Unterwegs zu den Klangorten der Zukunft

Das YEAH! Festival erforscht spielerische Rezeption und akustische Räume


(nmz) -
Das YEAH! Festival in Osnabrück präsentiert vom 10. bis zum 14. September eine bunte Vielfalt an innovativen Musikformaten von Profis für junge und jung gebliebene Ohren. 15 nominierte Produktionen gehen in das Rennen um den mit insgesamt €40.000 Euro dotierten YEAH! Award. Im Rahmen eines Fachtags zum Festival können Vermittler, Musiker, Veranstalter und Produzenten tiefer in die Materie einsteigen: Auf dem YEAH! Podium im Felix-Nussbaum-Haus diskutieren Intendanten und Entwickler von vier für den YEAH! Award nominierten Projekten das Thema Kinderkunst und spielerische Rezeption in partizipativen Musikprojekten. Tagsüber erkundet die Konferenz „Raum.Klang – Klang.Raum“ das Potential von Musik in neuen Räumen.
Ein Artikel von Susanne Wienemann

Josephine schrubbt konzentriert ein helles Braun auf ihr Papier, wischt Blautöne darüber und platziert ein schwarzes Objekt in der Mitte. Sie malt das Klavierkonzert, das sie gerade erlebt hat – ihr erstes Klavierkonzert. Mit 20 anderen Kindern aus ihrer Schule hat sie an dem Orches­terprojekt „Feel the Music“ des Mahler Chamber Orchestra teilgenommen. Das Erlebte wird gleich hinterher zu Bild-„Kunstwerken“. „Feel the Music“ ist kein gewöhnliches Konzertprojekt. „Feel the Music“ ist wörtlich zu nehmen, denn es gibt tauben und hörgeschädigten Kindern die Möglichkeit, auf ihre Art Musik zu entdecken.

Von jungen Ohren lernen

„Es ist überraschend zu sehen, was diese Kinder durch die Musik fühlen können“, schildert der Pianist Leif Ove Andsnes nach der ersten Station der Orchestertournee in Italien seine Erlebnisse. „Sie waren äußerst sensibel der Musik gegenüber und haben variantenreich Töne produziert.“ Der Solist der „Beethoven Journey“-Tournee lädt die Kinder vor der Probe ein, unter das Klavier zu schlüpfen und mit den Händen die Vibration des Instruments zu erspüren. Solcherlei Erfahrung eröffnet nicht nur den Kindern eine neue Welt, sondern wirkt auch umgekehrt vermittelnd: Der Musiker wird veranlasst, in seiner Routine innezuhalten – und ungewohnte Wege der Musikwahrnehmung mitzuentdecken. Kinder, ob hörend oder taub, reagieren unmittelbarer und unvoreingenommener auf jede Form von Musik. Das ist ein Erfahrungswert vieler, gerade stark partizipativ angelegter Musikprojekte. Was kann der Musikprofi, was kann der erwachsene Hörer von dieser Art des kindlichen Zugangs lernen? Dieser Frage geht das YEAH! Podium am 13. September in Osnabrück nach.

Vielleicht auch aufgrund des besonderen Zugangs haben Kompositionsklassen für Kinder Konjunktur. „Aktives Gestalten ist fast wichtiger als das Konsumieren“, so Sascha Frömbling, Bratscher des renommierten Fauré Quartetts, das 2013 die künstlerische Patronage des YEAH! übernommen hat. „Leider sind solche Programme in der Musik noch nicht automatisch so präsent wie in anderen künstlerischen Bereichen.“ Vorhanden sind sie jedoch schon. Um nur einige Beispiele zu nennen: Matthias Kaul und Astrid Schmeling komponieren vielfach preisgekrönt mit Kindern in Winsen an der Luhe bei Hamburg, Aristides Strongylis in Leipzig und Wladimir Bogdanov in Berlin. Das Hamburger Projekt Klang­radar 3000 macht im wahrsten Sinne des Wortes Schule. Ein Diskurs ist eröffnet. Was in dieser Hinsicht europaweit ausprobiert wird, das zeigt YEAH! auf. Beispielsweise schaffen im Projekt „Notations“ des Klavierfestivals Ruhr Grundschulkinder kleine Eigenkompositionen unter dem Eindruck der „Douze Notations“ von Pierre Boulez. Dazu lernen sie auf dem Xylophon mit Boulez’ Zwölftonreihe zu experimentieren. Türen werden aufgestoßen und Funken entzündet, es wird schlummernde Kreativität geweckt.

Wenn wir Josephines Bild aus dem Projekt „Feel the Music“ betrachten und wenn wir eine Kinderkomposition aus „Notations“ hören – was für eine Art Kunst ist das? Ist die Frage berechtigt? Für Josephine ist das Bild ein Ausdrucksmittel, es kann ihr Sprache sein. Modellklassen, wie die Kompositionsklasse in Winsen an der Luhe zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie den Kindern in der Ernsthaftigkeit des künstlerischen Ausdrucks auf Augenhöhe begegnen. Schaffen Kinder Kunst? Auch dieser Frage widmet sich das YEAH! Podium. So wird die künstlerische Leiterin des Jungen Theaters Freiburg Thalia Kellmeyer exemplarisch von der Arbeit mit Immigranten- und einheimischen Kindern berichten. Für das dort entstandene integrative Projekt „Nächste Ausfahrt: Heimat“ wurde eigens das „Heim- und Fluchtorchester“ gegründet. Die Jugendlichen bringen ihre eigene Musik – Kompositionen und Improvisationen auf Grundlage der Musiksprache ihres Herkunftslandes – in den Probenprozess ein.

