in Saarbrücken erarbeitet. Die Wahl fiel dabei auf das Buch „Kein Hundeleben für Bartolomé“ der preisgekrönten österreichischen Autorin Rachel van Kooij (Jungbrunnen, Wien 2003). Das Buch beschreibt – historisch glaubwürdig – eine Episode aus dem Leben des fiktiven zwergwüchsigen Jungen Bartolomé, der zur Zeit des spanischen Königs Philipp IV. im 17. Jahrhundert zunächst in einem Dorf und später am Königshof in Madrid lebt. Eine nicht unbedeutende Rolle spielt dabei der Maler Diego Rodriguez de Silva y Velázquez und die Entstehung eines seiner berühmtesten Bilder, des Gruppenporträts „Las Meninas“.

Stimmigkeit zwischen Buch und Musik ergibt sich wohl am ehesten, wenn mit spanischer Musik des 17. Jahrhunderts gearbeitet wird. Eine Musik, deren Faktur in Vielem noch recht frühbarock wirkt. Ebenso wie die Zeit der Handlung ist sie den Kindern zunächst sicher fremd. Mit Spanien verbinden wohl die meisten eher ein Urlaubsland. So wurde in Saarbrücken ein Einstieg über eine Reisebüro-Szene gewählt, an deren Ende der Angestellte sich an die Kinder wendet, um auch ihnen eine Reise anzubieten. Sie führt allerdings nicht nur nach Spanien, sondern auch in eine lange zurückliegende Zeit – und diese tut sich auf, wenn er schließlich die Buchdeckel öffnet.

In diesem Moment ertönt zunächst einmal volkstümliche Musik im Stil der Zeit, gespielt von Dudelsack und Schalmei. So wird die „Zeitreise“ akustisch-atmosphärisch bewerkstelligt. Es folgt die erste Leseeinheit, der Beginn des Buches, der in einem Dorf in der Nähe Madrids spielt und den Protagonisten vorstellt. Das Lesen mündet wiederum in volkstümliche Musik, die diesmal von drei Krummhörnern gespielt wird.

Da nur ausgewählte Passagen des Buches wortgetreu gelesen werden können, müssen weite Teile der Handlung, die jeweils zwei Lese-Einheiten verbinden, erzählt werden: Bartolomés Familie wird nach Madrid ziehen, wo der Vater sich für alle Kinder bessere Zukunftsaussichten verspricht. Der Zwerg muss die ganze Reise in einer Truhe verbringen, damit ihn unterwegs niemand sehen kann. Was es bedeutet, eine lange Strecke im Dunkeln sitzen zu müssen, lässt sich erahnen, wenn nun auch der Konzertraum verdunkelt wird und die Kinder – wie der Junge des Buches – sich die Reise lediglich über das Gehör erschließen können. Hufgeklapper, Stimmengewirr, Kies und Vogelrufe ertönen leise und gedämpft wie von ferne. Hier wird also kein musikhistorischer Bezug hergestellt, sondern die herausgehobene Rolle des Hörens in der Handlung aufgesucht und auf die Bühne projiziert.

Erlebnis-Bilder

Bei der Ankunft der Familie in Madrid werden die verschiedenen Ausdrucksmedien einmal zeitgleich aktualisiert: Musik, Pantomime und gelesener Text ergänzen sich zu einem atmosphärisch dichten Erlebnis-Bild, während parallel zur Schilderung des Geschehens – die Familie bemerkt bestürzt einen bettelnden zwergwüchsigen Jungen vor der Kathedrale auf dem großen Kirchplatz – pantomimisch der Bettelnde und die achtlos vorübergehenden Marktbesucher dargestellt werden und dazu leise Sakralmusik gewissermaßen aus der Kirche nach draußen dringt.

In Madrid schafft der heimliche Plan der Geschwister, den versteckt lebenden Jungen regelmäßig zu einem Kloster zu bringen, Abhilfe gegen seine Resignation und Einsamkeit, dort soll er von einem Pater das Lesen erlernen, damit sich auch für ihn Zukunftsmöglichkeiten auftun. Die ersten Begegnungen mit der Welt der Buchstaben machen ihn taumeln vor Freude und eröffnen ihm eine völlig neue Welt. Ein „Tanz der Buchstaben“ bringt die Eindrücke des Jungen auf die Bühne. Zu den Klängen einer live dargebotenen spanischen Canzone wirbeln Buchstaben – in alten und neuen Lettern auf Pappkarten gemalt – an den Händen der Tanzenden durcheinander. Immer wieder ergeben sich Wörter aus den Formationen. Die Kinder lesen: „Ich bin ein Mensch. – Ich heiße Bartolomé.“

Es folgt eine Katastrophe: Der aus Gründen der Tarnung in einem Wäschebottich zum Kloster transportierte Bartolomé wird aus Versehen fallen gelassen und rollt samt Wäsche vor die gerade des Weges kommende Kutsche der spanischen Infantin. Für die Prinzessin ist der auf allen Vieren Krabbelnde ein „Menschenhund“, den sie als Spielzeug haben will.

