Und jedermann erwartet sich ein Fest ...

Von Kunst bis Kult, von Figaro bis Frank’N’Furter · Im Nordharz kämpft das Theater ums Überleben


(nmz) -

37 (in Worten: siebenunddreißig) Aufführungen wird das Haus am Ende des Kurzmonats Februar über die Bühnen gebracht haben, in den eigenen beiden „Großen Häusern“ nebst den dazu gehörenden Kammerbühnen und mit sieben Gastspielen in der weiteren Umgebung. Das Angebot in diesen vier Wochen umfasst sämtliche Genres, von der großen Oper bis zur Mono-Oper (Wiederaufnahme von Grigori Frids „Tagebuch der Anne Frank“), von Shakespeares „Hamlet“ bis zu Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, vom „Land des Lächelns“ (Premiere am 3. 2.) bis zum getanzten „Sommernachtstraum“ mit Musik von Mendelssohn und Schnittke (Premiere am 16. 2.), dazu noch Theater für Kinder und Musicals und Kammer-Tanzabende...

Ein Artikel von Michael Jenne

37 (in Worten: siebenunddreißig) Aufführungen wird das Haus am Ende des Kurzmonats Februar über die Bühnen gebracht haben, in den eigenen beiden „Großen Häusern“ nebst den dazu gehörenden Kammerbühnen und mit sieben Gastspielen in der weiteren Umgebung. Das Angebot in diesen vier Wochen umfasst sämtliche Genres, von der großen Oper bis zur Mono-Oper (Wiederaufnahme von Grigori Frids „Tagebuch der Anne Frank“), von Shakespeares „Hamlet“ bis zu Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, vom „Land des Lächelns“ (Premiere am 3. 2.) bis zum getanzten „Sommernachtstraum“ mit Musik von Mendelssohn und Schnittke (Premiere am 16. 2.), dazu noch Theater für Kinder und Musicals und Kammer-Tanzabende…Die Rede ist vom „Nordharzer Städtebundtheater“, einer Mischung von Landesbühne und Stadttheater, einem der kleinsten Dreispartenhäuser überhaupt, das mit eigenem Orchester und Opernchor, Musiktheater-, Schauspiel- und Ballettensemble aufwartet, samt Leitung, Dramaturgie, Betriebsbüro, Ausstattungswerkstätten, Technik, Verwaltung – eben allem, was ein modernes Theater erst funktions- und überlebensfähig macht, das Ganze bei 220 Mitarbeitern mit einem seit Jahren unveränderten Etat von18 Millionen Mark (zum Vergleich: Karlsruhe 75 Millionen, Braunschweig und Chemnitz je 50 Millionen) aus Mitteln des Landes, zweier Landkreise, zweier Kommunen und einem Einspielanteil von fast 13 Prozent. Jawohl, das ist Provinz, aber die kann sich hören und sehen lassen!

Zur Orientierung für geografisch und landeskundlich Unsichere: Halberstadt (zirka 45.000 Einwohner) und Quedlinburg (25.000), vor den nordöstlichen Abhängen des Harzes in Sachsen-Anhalt gelegen, zählen zu jenen geschichtsträchtigen Orten, die einst bessere Zeiten gesehen haben, unter dem realen Sozialismus auch kulturell litten und wirtschaftlich nach dem Umbruch von 1990 heftig ins Schleudern gerieten. Die Region zählt heute zu den besonders strukturschwachen eines ohnehin armen Bundeslandes, vom Fortgang qualifizierter Arbeitskräfte wie durch hohe Arbeitslosigkeit gleichermaßen geschwächt. Da bedarf es intensiver Überzeugungsarbeit der Beteiligten und größter Anstrengungen aller Verantwortlichen, das Kulturleben vor dem Verkümmern zu bewahren und ihm gar neuen Schwung zu verleihen.

Ungebrochene Tradition

1992 wurden die Bühnen der beiden Kreisstädte zusammengeschlossen, zunächst mit dem noch kleineren Ballenstedt, das aber bald aufgeben musste und sich nun mit Gastspielen im klassizistischen Hoftheater bescheidet. Halberstadt brachte seine ungebrochene Musiktheater-Tradition in den Verbund ein; dort hatte es zu Anfang des 20. Jahrhunderts sogar jährlich Wagner-Festspiele gegeben, und nach der Zerstörung des Jugendstiltheaters mit der gesamten Altstadt im April 1945 war der Spielbetrieb bald in einem mit Trümmersteinen zum „Volkstheater“ ausgebauten Tanzpalast wieder aufgenommen worden.

Die Ackerbürgerstadt Quedlinburg, mit ihren 1.200 Fachwerkhäusern aus sechs Jahrhunderten neuerdings als Flächendenkmal von der UNESCO zum Weltkulturgut geadelt, bot nach einem kurzen Drei-Sparten-Höhenflug Sprechtheater, musste jedoch 1985 das Haus wegen Baufälligkeit schließen und sich auf eine schlecht ausgestattete Kammerbühne beschränken. Der gleich nach der Wende gegründete „Musik- und Theaterverein Quedlinburg“ setzte schließlich gegen erhebliche Widerstände die – zunächst teilweise – Sanierung des vor 75 Jahren nach einem Brand neu erbauten „Theater- und Lichtspielhauses“ durch; 1997 konnte es, mit einem auf 280 Plätze reduzierten Zuschauerraum aber mit erweitertem Orchestergraben, wieder eröffnet werden; die Bestuhlung wurde durch Spenden von Theaterfreunden finanziert.

