Unter Hitlers persönlichem Schutz

Zwei neue Publikationen bringen Licht in den Umgang mit Musik unter der Nazi-Diktatur


(nmz) -
Mit einem dichten Netz neuer Ämter und Behörden zwang das NS-Regime Staat und Gesellschaft seinen Willen auf. Das galt für alle Lebensbereiche, auch für Bildung und Kultur. Im Herbst 1933 war mit der Reichskulturkammer (RKK) ein Instrument geschaffen worden, das mit seinen sieben untergeordneten „Kammern“ zu Rundfunk, Film, bildenden Künsten, Theater, Literatur, Presse und Musik bald alles kulturelle Leben im Griff hatte. Die RKK unterstand Goebbels’ Propagandaministerium und war strikt an dessen Vorgaben gebunden.
Ein Artikel von Dirk Klose

Wie bei allen Kammern, musste auch bei der Reichsmusikkammer (RMK) jeder ausübende Musiker Mitglied, de facto „arischer“ Abstammung sein und loyal zum System stehen. Politisch Andersdenkende und jüdische Musiker  wurden in kurzer Zeit aus ihren Positionen vertrieben und sahen sich oft von einem Tag auf den anderen mit großer Not konfrontiert, die mittlerweile in zahlreichen Leidensgeschichten oft berührend dokumentiert ist.

Der von den Musikwissenschaftlern Albrecht Riethmüller (Berlin) und Michael Custodis (Münster) herausgegebene Band über die RMK dokumentiert eine vor drei Jahren veranstaltete Tagung in Berlin. Trotz der Fülle von Zeugnissen zur Musik im Dritten Reich sei, so die Herausgeber, gerade die RMK noch weitgehend unerforscht. Den Anspruch, ein umfassendes Bild der RMK zu zeichnen, löst der Band freilich nicht ganz ein; dazu hätte man chronologischer vorgehen und stärker als hier die fünf Untergliederungen (Komponisten, Musiker, Konzertwesen, Chorwesen/Volksmusik und Musikalienverleger) in den Blick nehmen müssen. Stattdessen bringt das Buch zur Hälfte Informationen zu Organisation und Politik der RMK, zum anderen Teil zeigt es an Einzelfällen wie Richard Strauss (erster RKM-Präsident), Werner Egk und Paul Hindemith (erstaunlicherweise nicht Wilhelm Furtwängler!), wie sich berühmte Musiker mit dem System arrangierten, sich anbiederten oder im Gegenteil in immer größeren Konflikt gerieten.

 

Die Mehrzahl der Beiträge liest man mit großem Gewinn, freilich auch mit Erschrecken darüber, wie rasch es gelang, sich das vielfältige Musikleben in Deutschland mit zigtausenden Berufs- und Laienmusikern gefügig zu machen. Die rigorose Entfernung jüdischer Musiker ging einher mit der Köderung großer Namen oder Ensembles – die Berliner Philharmoniker beispielsweise wurden ebenso gehätscheltes wie politisch genutztes „Reichsorchester“, Richard Strauss stand bis zum Schluss unter Hitlers persönlichem Schutz.

Als es im März 1938 zum „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich kam, wurde dem dortigen Musikleben sofort das deutsche System übergestülpt. Wie brutal es dabei vor sich ging, schildern die Musikwissenschaftler Bernadette Mayrhofer (Wien) und Franz Trümpi (Zürich) am wohl augenfälligsten Beispiel, den Wiener Philharmonikern. Es ist eine große historische Arbeit, die man – gerade wegen der immer latenten Zuneigung zu diesem Orchester – nur mit Bewegung lesen kann.

Schon eine Woche nach dem „Anschluss“ wurden jüdische Musiker, meist hochangesehene und schon zu k.u.k.-Zeiten eingetretene Mitglieder, aus dem Orchester entfernt, was materielle Not, oft Emigration, nach Kriegsausbruch Verhaftung und Tod zur Folge hatte. 29 Musiker, etwa ein Viertel des Orchesters (!), waren davon betroffen; Mayrhofer/Trümpi zeichnen den Lebensweg von siebzehn Musikern nach; acht von ihnen sind ums Leben gekommen oder wurden ermordet, die anderen konnten sich ins Exil retten, manchen gelang ein leidliches Comeback, andere darbten jahrelang dahin. Kein Musiker konnte nach 1945 ins Orchester zurückkehren. Dafür waren fast alle Musiker, die sich zuvor ostentativ zum Regime bekannt hatten, schon wenige Monate nach Kriegsende wieder in Amt und Würden.

Was Österreich nach 1945 über Jahrzehnte pflegte, nämlich den Opfermythos eines brutal überrannten Landes, gilt auch für die Wiener Philharmoniker: Eigene Schuld und Versagen wurden verdrängt, ja Exilierte mitunter als „Erpresser“ gebrandmarkt. Erst in jüngster Zeit hat ein Umdenken eingesetzt; wie der Staat Österreich, hat sich inzwischen auch das Orchester zu seiner Vergangenheit – letztlich eine einzige chronique scandaleuse – bekannt; dafür steht zum Beispiel, dass die Autoren das lange verschlossene Historische Archiv der Philharmoniker einsehen und offenbar ohne Einschränkung nutzen konnten.

  • Die Reichsmusikkammer. Kunst im Bann der Nazi-Diktatur, hrsg. v. Albrecht Riethmüller/Michael Custodis, Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2015, 256 S., Abb., € 29,90, ISBN 978-3-412-22394-6
  • Bernadette Mayrhofer/Fritz Trümpi: Orchestrierte Vertreibung. Unerwünschte Wiener Philharmoniker. Verfolgung, Ermordung und Exil, Mandelbaum Verlag, Wien 2014, 280 S., € 24,80, ISBN: 978-3-85476-448-9
Beschriebene Rezensionsobjekte: 

Die Reichsmusikkammer. Kunst im Bann der Nazi-Diktatur

  • Albrecht Riethmüller, Michael Custodis (Hrsg.)
  • Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien
  • 256 S.
  • ISBN 978-3-412-22394-6
  • 29,90 Euro
  • Abb.,

Orchestrierte Vertreibung. Unerwünschte Wiener Philharmoniker. Verfolgung, Ermordung und Exil

  • Bernadette Mayrhofer, Fritz Trümpi
  • Mandelbaum Verlag, Wien
  • 280 S.
  • ISBN 978-3-85476-448-9
  • 24,80 Euro

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