Unbefangenheit und ungefilterte Reaktionen

Das Festival „Zeit für Neue Musik“ Rockenhausen bringt Zeitgenössisches in die nordpfälzische Provinz


(nmz) -
Die erste Reaktion ist Stirnrunzeln: Wie kommt ein viertägiges Festival für Neue Musik in eine Kleinstadt von 5.200 Einwohnern in der dünn besiedelten Nordpfalz? Und dann noch unter der Schirmherrschaft von Helmut Lachenmann, mit Ausschnitten aus dem diesjährigen Donaueschinger Programm, und mit einem Kulturminister, der keine große Ansprache hält, sondern neugierig zuhört?
Ein Artikel von Andreas Hauff

Rockenhausen liegt an der Alsenz, einem Nebenfluss der Nahe zwar, doch der Weinanbau beginnt weiter nördlich. Man spürt hier die historisch gewachsene Kleingliedrigkeit der deutschen Provinz. Den Blick zur 70 km nordwestlich gelegenen Landeshauptstadt Mainz verstellt der eindrucksvolle Riegel des Donnersbergs. Stadt und Umland orientieren sich Richtung Südwesten. Fußball-Fans fah­ren ins 30 Kilometer entfernte Kaiserslautern, auch wenn der ruhmreiche FC in die 3. Liga abgestiegen ist, und die an manchen Stellen aushängenden Kulturangebote reichen bis nach Saarbrücken. Von Mainz brauchen wir eine Stunde Zugfahrt (mit dem obligaten Umstieg im heruntergekommenen Bad Münster am Stein). Allerheiligen ist ein günstiger Termin: Feiertag in Rheinland-Pfalz, mit möglichem Brückentag zum Wochenende.

Vor uns liegt Rockenhausen malerisch in der vom Herbstlaub goldgelb schimmernden Hügellandschaft. Auf dem Weg durch den historischen Stadtkern sehen wir viele Leerstände, darunter gleich zwei Cafés. Doch tapfer stemmt sich der Ort gegen die Selbstaufgabe. Am nächsten Morgen entdecken wir unweit des kleinen Wochenmarktes den großzügigen und belebten „Stadtladen“, der die Innenstadt mit dem Notwendigsten versorgt. Und es existiert eine reiche, weitgehend ehrenamtlich betriebene Museumslandschaft: Nordpfälzer Heimatmuseum, Museum Pachen für Moderne Kunst, Henry-Kahnweiler-Museum (dem Agenten Pablo Picassos gewidmet) und Museum für Zeit. Letzteres ist aus einem Turmuhren-Museum entstanden und besitzt ein Carillon, das den Hörer mit Volksliedern erfreut: So fließen um 8.15 Uhr alle Brünnlein, und 12 Stunden später gehen wir mit den Sternlein am Himmel zu Bett. Daniele Ghisi (Jg. 1984), der aus dem norditalienischen Bergamao stammende „Residence“-Komponist, hat dafür nun eine Miniatur komponiert. Zur offiziellen Festival-Eröffung Punkt 16.22 Uhr überrascht sie mit abwärts perlenden chromatischen Wellenbewegungen und sprunghaften Aufwärtsimpulsen. Man hört sich nicht so schnell satt an dieser „Idee für Carillon“: Einige Elemente erkennt man wieder, doch vorhersehbar scheint der Ablauf nicht.

Projektträger des Festivals ist die Stadt Rockenhausen, zuständig für Konzept und Durchführung Lydia Thorn Wickert. Ohne die rührige, international erfahrene Kulturmanagerin wäre das Projekt nicht zustande gekommen. 2013 hat sie ihren Wohnsitz von Bonn in die Nordpfalz verlegt – nach Kirchheimbolanden, das nur wenig größer ist als Rockenhausen, aber auf der anderen Seite des Donnersbergs und zugleich zuständige Kreisstadt. „Ki-Bo“, wie die gängige Abkürzung lautet, war einst nassau-weilburgsche Residenz; an der Orgel der Schlosskirche hat Mozart gespielt. Es war das Projekt der Ausgrabung und Wiedererrichtung des verschütteten Barockgartens, das Thorn Wickert zur Überzeugung brachte, die größere und wichtigere Herausforderung für die Kulturarbeit liege nicht in den überversorgten Metropolen, sondern in dem von Verödung und Gesichtsverlust bedrohten ländlichen Raum. Die Wiederbesinnung aufs 18. Jahrhundert führte in KiBo zu einer passenden Konzertreihe. 2017 begann dann mit einem Improvisationskurs die Reihe „Tonkunst in Rockenhausen“ – orientiert an der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, in Anknüpfung an das Rockenhäuser Bewusstsein für moderne bildende Kunst. So können sich die beiden rivalisierenden Kleinstädte nebeneinander statt gegeneinander profilieren.

„Neue Musik“ in der Provinz ist Wagnis und Chance. Nur 20 Euro kostet die Tageskarte. Neben ein paar Kennern sitzen Sponsoren, Honoratioren, Mitarbeiter und deren Angehörige im Publikum, dazu – hoffentlich – etliche Neugierige.  Die Rockenhäuser Donnersberghalle kennt man hier eher von Sportveranstaltungen; jetzt steht ein Flügel vor der Sprossenwand. Doch der „unerbittliche Kunsternst“, „das „Einschüchterungspotenzial von Donaueschingen“, wie Jens Jessen in der „Zeit“ kürzlich formulierte, fehlt eben auch. Man darf auf Unbefangenheit und ungefilterte Reaktionen hoffen, muss freilich auch das eine oder andere erklären. Helmut Lachenmann spricht frei und freimütig über seine verschiedenartigen Klavierstücke – von der „Jugendsünde“ der Schubert-Variationen von 1956 über die „Wiegenmusik“ (1963) und das „Kinderspiel“ (1980) bis hin zur  „Marche fatale“, der Klavierfassung seiner witzigen „Alterssünde“ von 2017. Der Pianist Moritz Winkelmann trägt sie vor – immer wieder auch in einführenden Ausschnitten und hilfreichen Wiederholungen. Nachher bedankt sich Lachenmann beim Publikum: „Sie waren total dabei. Das tut mir so gut.“ In der ersten Reihe sitzt aufmerksam Konrad Wolf, rheinland-pfälzischer Minister für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur. Sein Haus gehört zu den zahlreichen Förderern und Sponsoren.

