Um Himmels Willen keine eckige Musik

Nikolaus Harnoncourt über die „Entdeckergemeinschaft“ Concentus Musicus


(nmz) -
Alte Musik, die historische, historisch informierte Aufführungspraxis: Die Bewegung hat sich über 50, 60 Jahre aus vielen Energiequellen gespeist, aus den unterschiedlichsten Motiven und dies in verschiedenen Ländern, mal früher, mal später. Heutzutage jedenfalls ist es ein internationaler Stil, durchaus mit Gespür für regionale Varianten, aber einigermaßen standardisiert, etabliert und erfolgreich, und daher seit langem schon ebenso medien- wie festival- und hochschulkonform. Alte Musik wird ebenso gefeiert wie gelehrt; sie ist überall erhältlich, eine Gabe aus zweiter und dritter Hand.
Ein Artikel von Bojan Budisavljevic

Umso schöner, nun einen Kassiber aus alter Zeit zu erhalten mit Erlebnissen und Erfahrungen aus, stricto sensu: erster und berufener Hand. Alice Harnoncourt, Primaria und Mitbegründerin des Concentus Musicus, hat knapp ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes dessen Aufzeichnungen zur Entstehungsgeschichte dieses Ausnahmeensembles veröffentlicht. Eine lockere Chronologie der Concentus-Zeitläufte von Anbeginn an, inklusive der wichtigen Vor- und Früh-Zeit, bis 1987, als ihr Mann das Cello (oder was auch immer) endgültig zugunsten des Dirigierens aus der Hand legte: Familiengeschichten, Momentaufnahmen und epochales Musikerleben samt dazugehöriger abenteuerlicher Instrumentenbiographien, von Nikolaus Harnoncourt beseelt erzählt zuweilen mit kernig dreinfahrendem Humor. Und wer dessen Interpretation etwa von Bachs „Zufriedengestelltem Äolus“ je gehört hat, der weiß, wie sich das anhören kann. Man schmunzelt viel dank des wissenden Plaudertons, oft stößt man ein scharfes Ha! aus angesichts aberwitziger Musizierpraxen, aber man prustet vor Lachen, wenn man den Bericht über eine ziemlich abwegige Aufführung der Matthäuspassion in Wien Ostern 1969 liest – von und mit Karl Richter, den Harnoncourt durchweg gnadenlos den „Bach-Richter“ nennt.

Das jedoch ist essayistische Beilage zu der eigentlichen Erzählung über den Concentus, auf die es ankommt in dem Band. Was dabei überrascht (man hätte es ahnen können), das ist die Un-Voraussetzungslosigkeit von Harnoncourts Entdecker- und Widerspruchsgeist, seine ursprüngliche Einbettung in den Wiener Streicherklang und die dortige Tradition, die sich ja selbst aus vielen, einander widersprechenden Quellen speiste, böhmischen, deutschen.… Die unterschiedlichen Feinheiten dabei herauszuhören, sie jeweils auch praktisch nachempfinden zu können, dieses Feingefühl erscheint nach der Lektüre als notwendige Grundlage für Harnoncourts Erneuerung der Alten Musik. Der ehemals „junge Tutter“der Wiener Symphoniker stand nicht gegen die Tradition auf. Er nahm sie sich und führte sie kongenial fort mit Hochachtung für Lehrer und Vorläufer.

Und so kommt den historischen Quellen konsequenter Weise alle Aufmerksamkeit zu, den Ursprüngen, der schieren Materialität von Musik, die, je tiefer man sich begibt, oft nur noch aus Bruch besteht: aus dem Leim gegangene Bretter und Papierfetzen. Und man bekommt eine Ahnung, was am Anfang dieser Alten Musik tatsächlich gestanden haben mag: vergessene, verbeulte Instrumente, Manuskripte und Konvolute, Spolien vergangener Zeiten, die darauf warteten, dass jemand kommt und ihre zerbrochenen und verwehten Stimmen hört, dass er die nicht unerheblichen Mühen des Suchens und Findens auf sich nimmt, auf verfallene Orgelemporen auf- und in verstaubte Archive absteigt, um mit eigener Hände Werk die Musik schnitzend und kopierend freizulegen. Musik nämlich ist analog, körperlich, ist Atem, Fluss, und so wird Harnoncourts Bitte am Ende seiner Aufzeichnungen klar: „Machen Sie um Himmels Willen nicht eckige Musik!“

Vervollständigt wird diese Lebensreise folgerichtig mit den Geschichten für den Concentus Musicus entscheidender Instrumente: Gamben, Posaunen, Violen.…Darunter diejenigen, an denen Nikolaus Harnoncourt ganz besonders, mit Herz und Mund, Tat und Leben zu hängen schien, deren Namen er immer wieder wie Beschwörungsformeln und Zaubersprüche ins Buch streut: Baßfiedel von de Fantis (Cremona 1558), Pardessus de Viole von Guersan (Paris 1755), Violone von Posch (Wien 1729)… „Oh Duft aus alter Märchenzeit.

  • Nikolaus Harnoncourt: Wir sind eine Entdeckergemeinschaft. Aufzeichnungen zur Entstehung des Concentus Musicus, hrsg. v. Alice Harnoncourt, Residenz Verlag, Salzburg 2017, 204 S., Abb., € 24,00, ISBN 978-3-7017-3428-3

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