Unergründlich nah

Eine Biografie über den legendären Geigenbauer Antonio Stradivari


(nmz) -
Alessandra Barabaschi: Stradivari. Die Geschichte einer Legende, Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2021, 305 S., € 32,00, ISBN 978-3-205-21204-1
Ein Artikel von Christoph Vratz

Am Ende verliert sich seine Spur. Wer an sein Grab pilgern möchte, ist aufgeschmissen. Zwar besaß er eine aufsehenerregende Gruft in der Kirche San Domenico seiner Heimatstadt Cremona, doch später verfiel das Gebäude. Abriss als ultima ratio! Die sterblichen Überreste des Antonio Stradivari sind dabei wohl in ein Massengrab überführt worden und von da an verschwunden. Geblieben sind nicht nur viele Rätsel und offene Fragen, sondern auch reichlich Raum für Spekulationen.

Alessandra Barabaschi ist von Haus aus Kunsthistorikerin. Die Wahl-Bonnerin hat sich jedoch seit mehreren Jahren als seriöse Geigen-Fährtenleserin einen guten Namen in der Branche erworben. Wenn es darum geht, Geschichten zu Instrumenten aufzudecken und sie wissenschaftlich abzusichern, ist ihr Name meist nicht weit, wie etwa bei der „Dornröschen“-Geige, die heute von Isabelle Faust gespielt wird. Barabaschi hat sich in ihrem Buch auf die Fährten des Antonio Stradivari begeben und versucht, sein Leben zu entschlüsseln, frei von Romantisierungen und Legenden. Sie hat akribisch Archive durchforstet, Quellen studiert, und wo immer sie auf Ungereimtheiten gestoßen ist, hat sie solange geforscht, bis sie entweder eine plausible Lösung gefunden hatte oder aber feststand: Hier ist kein finaler Erkenntnisgewinn mehr zu erwarten.

Ihre Ergebnisse liegen nun in einem neuen Stradivari-Buch vor. Es ist die erste Lese-Biographie in deutscher Sprache.

Das Besondere: Hohe wissenschaftliche Ansprüche werden mit einer lebendigen und allgemein verständlichen Sprache verbunden. Die inhaltlichen Probleme beginnen schon mit Stradivaris Geburt: War er wirklich mitten auf einer Piazza in Cremona zur Welt gekommen? Und hieß er wirklich Antonio, weil der nächstgelegene Pfarrer denselben Vornamen trug? – „Schade, dass der Prior des Augustinerklosters damals Nicola hieß und der Pfarrer Lodovico.“ Kein Antonio in Sicht. Rätsel ungelöst … Zumal sich auch nicht alle Kirchenbücher von Cremona erhalten haben. Feuer, Tierfraß, Schimmel – mögliche Ursachen, warum wir der Wahrheit wohl nicht näherkommen werden, gibt es genug.

Doch Barabaschi schaut immer wieder über den Tellerrand des rein Faktischen hinaus, sie erforscht Hintergründe, legt Zusammenhänge offen, markiert offene Widersprüche. Vor allem erklärt sie, unter welchen Umständen und über welche Hürden hinweg Stradivari seine Instrumente gebaut hat und wie eng seine Lebensleis­tung immer wieder auch an private Ereignisse gekoppelt ist. Auch auf bis heute relevante Alltagsfragen geht die Autorin ein: Woran kann man eine echte „Strad“ erkennen? Welche Komponisten standen in direktem Kontakt mit Stradivari? Wer waren seine Kontrahenten? Wer hat die Instrumente in Auftrag gegeben und wie wurden sie übergeben – selten persönlich, manchmal per Kurier – und wie wurden sie letztlich bezahlt? Der Kundenkreis erstreckt sich von gutbetuchten Liebhabern über Fürstenhöfe bis hin zur päpstlichen Gesandtschaft. Auch der polnische König und Kurfürst von Sachsen August II. entsandte einen seiner Musiker aus Dresden, um vor Ort in Cremona ein Instrument zu ordern. Er sollte dort gleich so lange warten, bis es fertig war.

Hinter dem genialen Instrumentenbauer und dem besessenen Ideenentwickler macht Alessandra Barabaschi immer wieder auch den Menschen Stradivari sichtbar. Er war ein kluger Netzwerker, ein gewiefter Geschäftsmann, ein umsichtiger Planer, der möglichst nichts dem Zufall überlassen wollte – bis zuletzt, als er sein Testament aufsetzte und das gleich in vier verschiedenen Fassungen. Es mag überraschen, dass er seine Kinder gleichberechtigt als Universalerben eingesetzt hat: „Dies beweist, dass er Söhne und Töchter in gleicher Weise schätzte, ein Standpunkt, der damals sicher nicht als selbstverständlich galt.“ Im Kapitel „Stradivaris Steckbrief“ nimmt Barabaschi mehrere Porträts unter ihre Kunsthistorikerinnen-Lupe. Wenn man Stradivari dort etwa mit langen weißen Haaren sieht, weiß man: Wir sind angekommen im Reich der posthumen Darstellungen, meist aber: der posthumen Verklärungen.

Eine Erwähnung verdient nicht zuletzt auch die äußere Gestaltung des Buchs: Bildqualität und -auswahl können ebenso überzeugen wie Papier und Layout. Ein Band, der auch bibliophilen Neigungen entsprechen dürfte.

Das könnte Sie auch interessieren: