„Und wer ist Maria?“

Gelungene Callas-Hommage des französischen Fotografen Tom Volf jetzt im Kino


(nmz) -
Was für ein Glück, dass der Film und vor allem die Schallplatte schon erfunden waren, als Maria Callas ihre große Zeit hatte. Nur so konnte es passieren, dass im Jahr 2013 ein junger französischer Fotograf, der bis dahin mit der Welt der Oper rein gar nichts zu tun gehabt hatte, erstmals die Callas singen hörte und Feuer fing. Tom Volf versenkte sich auf YouTube in alle Mitschnitte, derer er habhaft werden konnte, begann, Recherchen anzustellen und allmählich ein Callas-Archiv anzulegen. Unter anderem suchte er Ferruccio und Bruna auf, die als Hausangestellte die Sängerin treu durch 25 Jahre ihres Lebens begleitet hatten, und führte lange Gespräche mit ihnen.
Ein Artikel von Katharina Granzin

„Maria by Callas“ erzählt das Leben der Sängerin in ihren eigenen Worten. Der Film verzichtet – abgesehen von Reporterfragen und Zeitungsschlagzeilen – ganz auf Wortbeiträge dritter Personen. Allein Maria Callas spricht in zahlreichen Filmausschnitten, aber auch in Briefen, die im Original von Fanny Ardant und in der deutschen Fassung von Eva Mattes gelesen werden. Erklärtermaßen soll der Film auch posthume Wiedergutmachung für die oft unfreundliche Behandlung der Callas durch die Medien sein. In manchen Filmschnipseln sieht man sie, die Paparazzi, denen zum Beispiel auf irgendeinem Flughafen erlaubt worden ist, die Sängerin gleich nach der Landung am Flugzeug abzufangen und ihr dreiste Fragen zu ihrem Privatleben zu stellen.

Auch unschöne Schlagzeilen zeigt Volfs Film, die es zum Beispiel gab, nachdem Maria Callas eine Opernvorstellung in Rom, bei der der italienische Staatspräsident zugegen war, nach dem ersten Akt abgebrochen hatte, da ihr aufgrund einer Bronchitis die Stimme versagte.

Volfs Film stellt sich nicht nur unbedingt hinter Maria Callas, er ist durch seine radikal subjektive Perspektive gleichsam die Callas. Allerdings: Wer ist „die Callas“? Und wer „Maria“? So fragt der Journalist David Frost gleich zu Beginn des Films in einem Interview, das Maria Callas ihm 1970 gab und das bisher nie veröffentlicht wurde. Dieses Gespräch ist ein großer Glücksfall für Volfs Film. Denn darin wird tatsächlich mehr von jenem „Maria“-Anteil sichtbar als in jedem anderen hier mitzuerlebenden ihrer öffentlichen Auftritte. Nur dezent geschminkt und leger – für ihre Verhältnisse – gekleidet, sitzt die Sängerin in einem schmucklosen Fernsehstudio und beantwortet entspannt auch sehr private Fragen.

Wie einen Kommentar auf die öffentliche Persona, die Maria Callas sonst so perfekt zu geben weiß, hat Tom Volf das Frost-Interview in kurzen Ausschnitten und regelmäßigen Abständen in seinen Film montiert. Ein weiterer gelungener Coup war es, den Schatz an Briefen zu heben, die Maria Callas schrieb: an Elvira de Hidalgo zum Beispiel, ihre einstige Gesangslehrerin aus der Studienzeit in Athen; an Grace Kelly, mit der sie befreundet war; und nicht zuletzt zu Herzen gehende Liebesbriefe an den griechischen Milliardär Aristoteles Onassis, für den die Sängerin sich von ihrem Mann trennte. Onassis aber heiratete nach neun Jahren nicht Maria, sondern Jackie Kennedy. Bei David Frost im Fernsehstudio sitzt schließlich eine durch viele Krisen gegangene Maria Callas und erklärt gelassen, ihre Beziehung zu Onassis sei zwar gescheitert, aber dafür sei nunmehr ihre Freundschaft ein Erfolg. So berührend ihre Gefühle in den privaten Briefen zum Ausdruck kommen, so souverän verstand es deren Verfasserin, für ihre öffentliche Persona private Affekte sorgsam hinter topgestylter Divenfassade zu verbergen.

Auf der Bühne aber flossen beide Seiten zusammen: überragende Technik mit maximaler Hingabe, große Darstellungskunst mit großer emotionaler Authentizität. Tom Volf hat etliche Arien in seinen Film integriert – klug thematisch ausgewählt und ungeschnitten vom ersten bis zum letzten Ton. Dafür muss man ihm dankbar sein – und der Ton- und Filmtechnik des 20. Jahrhunderts dafür, dass uns Nachgeborenen die Kunst dieser absolut außergewöhnlichen Sängerin in konservierter Form erhalten geblieben ist. Eines ist Tom Volfs Film übrigens nicht: eine um Objektivität bemühte, alle Seiten beleuchtende Dokumentation, die sich bemühen würde, auch Licht in die eher dunklen Ecken des Lebens zu werfen. Alles, worüber Maria Callas nicht öffentlich hätte reden wollen, bleibt ungesagt. Und das ist gut so.

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