Doch es wird nicht nur diskutiert: Die Gäste des YEAH! Podiums dürfen ausprobieren „von jungen Ohren zu lernen“ und sofort einsteigen in eine spielerische Rezeption von Musik. Mit dem für den YEAH! Award nominierten Quartett PLUS 1 aus Hannover begibt sich das Publikum auf einen Klangparcours durch das Museum. Die jungen Tänzer des Folkwang Tanzstudio Essen aus dem Projekt „Notations“ überraschen mit ihren eigenen Choreografien zu musikalischen Improvisationen auf Basis der „Douze Notations“.

Raum.Klang – Klang.Raum

Musik anders und neu wahrnehmen können wir nicht nur durch einen spielerischen Blick. Viele der neuen Konzertformate wagen den Sprung heraus aus der gewohnten Spielstätte mit Samtsesseln und Bühne hinein in alltägliche Räume und an ungewöhnliche Orte. Die YEAH! Konferenz „Raum.Klang – Klang.Raum“ widmet sich der Wirkung der akustischen Atmosphäre eines neuen Konzertortes auf der einen und der bewussten Raumklanggestaltung auf der anderen Seite. Künstler, Vermittler und Veranstalter können hier ihre Erfahrungen austauschen.

Die Konferenz startet mit einem Impuls zur Klangökologie von Sabine Breitsameter, Professorin für Sound und Medienkultur an der Hochschule Darmstadt, und Einblicken eines renommierten Konzerthaus-Intendanten, Matthias Naske vom Konzerthaus Wien (angefragt). In drei Themenschwerpunkten werden im Anschluss Praxisbeispiele unterschiedliche Wahrnehmungen und künstlerische Arbeiten zu Klang in Räumen zeigen. Im ersten Panel steht der Raum als geografischer Ort im Zentrum. Peter Androsch, Leiter der „Hörstadt“, spricht über den Schall als Lebensmittel. Die Menschen leben immer dichter zusammen, was mehr Lärm produziert. Für einen gesunden akustischen Raum und eine dazugehörige Strategie setzt sich Androsch ein: die akustische Ökologie. Der freie Autor, Komponist und Radiofeature-Regisseur Uli Aumüller erläutert, ob „der Wald der bessere Konzertsaal“ ist und wie man den Klangraum Wald im Konzertsaal mit technischen Mitteln reproduzieren kann. Auf den gestaltbaren Konzertraum geht die Konferenz im zweiten Schwerpunkt ein. Die dritte Säule stellt das Klangexperiment in den Vordergrund.

Musikalische Improvisationen können einfache Räume zum Klingen bringen – Musik steckt in Fensterbänken und Heizungsrohren, beweisen 3D-Kompositionen aus den Workshops der Theaterpädagogin Eva Gödan. Der Sounddesigner und Architekt Max Kullmann weiß: „Ein Raum kann sich durch die Beeinflussung der auditiven Wahrnehmung verändern.“ Er berichtet in seinem Vortrag von akustischen Szenografien, die sein Label „hands on sound“ entwickelt – aktuell eine Installation für das Atrium des Pergamon Palais nach dem Prinzip der aural architecture.

Wer alle spannenden Themen auf dem Fachtag in sich aufgesogen hat, kann sich am darauffolgenden Tag bei der YEAH! Börse auf den klingenden Parcours durch alle 15 nominierten Produktionen freuen. Der bunte Marktplatz geht der feierlichen Preisverleihung des YEAH! Awards um 19 Uhr im Schloss Osnabrück voraus.

Susanne Wienemann, netzwerk junge ohren

 Termine

13. September, 10.30 Uhr
Schloss Osnabrück
YEAH! Konferenz „Raum.Klang – Klang.Raum“
Wahrnehmung von Klang in neuen Räumen und Raumklanggestaltung anhand von praxisorientierten Beiträgen
Moderation: Daniel Finkernagel.
Eine Kooperation mit der Strecker-Stiftung.
Anmeldung unter:
kontakt@jungeohren.de
Teilnahmegebühr: e 15,-.

13. September, 19.00 Uhr
Felix-Nussbaum-Haus
YEAH! Podium: Von jungen Ohren lernen – Diskussion, Tanz & Klangparcours durch das Museum
Tickets VVK: e 10 / erm. e 5; Tickets AK: e 12  / erm. e 6; erhältlich bei der Tourist Information Osnabrück, im Felix-Nussbaum-Haus oder über das Festivalbüro:
yeah@jungeohren.de

Die neue musikzeitung ist Medienpartner des YEAH! Young Earopean Award 2013.

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