Im Schrecken eines solchen Unfalls mögen einzelne Sinneseindrücke fragmentarisch wie Blitzlichtaufnahmen erlebt werden, während der Bewusstseinsstrom unterbrochen und der Fluss des Geschehens nicht mehr gewahrt ist. Diese Konstellation wird nach hastigem Erzählen akustisch und körperplastisch beziehungsweise mit positionierten Requisiten umgesetzt: Aus einer vielstimmigen Kakophonie lösen sich nacheinander einzelne Motive heraus, zu denen jeweils eine einzelne Körperposition oder ein charakteristisches Requisit im Scheinwerferspot zu sehen ist.

Der ersten Begegnung mit der Infantin folgt die erste Nacht am Hof. Im Traum verarbeitet der Zwerg seine Erlebnisse und fantasiert sich in die Rolle eines gleichwertigen Freundes und Spielpartners der Prinzessin. Zur Lesung der entsprechenden Passage wird das geträumte gemeinsame Spiel der Beiden als Zeitlupen-Pantomime bei verringerter Beleuchtung auf die Bühne gebracht.

In Ergänzung der Handlung des Buches wird nun eine Tanzstunde dargestellt, die Musik und historischen Tanz mit szenischen Einlagen koppelt. Eingebettet in eine komische Szene wird den Kindern hier ein historischer Tanz nebst dazu gehörigen Schrittkombinationen nahe gebracht. Die Musik selbst improvisiert der „Tanzmeister“ dabei im Stil der Zeit.

Die schönsten Stunden sind für Bartolomé diejenigen, die er im Atelier des Malers Velázquez und seiner Gesellen verbringen kann. Er hat sich allmählich viel von den Malern abgeschaut und träumt davon, selbst Maler zu werden. Als die Gesellen ihn auffordern, probiert er freudig selbst aus, was er bei ihnen schon häufig beobachtet hat: das Mischen der Farben.
Ein Teil der Kinder – diejenigen, die auf Nachfrage bekunden, ebenso Freude am Malen zu haben – wird nun nach vorne gebeten. Auf zwei vorbereiteten Papierwänden mit aufgezeichneter Staffelei werden Farben mit Pinseln aufgetragen; der Museumspädagoge assistiert. Die anderen Kinder verfolgen das Geschehen von ihren Plätzen aus. Nachdem die Gruppe fertig ist, wird eine zweite Gruppe von Kindern nach vorne geholt. Diese Kinder können nun die Farben mit Schwämmen ineinander ziehen und so Farbmischungen erzielen. Wieder werden die Ergebnisse von allen begutachtet. Was den Protagonisten der Geschichte fasziniert, wird wenigstens im Ansatz auch für die Kinder erlebbar. Die fertigen „Staffeleien“ bleiben von diesem Punkt an Bestandteil des Bühnenbildes, das die Kinder somit selber mitgestaltet haben. Eine unmittelbar folgende Aktion ermöglicht dann die Mitwirkung weiterer Kinder.

Im Buch folgt nun die Szene der Entstehung des berühmten Bildes „Las meninas“. Der König betritt das Atelier, worauf sich Bartolomé hinter einer Leinwand versteckt. Philipp verlangt ein neues Bild, das die Infantin ungezwungen im Kreise ihres Hofstaates abbilden soll. Die Höflinge und die Prinzessin werden gerufen und Velázquez positioniert jede der Personen sorgfältig. Als Bartolomé entdeckt wird, will die Infantin auch ihn auf dem Bild haben, Velázquez malt ihn allerdings – so der Einfall der Autorin zur Erklärung des Hundes auf dem Bild – als echten Hund. Das Positionieren der Personen wird nun auch auf der Bühne vollzogen. Zu einer Canzone werden zuerst die Prinzessin und ein Höfling in Stellung gebracht. Die steifen Bilder beginnen jedoch sich zu bewegen und schließlich unter weit gehender Beibehaltung der ihnen zugedachten Pose beziehungsweise in Anlehnung daran über die ganze Bühne zu tanzen. Währenddessen bringt die Velázquez-Darstellerin Kinder, die sie aus dem Publikum holt, in Positionen, die jenen auf dem Bild genau entsprechen. Dies alles geschieht vor einer großen Reproduktion der Figuren des Velázquez-Bildes, so dass für das Publikum die Übereinstimmung zwischen den positionierten Kindern und den Figuren auf dem Bild augenfällig wird.

Die Handlung mündet schließlich in die Befreiung des Protagonisten. Dazu ersinnen die Malerfreunde einen Trick: Bartolomé besteigt einen Kasten, in den bereits vorher einechter Hund gesetzt wurde. Unter allerlei Zauberei wird der Kasten mehrmals gedreht, bis schließlich der echte Hund aus ihm entlassen wird, so dass die Infantin glauben muss, der Zwerg habe sich in einen wirklichen Hund verwandelt. Während sie sich freudig dem Tier zuwendet, kann Bartolomé von den Malerfreunden im Kasten ins Atelier gebracht werden, wo für ihn ein neues Leben als Malschüler beginnen kann.

Zauber-Ostinato

Noch einmal wird hier die Mitwirkung der Kinder möglich: Das Publikum soll zu dem Zauber beitragen, indem es einen Zauberspruch lernt. Dieser besteht aus geheimnisvoll anmutenden Zauberworten und mehreren Schichten. Über ein ostinates Flüstern legt sich so in Terz- und Sekund-Schritten ein fünfstimmiger Akkord. Jedes Kind ist dabei – entsprechend seinem Sitzplatz im Raum – auf einen Ton festgelegt und singt auf diesem Ton immer wieder das Zauberwort. Gleichzeitig erlebt es sich als Teil eines gewaltig anwachsenden und crescendierenden Klanges.

Auf dem Höhepunkt des Anschwellens wird der Klangteppich schließlich auf einen Gongschlag hin abgewinkt. In diesem Augenblick erscheint an der Bühnenrückwand die Projektion eines gefilmten Dackelwelpen, dessen Anblick ein Raunen durch das Publikum gehen lässt. Der Zauber hat sein Ziel erreicht, so wie auch das Buch und das Konzert den Kindern erfolgreich die Echtheit der Figuren und Geschehnisse suggerieren konnten. Zu den unmittelbar einsetzenden Klängen einer Chaconne mit improvisatorischen Elementen sieht man Bartolomé als Malschüler unter Anleitung von Velázquez eine Leinwand bemalen. Die im Grunde gleich bleibenden Malbewegungen und der sich stetig wiederholende Bass der Musik ermöglichen in ihrer relativen harmonischen Monotonie einen inneren Nachklang des Erlebten und mögen zu einem immer tieferen Eindringen und Verarbeiten beitragen.

Die Musik ist im Laufe der Präsentation auf verschiedenste Weise zum Einsatz gekommen. Zunächst einmal gab es Aspekte des Musikeinsatzes, die man als „konkurrenzlos“ bezeichnen könnte, so etwa wenn in einer der Aufführungen eine Ouvertüre gespielt wurde, wenn die Musik im Sinne einer Schauspielmusik als Zwischeneinlage zur Verlebendigung der in der Handlung übersprungenen Zeit dient, oder wenn eine Musik als Aktionsangebot für die Kinder eingesetzt wird. Daneben gibt es Einsatzweisen, die die Musik mit anderen Medien koppeln und sie innerhalb einer multimedialen Präsentation darbieten. Dies ist der Fall, wenn es eine Ballett-Einlage gibt, wenn die Musik als ein Element eines Komplexes aufeinander bezogener Ausdrucks- und Kunstformen, also im Verbund mit Bildender Kunst, Pantomime oder ähnlichem wirkt. Schließlich wird Musik auch zur affektiven Aufladung der Handlung gebraucht: wenn sie im Sinne einer Filmmusik eingesetzt wird, wenn Handlungsteile von einer Ballett-Darstellung begleitet werden oder wenn das Publikum wie bei einer „Akklamation“ in der Kirche oder bei Rufen im Kasper-Theater am Geschehen beteiligt wird.

Nun sollte es sich bei allen diesen Einsatzmöglichkeiten stets um gute Musik im jeweiligen Sinne – also um eine gute Ouvertüre, eine gute Schauspielmusik, Filmmusik, Ballett-Einlage und so weiter – handeln. Weiter sollte eine gute Balance zwischen den verschiedenen Aktionsformen angestrebt werden. Maßstab für die Qualität der Präsentation ist es schließlich, inwieweit sie im ästhetischen Nacherleben als organische Einheit erscheint.

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