Über die Widersprüche der Zeit

Peter Gülke über den Dirigentenberuf und Felix Mendelssohn Bartholdy


(nmz) -
Ohne Frage ist Peter Gülke im deutschen Musikleben eine Ausnahmeerscheinung und, leider, tatsächlich auch eine einmalige: als Dirigent mit einem komplexen Ost-West-Werdegang, als Autor, als gleichermaßen musikhistorischer wie aufführungspraktischer Wiederentdecker gewichtiger Musik von Schubert, Schreker oder Zemlinsky, als Lehrer, als zuletzt mit dem Siemens-Preis Hochgeehrter, der mit 83 Jahren gerade zum wiederholten Mal als Chefdirigent aufs Podest der Brandenburger Symphoniker steigt, um gemeinsam mit einem Orchester aus der so genannten Provinz zu zeigen, wie kultureller Auftrag, künstlerische Qualität und inhaltliches Profil in eins gehen.
Ein Artikel von Bojan Budisavljevic

Letzteres ist ebenso Respekt gebietend wie Gülkes in über vierzig Jahren gewachsene gewaltige Publikationsliste zur, das kann man in seinem Fall getrost sagen: Kunstmusik des Abendlandes. Zu dieser hat er neulich zwei weitere Titel hinzugefügt, zwei, welche die Pole von Peter Gülkes Wirken exakt beschreiben: die Musikwissenschaft und das Dirigieren, Schreiben und Tun. Freilich ist Schreiben auch Tun, und so handelt es sich um zwei Gravitationszentren, die sich ständig beeinflussen und ihre Kräfte potenzieren. Zum Gewinn für Leser wie Hörer.

Das eine der beiden Bücher, das – billigen Mythen wie üblichen Hagiographien fern – , schlicht mit „Dirigenten“ betitelt ist, versammelt 21 Skizzen, Porträts, Essays von sowie Nachrufe auf 17 Dirigenten, von Hans von Bülow über Mahler und Strauss bis Wand, Masur und Harnoncourt, in der Mehrzahl 1996 bis 2014 verstreut erschienen und nun mit unveröffentlichten Texten und Reflexionen übers Dirigieren in einem Band vereinigt. Und gerade die Unterschiedlichkeit der Schreibanlässe macht die Gülke’schen Beobachtungen spannend und vielgestaltig: Nahaufnahmen und Totalen wechseln sich ab, manche werden geschwinder, andere breiter gezeichnet (Furtwängler und Karajan gar je dreimal), Menschliches und Technisches wird ebenso luzide wie respektvoll gegeneinander gehalten, auf Interpretationsanalysen folgen Impressionen. Schier ein dirigentischer Zugriff auf die jeweilige Person, bei dem das Wissen, die Erfahrung und die Empfindsamkeit gleichermaßen am Werk sind, um das Bild von ihr sprechend und vielsagend zu gestalten: mal liebevoll (Abendroth, Kempe), mal kritisch (Weingartner, Jochum). Wahrhaft musikalische Interpretationen von Musikern gelingen Gülke somit, und das in einer Art und Weise, dass man wünschte, es gäbe mehr davon: Bis auf Markevitch kommen ausschließlich deutsch-österreichische Dirigenten vor sowie, bis auf Kurt Sanderling, keiner derjenigen, von deren Vertreibung die Dagebliebenen nicht nur in der NS-Zeit reichlich profitierten.

Über den persönlichen Stil und Zugriff hinaus, gibt es aber auch anderes, was die Unterschiedlichkeit von Texten und Personen eint, was sich durchzieht. Da ist zum einen die stete Suche nach dem wahren Momentum dirigentischer Interpretation, so, wie es etwa in Furtwänglers opaker Anmerkung genial aufblitzt: „allmählich nicht beschleunigen“. Und da ist zum anderen die gute alte Vorstellung vom „Hauptzeitmaß“, welches Gülke immer wieder extrapoliert, auch als Gegenentwurf zu heutzutage häufig kontextlosen, mehr fremdreizgesteuerten Temporelationen. Schließlich auch sucht er, ausdrücklich in den Rahmen-Essays und unter diesem Aspekt sollte man alle Porträts lesen, nach der Zukunft der Zunft, wo doch alles ausinterpretiert, eingespielt und eingepreist ist, wo technische Standards weltweit durchgesetzt sind, wo jedoch das historische Fenster zur Musik, welche Figur und Funktion des Dirigenten hervorgebracht hat, sich allmählich zu schließen beginnt. Auch angesichts der zunehmenden Spezialisierung und Zersplitterung von Genres wie der musikalischen Öffentlichkeit empfiehlt Gülke als künftige Aufgabe den Dirigenten daher, „eine Universalität des Musizierens zu gewährleisten, die Bach und Lutos-lawski gleichermaßen einschließt“ und hofft derart auf eine „neue Synthese von universellem Anspruch und Spezialisierung“. Eine Aufgabe, die den öffentlichen Kulturauftrag prägnant neuformuliert und des Nachdenkens wert ist.

