Theater und Konzert im Livestream

Zur Lage der Kulturinstitutionen im Internet · Von Philipp Krechlak


(nmz) -
Theater- und Konzertbetrieb stehen für ästhetische Erlebnisse, die Publikum und Künstler im selben Saal miteinander teilen. Jedoch wäre es ein Fehler, Kulturveranstaltungen auf diese eine Realität zu reduzieren. Das Internet eröffnet längst weitere Formen dieses Betriebs und ist nicht (mehr) nur eine abgekapselte Spielwiese für Nerds, sondern Teil unser aller Wirklichkeit. Und in dieser sollten auch Kunst und Kultur passieren. Daher ist dieser Beitrag zu verstehen als Plädoyer für einen proaktiven und neugierigen Umgang, den das Internet und ganz konkret das Livestreaming von Kulturveranstaltungen bietet.
Ein Artikel von Philipp Krechlak

Live im TV und Internet

„Livestreaming“ ist im Jahr acht nach Gründung der „Digital Concert Hall“ der Berliner Philharmoniker immer noch ein ziemlich unbeackertes Feld. Vielleicht liegt es daran, dass im chronisch überlasteten Kulturbetrieb die personellen Ressourcen oft fehlen oder dass die zusätzlichen und anfangs immensen finanziellen Investitionen nicht aus den eigenen Mitteln getätigt werden können. Beides könnten aber auch bloß Symptome sein für ein viel grundsätzlicheres Problem: Warum sollte man überhaupt Livestreams von Kulturveranstaltungen anbieten?

Ein Blick in den medialen Sportbetrieb mag da hilfreich sein: Was bringt eigentlich allwöchentlich Millionen von Menschen dazu, sich Fußballspiele „zeitgleich“ zum realen Geschehen anzuschauen? Was macht für sie den Reiz daran aus, anstatt sich nachträglich in der Sportschau die Zusammenfassungen anzusehen oder sich schlicht über die Endergebnisse zu informieren? Wieso sind die Stadien trotz Liveübertragung dennoch voll, wieso vermeldet die Bundesliga fast Jahr für Jahr eine Steigerung der Zuschauerzahlen?

Situationsbericht

Das Beispiel Berliner Philharmoniker liefert hierfür eine erste Antwort: Diese globale Marke ist so attraktiv, die Nachfrage übersteigt das Angebot (an Sitzplätzen in der Philharmonie) so deutlich, dass es nur logisch ist, dass dieses Bedürfnis (gegen Bezahlung) bedient und dadurch der Umsatz gesteigert werden soll. In der „Digital Concert Hall“ werden pro Saison circa 40 Konzerte live übertragen, das Archivmaterial wächst zugleich mit. Der Vorteil des digitalen Konzertsaals ist ganz simpel das unbeschränkte Platzangebot im Vergleich zum Veranstaltungsort selbst. Die Übertragungsqualität hat hier TV-Niveau; etliche Kameras, eine fein abgestimmte Bildregie und perfekter Klang sorgen für Zufriedenheit in den Wohnzimmern der Republik und der ganzen Welt.

Aber ein Livestream ist mehr als nur eine möglichst gut dem TV-Erlebnis angenäherte Bereitstellung des Bühnengeschehens: Durch Hintergrundgespräche mit dem Dramaturgen (Theater Ulm), Künstlerinterviews (Mannheimer Philharmoniker), Einführungen durch den Intendanten höchstpersönlich (Bayerische Staatsoper München) et cetera wird zudem ein Mehrwert im Vergleich zum leibhaftigen Veranstaltungsbesuch geschaffen.

Mit den drei genannten Beispielen ist die Liste der Livestream-Anbieter im deutschsprachigen Raum allerdings schon fast vollständig. Regelmäßig und ernsthaft Videomaterial fürs Internet produzieren hierzulande desweiteren die Philharmonie Köln, das Gürzenich-Orchester Köln und das Theater an der Wien, allesamt kostenlos. Die Wiener Staatsoper versucht bei ihrem Einstieg ins Livestream-Geschäft, durch eine Bezahlschranke ebenfalls weitere Einnahmen zu generieren. Unter „The Opera Platform“ haben sich 15 europäische Opernhäuser und ARTE zusammengeschlossen, unter der Dachmarke SWR Classic werden ab der kommenden Saison dessen Rundfunkensembles und -festivals online präsentiert. Die Liste ist nicht abschließend, aber dennoch eines: überschaubar. Da Sprache im Opernbetrieb dank Übertiteln keine Barriere mehr darstellt und das Internet ein globales Phänomen ist, sind auch internationale Player wie die Metropolitan Opera New York und das Royal Opera House in London Teil des Angebots auf dem deutschen Markt – allerdings in der Sonderform als nur in Kinosäle übertragenes Signal.

