Urbi et Gordi

Juan Martin Koch über die ökonomische Realität unserer Musikkultur


(nmz) -
„Geschäftsklimaindex“: Mit dieser wunderbaren Wortschöpfung gewährt das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München, besser bekannt unter dem Namen „ifo Institut“ Monat für Monat intime Einblicke in die Gefühlslage deutscher Unternehmen. Würden die ifo-Forscher ihre sensiblen Fühler auch in die Richtung von Kulturunternehmungen wie Theater und Orches­ter ausstrecken, die Klimaprognosen würden angesichts regelmäßiger Etatkürzungen, Fusionen und Auflösungen wohl von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr trüber ausfallen. Stattdessen überraschte das Institut Anfang des Jahres mit einer Studie, die den letztgültigen Beweis antrat, dass Theater hochqualifizierte Arbeitnehmer anziehen und damit auch die Kaufkraft stärken. Um das Dilemma von Henne und Ei zu umgehen, beschränkte man sich auf Häuser, die ihren Spielbetrieb schon vor 1800 aufgenommen haben.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Auf der Landkarte der in Augenschein genommenen Städte war somit auch Rostock markiert, wo spätestens seit 1786 mit der Eröffnung des alten Stadttheaters eine entsprechende his­torisch gewachsene Institution vorhanden ist. Doch ach – als altehrwürdige Universitäts- und Hansestadt flog Rostock dann wieder aus dem Raster heraus, um eine Verfälschung der Untersuchung durch den ebenfalls schon historischen Faktor Handel und Bildung auszuschließen. Somit kann das Rostocker Theater dieses schlagende ifo-Argument leider nicht ins Feld führen, um sich gegen die mit dem Etikett „Kooperationsmodell“ bemäntelten, massiven Kürzungen zu wehren, die de facto eine Verkleinerung von einem Vier- zu einem Zwei-Sparten-Haus bedeutet (siehe hierzu Seite 10).

Hauptverantwortlicher für diese „Theaterreform“, die auch andernorts verheerende Folgen zu zeitigen droht, ist Mecklenburg-Vorpommerns Kulturminister Mathias Brodkorb. Grund genug, ihn für den „Musik-Gordi“, den „gordischen Knoten des Musiklebens“ zu nominieren. Ob er oder einer der beiden weiteren Kandidaten (siehe Seite 2) den Negativpreis des Musikforums und der neuen musikzeitung abräumen wird, entscheidet das Publikum bis kurz vor der Verleihung bei der Musikmesse. Ungewiss ist auch, ob er auf die Einladung eingeht, den Preis gegebenenfalls vor Ort entgegenzunehmen und sich der Diskussion zu stellen. Das würde der gemeinsamen Kulturbühne von nmz, Deutschlandradio und Musikrat wohl einen ähnlichen Publikumsansturm bescheren wie vor drei Jahren die Messe-Debatte zur Fusion der SWR-Orchester.

Womit wir beim heißesten Kandidaten für eine nachträgliche, die „Gordi“-Verleihung an den SWR-Rundfunkrat von 2013 abrundende Ehrung wären: Peter Eötvös. Nachdem er im November 2013 noch zwei Protestbriefe gegen die Fusion der beiden bisherigen SWR-Orchester unterschrieben hatte – als Dirigent und als Komponist –, stellt er sich nunmehr als Dirigent für das erste Konzert des dann neu formierten SWR-„Super“-Klangkörpers zur Verfügung (siehe Seite 2). Hauptsache, beim Geschäftsklimaindex geht‘s aufwärts.

Dossier: 
SWR-Orchesterfusion

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