Am nächsten Tag gibt’s zur selben Zeit einen Klavierabend ganz anderer Art. Kai Schumacher präsentiert Musik für Klavier und elektronisch zugespielte Klänge. Wo Lachen- und Winkelmann einladen, bislang Ungehörtes oder Unerhörtes wahrzunehmen, erlaubt Schumacher dem Hörer, sich in die Musik fallen zu lassen. Adorno-Fans müssten „jetzt ganz tapfer sein“, sagt er augenzwinkernd, denn „Neue Musik darf auch Spaß machen“. Virtuos bedient er nicht nur die Tasten, sondern auch allerlei Gerätschaft neben, an und in seinem Flügel, und die Musik klingt wie im Begleittext zu seiner CD „beauty in simplicity“ beschrieben: Das Klavier ist verbindendes Element „zwischen den französischen Salons des späten 19., der Minimal Music des 20. Jahrhunderts und der Popkultur des 21. Jahrhunderts“. Hinhören ist natürlich trotzdem erlaubt, und es wäre interessant gewesen, etwas über Herkunft und Herstellung der Effekte aus dem Lautsprecher zu erfahren. Noch faszinierender ist freilich, was Winkelmann am Vorabend mit rein mechanischen Mitteln in Lachenmanns „Kinderstücken“ erreicht: Zusätzlich zu zwei benachbarten Tasten in hoher Lage erklingt plötzlich eine mikrotonale Melodie, und zwischen liegenbleibenden Klavierakkorden hört man auf einmal leise Orgelklänge „wie hinterm Vorhang“. Als Endlos-Schleife gibt es in einem Nebenraum Daniele Ghisis Multimedia-Installation „An Experiment with time“ von 2015 zu sehen und zu hören. In Erinnerung bleibt der Charme der Bildkomposition, die mit fiktiven Tagebuchaufzeichnungen über ein Jahr hinweg einem Essay des irischen Luftfahrtingenieurs und Philosophen John William Dunne über Traumaufzeichnungen und Zeiterfahrung folgt. Die Tonspur richtet sich in der Monatsfolge nach dem Quintenzirkel, doch die Bruchstücke der dazu aufwändig gesampelten Musiktitel reduzieren sich allzu oft auf ein simples Mickeymousing, das die Zeitraffertechnik der Bilder ins Hektische potenziert.

Mit  der renommierten „AG Neue Musik“ des Leininger-Gymnasiums aus dem 40 Kilometer entfernten Grünstadt hat Lydia Thorn Wickert wichtige Mitspieler aus der Region gewonnen. 30 szenisch äußerst präsente Schülerinnen und Schüler unter Leitung von Silke Egeler-Wittmann zeigen ihre 2017 in Salzburg uraufgeführte Schlager-Performance „t-m-l-s“, die bekannte und weniger bekannte deutsche Schlager in Wort, Bild und Musik auf Einzelteile reduziert und die Bruchstücke auf durchaus unterhaltsame Weise unkonventionell wieder zusammensetzt. Die engagierten „Tonhelfer“ aus dem benachbarten Rockenhäuser Schulzentrum treffen hier auf Altergenossen. Und viele der Angehörigen im Publikum bleiben noch zum Konzert des norwegischen Ensembles Cikada mit zwei Kompositionsaufträgen des SWR vom diesjährigen Donaueschinger Festival. Rolf Wallins Klavierkonzert „Seven Disobediences“ spielt ansprechend mit der semantischen Qualität von Musik. Unter Satzüberschriften wie „seek“, „push“ oder „sink“ sperren sich die Ensemblemitglieder systematisch und abwechslungsreich gegen die Impulse des Klaviers, bis sie sich zum Finale „quit“ nacheinander tastend und klopfend um den Flügel gruppieren – eine witzige Variante der Haydn’schen „Abschiedssinfonie: Den mediativen Ausklang bildet Klaus Langs Stück „Parthenon“, dessen Titel allerdings zahlreiche Fragen aufwirft, denen man gut in einem Publikumsgespräch hätte nachgehen können.

Gegen 21.30 Uhr ist die Pizzeria am Rockenhäuser Marktplatz menschenleer. Brückentage, Heimspiel des FCK, erklärt die freundliche Bedienung, und fragt „Waren Sie im Konzert? Das soll gut gewesen sein!“ Am nächsten Morgen fahren wir ab – mit Bedauern, denn wir verpassen einiges, darunter die Uraufführung von Ghisis „This is the Game“ für Stimme und Elektronik mit Salome Kammer. Ein letzter Besuch gilt dem Carillon. Pünktlich um 10.22 Uhr ertönt Ghisis „Idee“. Fünf Passanten nacheinander merken auf, bleiben stehen, lauschen. Die „Neue Musik“ scheint angekommen – ein gutes Zeichen für die 2020 geplante Folgever­anstaltung. 

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