Womit wir bei Mendelssohn wären. Das „größte Wunderkind der westlichen Musikgeschichte“ (Charles Rosen) entwickelte auch als Erwachsener phänomenale Kapazitäten. Als Pianist, als Organist, als Komponist erreichte er ohne viel Aufhebens früh höchste Qualitätsstandards, doch in einem vorher (und nachher?) nie dagewesenem Maße bemühte er sich als ebensolche Celebrität und erster Musiker Europas um die qualitative Erhebung und Breitenwirkung einer universal verstandenen Kunstmusik: von der Wiederaufführung der Matthäuspassion, über die Einführung revolutionär hoher Probenstandards aus Habenecks Pariser Conservatoire-Konzerten in Deutschland, zur programmatisch breitesten Aufstellung der Gewandhauskonzerte, bis hin zur Gründung des Leipziger Konservatoriums. Dem gebürtigen Leipziger Wagner, dem Antipoden auch als Dirigent, wollte annähernd Ähnliches ausschließlich in Bezug auf das eigene Werk gelingen: Dynastisches eben für Augen und Ohren einer als manipulierbare Masse begriffenen Öffentlichkeit.

Von Robert Schumanns Wort über Mendelssohn als „Mozart des 19. Jahrhunderts, de[m] hellste[n] Musiker, der die Widersprüche der Zeit am klarsten durchschaut und zuerst versöhnt,“ übernimmt Gülke für sein zweites Buch des Jahres 2017 das mit den Widersprüchen in den Titel. Womit er Richtung und Gangart seiner essayistischen Gedanken anzeigt. Es geht ihm um die Paradoxien und Zerrissenheiten in Person und Werk eines, der früh leichtfüßig und vollkommen schien, aber stets und bis heute Vorwürfen von Glätte, His­torismus und tiefenscheuer Oberflächlichkeit ausgesetzt war – und das nicht nur aus der antisemitischen und/oder wagnerianischen Ecke. Dementsprechend geraten in Gülkes ebenso gelehrter wie sensibler Lesart die Spuren von Versöhnlichkeit und Versöhnung in Mendelssohns Werken und Wirken zu kunstvoll verfugten, musikalisch elegant vernähten Narben eines, der sich im strengsten Sinne als Vermittler verstand und somit auch erhebliche Spannungen und manchen Schmerz auszuhalten hatte: ob als Klassiker unter den Romantikern, ob als einer, welcher die subjektive Intimität stets formal zu objektivieren suchte und an Hörer dachte, ob als einer, der dem Christentum eines seiner größten Kunstwerke wiedergab und sich immer noch „Judenbengel“ heißen lassen musste und trotzdem eine neue geistliche Musik versuchte. Spannungen, so vermutet es auch Gülke, die ihn immer mehr in sich kehren ließen und letztlich aufgerieben haben – vollends nach dem Tod der großen Schwester. Wäre dem nicht so gewesen, wer weiß, so fragt man sich nach der Lektüre dieses sehr lesenswerten Bandes, vielleicht wäre nicht Wagner der vom Bund heutzutage am höchsten geförderte tote Komponist, sondern Mendelssohn. Logischer wäre es.

  • Peter Gülke: Dirigenten, Olms, Hildesheim 2017, € 22,00, 296 S., Abb., ISBN: 978-3-487-08589-0
  • Peter Gülke: Felix Mendelssohn Bartholdy. „Der die Widersprüche der Zeit am klarsten durchschaut“, Bärenreiter/Metzler, Kassel/Stuttgart 2017, 140 S., € 29,99, ISBN 978-3-476-04540-9
      
Peter Gülke: Felix Mendelssohn Bartholdy. „Der die Widersprüche der Zeit am klarsten durchschaut“, Bärenreiter/Metzler, Kassel/Stuttgart 2017, 140 S., € 29,99, ISBN 978-3-476-04540-9

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