Über die Krise von Zufluchtsstätten

Dem Komponisten Rolf Riehm zum 80. Geburtstag


(nmz) -
Eine Art Anfang war „Ungebräuchliches“ für Oboe, entstanden 1964, in Frankfurt am Main uraufgeführt am 10. Dezember 1965 durch den Komponisten selbst und acht Monate später einer größeren Öffentlichkeit bei den Darmstädter Ferientagen für Neue Musik vorgestellt. Rolf Riehm, Komponist und Oboist, lieferte damit vielleicht eine Art Exposé seiner Lebensarbeit, die sich immer unter intensiver und unerbittlich kritischer Anstrengung mit dem Konventionellen beschäftigt hat.
Ein Artikel von Hans-Jürgen Linke

„Ungebräuchliches“ setzte sich mit dem klanglichen und spieltechnischen status quo der Oboe forschend auseinander, präsentierte klangliche und spieltechnische Neuigkeiten. Aber daran, der neue Oboen-Heros zu werden, dem die Musikwelt eine neue Sicht auf das Instrument verdankte, war Rolf Riehm wenig interessiert. 1972 schrieb er „Gebräuchliches“ für Altblockflöte und beschrieb in einem späteren Werkkommentar dessen Spieler als einen, „der seine Flöte und die Welt in Einklang bringen will. Demonstriert dabei die Krise von Zufluchtsstätten (das Instrument zwingt ihn wegen seiner Einfachheit zu einer auf die Spitze getriebenen, durchorganisierten Spieltechnik).“

Der Einklang mit der Welt ist bei Rolf Riehm allenfalls mögliches Ergebnis von Arbeit, Kritik, Auseinandersetzung. Also wohl günstigstenfalls etwas Flüchtiges, Fragiles, aber auf keinen Fall eine stabile Harmonie. Dass aus einer solchen Haltung eine chronische politische Selbstreflexion seiner Arbeit als Komponist und Lehrer folgte, ist naheliegend, in den Ausmaßen aber alles andere als selbstverständlich.

Vielleicht war die Gründung des sogenannten Linksradikalen Blasorches­ters mit Heiner Goebbels und Alfred Harth eine Art zweiter Anfang mit dem Versuch, in künstlerisch reflektierender Teilnahme am politischen Prozess im Hanns-Eislerschen Sinn brauchbare Musik zu schreiben. Das zeitweise ziemlich prominente Laienorchester löste sich 1980 wieder auf. Diese Zeit und die darin stattgehabte Arbeit hat Riehm musikalisch unter anderem in dem 1980 vom HR-Sinfonieorchester uraufgeführten Werk „Tänze aus Frankfurt“ reflektiert.

Wer Rolf Riehm je kennen lernen konnte, weiß, dass er einer der kritischsten und zugleich freundlichsten Menschen ist, denen man begegnen kann. Kaum ein antwortender Satz, der ohne eine Frage, ein Kopfschütteln, ein lächelnd-überlegtes Ja-Aber oder eine souveräne Verneinung daher käme. Dass ein Mensch mit dieser Haltung überhaupt dazu in der Lage sein würde, ein stattliches kompositorisches Werk zu schaffen, ist erstaunlich und lässt auf einen immensen Reichtum an Ideen schließen, die ihn bewegen und von denen er sich immer wieder abwenden kann. Ein Personalstil ist so nicht entstanden. Riehms künstlerische Individualität ist geprägt von der Überzeugung, dass für jede neue Arbeit neu anzusetzen sei, dass alles Handwerkliche, alles Traditionelle, alles Geschmeidige auf den Prüfstand muss; dass nur durchdachte Lösungen legitim sind und Bestand haben.

Gleichwohl gibt es eine Reihe von Alleinstellungsmerkmalen für Rolf Riehm und seine Musik. Eines davon ist die Vermeidung des Konventionellen: Texte müssen nicht unbedingt verständlich präsentiert werden, sie sollen eher ihre Geschichte reflektieren. Melodien müssen nicht gesanglich sein, sondern dürfen Widerstände enthalten, die nur von unerschrockenen Virtuosinnen und Virtuosen gemeistert werden. Zitate müssen nicht textgetreu verarbeitet werden. Instrumente müssen nicht klingen wie gewohnt. Alles kann – und muss manchmal – anders sein, als es ist.

Ein Anderes ist die beharrliche Arbeit an Mythen, an historischen Texten, Themen und Motiven. Dabei ist die Bestätigung des Mythos nie das Ziel, eher die Befragung nach Gültigkeit und die Erarbeitung von Möglichkeit, über Mythen und über die Situationen, die sie enthalten, zu staunen: Was reizt Odysseus an den Sirenen, wenn er sich doch in ihrer Gegenwart taub und unbeweglich macht? Was sind das für mörderische Götter, die Gewalt über die Menschen beanspruchen? In dem Essay „Mythos und Gegenwart“ 2007) schrieb Riehm: „Die Antike war offenbar der Zeitpunkt, an dem Konflikte, überhaupt die Dynamik menschlicher Belange, in einer Weise formuliert und dramatisiert wurden, die für spätere Generationen bis zu der unsrigen als sprachliche und kommunikative Figuren Modellcharakter hat.“ Aber eine Zufluchtsstätte wird man dort nicht suchen.

Am 15. Juni wird Rolf Riehm 80 Jahre alt.

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