Wer bestimmt, was gespielt wird

Die an einem x-beliebigen Abend zur Verfügung stehenden Wahlmöglichkeiten für den einzelnen Kulturinteressierten werden also vielfältiger, beschränken sich nicht mehr nur auf das Angebot vor Ort. Damit verschärft sich die Konkurrenzsituation für Stadttheater beim Buhlen um unsere gleichbleibend große freie Zeit. Es gibt noch keine belastbaren Zahlen, ob ein Livestreaming-Angebot – wie befürchtet – die tatsächlichen Zuschauerzahlen (anderer Kulturinstitutionen oder die eigenen) kannibalisiert oder ob durch die neue Rezeptionsform bisher unerreichte Gruppen angesprochen und vielleicht sogar für einen zukünftigen Theater- oder Konzertbesuch gewonnen werden können. Ein Livestreaming-Angebot ist zur Zeit vor allem eines: selbst positionierte Werbung beziehungsweise die Möglichkeit, selbstbestimmt das öffentliche Bild des eigenen Hauses oder Orchesters zu prägen und zu schärfen. Bei allen Ähnlichkeiten gibt es allerdings auch gewisse Unterschiede zwischen Livestreaming und TV-Übertragung: Die durch die Anzahl der Sender fixe und damit beschränkte Menge an Sendeminuten stellt eine (künstliche?) Verknappung dar. Die Möglichkeit der hauseigenen Übertragung umgeht diese Engstelle. Dadurch wird die Angebotspalette für den Kulturkonsumenten unabhängiger von wenigen Sende-„oligopolisten“.

Was das Fernsehen (noch) nicht kann, ermöglicht Livestreaming: den direkten Kontakt zum Zuschauer. Bei livegestreamten Veranstaltungen handelt es sich durch eingebaute Chatfunktionen oder hashtag-gesteuerte Unterhaltungen auf Plattformen wie Twitter oder Facebook um einen Dialog mit dem Zuschauer, der zwar meistens wohl nicht an Konzerteinführungen und Programmhefttexte heranreicht was Tiefe und Komplexität betrifft; durch seine Unmittelbarkeit und die Reaktions- und Interaktionsmöglichkeit während des laufenden Bühnengeschehens wird zunächst zwar einerseits das konzentrierte Im-Moment-Weilen beeinträchtigt, andererseits aber auch ein schneller und punktgenauer Austausch ermöglicht. Die Institution wird so nahbarer und der Zuschauer emotional mehr gebunden. Der Zugang zu dessen Nutzerdaten und die statistische Auswertung derselben – selbst anonymisiert oder gruppiert – sind weitere Vorteile für die Theater, das Heft in die eigene Hand zu nehmen und bewusst programmatisch darauf einzugehen.

Livestreaming-Mobile

Diverse Smartphone-Anwendungen ermöglichen das direkte Streamen von Videos. Die Qualität ist durch die Kamera- und Tonaufnahmespezifikationen der Mobiltelefone beschränkt, was die Nutzer allerdings nicht als Negativmerkmal verstehen. Die Dortmunder Philharmoniker experimentieren mit der App „Periscope“, die inzwischen zu Twitter gehört und über eine direkte Schnittstelle dorthin verfügt. Mit „Facebook Livestream“ ist das weltweit größte soziale Netzwerk vor kurzem in diesen Markt eingestiegen. „Hoch“kultur muss nicht immer Übertragungsqualität in „high quality“ bedeuten. Womöglich ist die Motivation von Livestream-Interessierten nur das Hineinschnuppern, ähnlich wie bei einem Filmtrailer.

Chancen: Inklusion der Zukunft?

Öffentlich finanzierte Häuser sollten sich in der „Pflicht“ sehen, möglichst allen Menschen ohne Unterschied einen Zugang zu ihren Veranstaltungen zu gewähren. Sei es etwa durch die Preisstruktur der Eintrittskarten oder behindertengerechte Zugänge und Plätze. Für vorübergehend oder dauerhaft immobile Menschen kann eine Vorstellung via Livestream genau das bedeuten: Zugang und Teilhabe.

Ausblick: Was wird ein Livestream sein?

Die technische Entwicklung ist mit der Übertragung von 7.1-Sound und HD-Bildern keineswegs abgeschlossen. Virtual Reality (VR) ist ein Stichwort, das gegenwärtig vor allem die Spiele- und die Filmindustrie umtreibt. Die Brillen, die einem sehr realitätsnah das Umschauen und Begehen eines virtuell erstellten oder reproduzierten Raumes ermöglichen, sind auf dem besten Weg zur Marktreife, und das zu einem für die breite Masse erschwinglichen Preis. Ein Livestream könnte also in Zukunft nicht mehr nur eine Totale bedeuten oder eine von der Regie zusammengestellte Schnittfolge, sondern eine simulierte Anwesenheit im Raum selbst. Aber auch hier gilt: Das ist ein nächster Schritt, nicht der letzte. In die andere Richtung gedacht könnte ein Videosignal meines Computers oder meines Smartphones mich Teil der Inszenierung werden lassen, Interaktion gewähren (ähnlich oder ganz anders als die eines lachenden, weinenden oder buhenden Publikums vor Ort) und die „vierte Wand“ einreißen. Die Möglichkeiten sind vielfältiger als es die aktuellen Anwendungsbeispiele vermuten lassen. Es ist an der Zeit, es auszuprobieren. 

Das könnte Sie auch interessieren: