Unterrichten in Zeiten von Corona (4)

Absolute Beginners 2020/09


(nmz) -
So wenig Aufnahmeprüfung war noch nie. Normalerweise stehen sich vor der Münchener Musikhochschule die Bewerber die Beine in den Bauch, weil es zu wenige Einspielräume gibt. In diesem Jahr wird der Eingang zur Hochschule dagegen von grimmigen externen Wachleuten bewacht, die auf Einhaltung der Hygieneregeln achten. Wenigstens haben die zu tun. Vor der Treppe sieht man verstreut ein paar wenige Bewerber, im Gebäude drinnen ist auch nicht viel mehr los. Wie schon geahnt, macht sich das Fehlen der normalerweise zahlreichen Bewerber aus zum Beispiel Asien sehr bemerkbar.
Ein Artikel von Moritz Eggert

Wir warten in unserem Prüfungszimmer, mit weit geöffneten Fenstern, und mit großem Abstand voneinander sitzend. Dieses Jahr war eigentlich ein besonders gutes Jahr in der Vorauswahl für das Kompositionsstudium, ich erinnere mich an viele interessante Bewerbungen. Normalerweise würden wir jetzt zwei Tage ganztägig prüfen, aber stattdessen gibt es nur zwei jeweils eher kurze Termine, die Bewerber kommen hauptsächlich aus Deutschland oder leben schon länger hier. Aus dem Ausland kommt fast niemand.

Eigentlich hätten wir schon im Mai geprüft, jetzt ist es Ende Juli. Manche Hochschulen sind noch später dran mit ihren Prüfungen, manche sind früher fertig gewesen. Man hört von allen Kollegen anderes, vor allem was die Erlaubnis von Online-Prüfungen angeht. Im Fach Komposition wäre das leicht durchführbar, da die Bewerber quasi nichts vorspielen müssen und es um die Diskussion ihrer Partituren geht, aber in Bayern gibt es den 19-seitigen Versuch, für alle Hochschulen gleiche Regelungen einzuführen, die Verfahrensgerechtigkeit garantieren. Aber nicht jeder geht mit diesen Regeln gleich um – Nürnberg entscheidet zum Beispiel anders als München.

Die, die darunter am meisten leiden müssen, sind die Student*innen. Manche Bewerber kommen aus Ländern, aus denen die Einreise nach Deutschland momentan nicht erlaubt ist. Oder sie müssten für eine kurze Prüfung 14 Tage in Quarantäne, was allein aus Kostengründen schon für viele unrealisierbar wäre. Wird es Nachholtermine zu Anfang des Wintersemesters geben? Wird das Wintersemester eventuell wieder unter Lockdown-Maßnahmen leiden? Meine Kollegen aus den USA erzählen mir, dass dort schon jetzt die Universitäten das ganze nächste Studienjahr online planen, da sie nicht mit einer grundsätzlichen Erholung rechnen.

Eine/r nach dem anderen betreten die angehenden Student*innen unser Prüfungszimmer. Die erste prüfen wir noch mit Maske, danach bieten wir den Bewerbern an, die Maske zu entfernen, da wir weit weg sitzen und der Raum gut durchlüftet ist. Die Bewerber gehen sehr gut mit der Situation um, finde ich. Sie haben sich das alles nicht ausgesucht, aber sie versuchen, das Bes­te daraus zu machen. Das Niveau ist insgesamt richtig gut.

Irgendwann fällt mir auf, dass wir zwischendrin gar nicht den Flügel desinfiziert haben, wozu wir eigentlich angehalten wurden. Schnell wird das offizielle Desinfektionskommando der Hochschule bestellt – wir gehen hinaus und ein fleißiger Mensch macht alles sauber. Dann gehen wir wieder hinein und es geht weiter.

In Deutschland werde ich oft von Freunden angesprochen: „Na, wie hast du die Coronazeit überstanden?“ Mich befremdet das immer – als ob es sich um einen abgeschlossenen Prozess handelt, den man jetzt ad acta legen kann. Nein, wir haben noch gar nichts überstanden. Wir sind noch mittendrin.

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