Publikum wird gut bedient

Solange allerdings die Restaurierung des Bühnenturms aussteht, erzwingt die geringe Bühnentechnik und –tiefe Inszenierungen von sehr bescheidenem Aufwand; daher kann derzeit nicht jede Halberstädter Opern- oder Musical-Produktion auch in Quedlinburgs kleinem Großen Haus gezeigt werden. Aber man höre und staune: Wer Lust auf „Figaros Hochzeit“ oder „Carmen“ hat, der wird auch in Deutschlands kleinstem Opernhaus derzeit gut bedient, für 27 Mark in der ersten Preisgruppe. Freilich macht auch „Der Vetter aus Dingsda“ dort Station, und die Sinfoniekonzerte werden ebenfalls in beiden Städten angeboten. – Den ganzen Sommer hindurch bespielt das Nordharzer Städtebundtheater überdies das herrlich gelegene Harzer Bergtheater Thale und die Waldbühne Altenbrak im Bodetal.

Ein neues und junges, dennoch professionell bereits erfahrenes Leitungsteam mit Intendant Kay Metzger (40), Chefdirigent Johannes Rieger (33) und Chefdramaturg Peter Oppermann (30) an der Spitze hat spürbar für frischen Wind gesorgt. Das beginnt bei der zugleich informativen wie Neugier weckenden Saisonvorschau mit Spielplan-Mini-Leporello, setzt sich in zahlreichen Schnupper-Aktionen fort und endet gewiss noch nicht bei der Ankündigung von George Taboris Schauspiel „Die Goldberg-Variationen“ und Debussys Oper „Pelléas und Mélisande“ für die nächste Spielzeit.

Dabei verlangt das Konzept einen Spagat, denn, so lautet das Motto dieser Saison mit den Worten des Theaterdirektors in Goethes „Faust“, „jedermann erwartet sich ein Fest“, falls er sich überhaupt in einer mitteldeutschen (Klein-)Stadt in den Zuschauerraum locken lässt. Nur sind die Vorstellungen von Festlichkeiten eben reichlich verschieden. Für die Senioren soll es vorzugsweise Operette oder auch einmal ein klassischer Opernschlager sein. Um aber ein jugendliches, neues Publikum fürs Theater zu gewinnen, muss anderes her, und es müssen gezielt Köder ausgelegt werden.

Offensive Dramaturgie

Als „offensive Dramaturgie“ bezeichnet Oppermann die vielfältigen Bemühungen, auf das potenzielle Publikum zuzugehen: Da bietet die ebenfalls neue und junge Theaterpädagogin Anja Grasmeier im Theaterjugendclub die Möglichkeit zum Improvisationsspiel mit wöchentlichen Übungen und Proben, da werden mit monatlichem Lehrerstammtisch und Lehrerrundbriefen ebenso wie mit speziellen Einführungsveranstaltungen und Aufführungen am Vormittag, mit Plakat-Malwettbewerben oder einer Theater Dance Night („Eintritt 5 Mark; wer mit grünen Haaren kommt, zahlt nichts“), mit Materialmappen zu ausgewählten Inszenierungen und Theaterführungen Kooperationsmodelle mit sämtlichen Schulgattungen erprobt – mit Erfolg, wenn auch in unterschiedlichem Maße.

Ein guter Intendant muss freilich nicht nur dem Publikum entgegenkommen, er muss auch sein Ensemble pflegen, Sängern, Schauspielern und Regisseuren wie auch Chor und Orchester „schöne“, fordernde Aufgaben übertragen, denn die Entlohnung – der Begriff „Gage“ ist hier wirklich als Fremdwort zu bezeichnen – ließe ein längerfristiges Engagement befähigter Künstler kaum erwarten. Metzger weiß das natürlich und ist glücklich über den „tollen Geist im Ensemble“, an dem er gewiss nicht unbeteiligt ist: „Es ist etwas sehr Kostbares, was wir hier haben.“ Die Besucher spüren das, auch wenn sie die Häuser derzeit keineswegs immer zu füllen vermögen und auch, wenn nicht alle Leistungen als herausragend zu bewerten sind.
Rundum enttäuscht, so scheint es, wird man bei einem Besuch des Nordharzer Städtebundtheaters jedoch nie, statt dessen sind immer Glanzlichter zu entdecken, wie etwa Gerlind Schröders Carmen, Bettina Pierags Julia im „Vetter aus Dingsda“, Kerstin Peterssons Gretel oder Bettina Rösels Susanna im „Figaro“. Auch Kay Metzgers assoziative Regie der Bizet-Oper oder längere Strecken der Mozart- und Humperdinck-Inszenierungen erreichen ein Niveau, das die Erwartungen an ein Haus dieses bescheidenen Zuschnitts deutlich übersteigt.

Erfolsknüller Rocky Horror

Größter Erfolgsknüller der Spielzeit allerdings scheint Richard O’Briens gute alte „Rocky Horror Show“ zu werden, die als Jahresschluss-Premiere herauskam und offenbar selbst in der kargen Vorharz-Region funktioniert: Auch aus der weiteren Umgebung bis zur Landeshauptstadt Magdeburg rücken sie zur kultigen Show an, erfahrene Rocky-Fans und solche, die es werden wollen, viele im geziemenden Straps-Outfit, selbst der Halberstädter Oberbürgermeister wird mit Punkerfrisur gesichtet. Und während ein wohl auf konventionelleren Theaterspaß programmiertes Seniorenpaar nach einiger Zeit das Weite sucht, nestelt eine ältere Dame, der im Foyer ausgelegten „Bedienungsanleitung“ folgend, im entscheidenden Moment eine Tüte Reis aus dem Handtäschchen; um die Hochzeit von Frank’N’Furter und Rocky angemessen zu feiern, schmeißt sie munter um sich.

Informationen über das Nordharzer Städtebundtheater und seinen Spielplan:
Tel. 03941/69 65-0 oder im Internet unter http://www.nordharzer-staedtebundtheater.de

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