Vermittlung als Motor für Veränderung ?

Zur siebten Ausgabe des Symposiums „The Art of Music Education“ in Hamburg


(nmz) -
Am letzten Tag des Symposiums „The Art of Music Education“ Ende Februar im Hamburger KörberForum kam das Coronavirus schon kurz auf die Tagesordnung. Doch das Ausmaß der Krise, die auf das Musikleben zurollen würde, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar und so konnten sich Verantwortliche aus ganz Europa einmal mehr in diesem Format zu Perspektiven der Musikvermittlung austauschen.
Ein Artikel von Constanze Wimmer

Die siebte Ausgabe des im zweijährigen Turnus angebotenen Treffens war die bisher politischste: „Was die Gesellschaft zusammenhält – Neue Aufgaben und Chancen für Musikvermittlung und ihre Institutionen“ hatten die Veranstalter es überschrieben und unter anderem mit dem früheren Bundestagspräsidenten Norbert Lammert und dem Hamburger Kultursenator Carsten Brosda zwei hochkarätige Politiker eingeladen. Im Gespräch reflektierten sie klug und nachdenklich die Rolle der Kunst in der Gesellschaft in Zeiten eines erstarkenden Populismus. Constanze Wimmer, Professorin für Kunstvermittlung und Vizerektorin an der Kunst­universität Graz hatte die Aufgabe übernommen, den zentralen Programmteil „Neue Aufgaben und Chancen für Kulturinstitutionen“ mit Podiumsrunden und einer im Format World Café organisierten Diskussion unter allen Teilnehmer*innen zusammenzufassen. Ihre Gedanken zum Thema dokumentieren wir im Folgenden:

Ist Musik eine soziale Praxis? Da würde jeder im Publikum nicken! Aber welche? Dazu gibt es sichtlich sehr unterschiedliche Einschätzungen in unserer Community.

Tobias Rempe, Geschäftsführer des Ensemble Resonanz ist zum Beispiel davon überzeugt, dass ein Konzert ein öffentliches Forum darstellt – deshalb begrüßt er Konzertformate, die Statements zur aktuellen gesellschaftspolitischen Lage abgeben, wenn sie gut gemacht sind. Für Philip Graham, den Cellisten des Notos-Quartetts, steht das Konzert im Dienst, die Musik so wiederzugeben, wie der Komponist das wollte. Stehen diese beiden Aussagen im Widerspruch, gibt es genug Platz im Konzertbetrieb für beide sozialen Praxen?

Den Rahmen bildet jedenfalls ein Konzertbetrieb, der nach ökonomischen Prämissen funktioniert. Konzertveranstalter fragen mittlerweile nach dem elektronischen Fußabdruck eines Künstlers, bevor sie ihn engagieren, um Risiko und Verkaufszahlen zu kalkulieren – für ergebnisoffene Experimente oder gesellschaftspolitische Statements scheint hier wenig Platz.

Dem wettbewerbs- und marktorientierten Konzertbetrieb arbeitet die Ausbildung an den Hochschulen eins zu eins zu. Philip Grahams Idealbild eines Konzerts findet in den Unterrichtszimmern und Vortragsräumen deutschsprachiger Musikhochschulen wesentlich mehr Widerhall als Tobias Rempes Vorstellung eines öffentlichen Forums. Die Beweisführung bringt die Oboistin und Kulturwissenschaftlerin Esther Bishop in ihrer Studie zur Gewichtung der Musikausbildung, wenn es um das Verhältnis der Verteilung von Creditpoints zwischen dem künstlerischen Hauptfach und Lehrveranstaltungen zu Selbstmanagement, Kontext und Reflexion in den Curricula geht.

Musikhochschulen – ein geschlossener Kreislauf ?

Musikhochschule tendiert zur Ausbildung, nicht zur Bildung und ist in ihrem Herzen eine Berufsfachhochschule, die beständig danach fragt, was der Markt nach dem Studium von jungen Musikern erwartet. Zu Professorinnen und Professoren werden Mitglieder von Orchestern und erfolgreichen Kammermusikensembles bestellt, die ihre Studierenden auf ebendiese Berufsbilder vorbereiten sollen. Zwar spricht man auch im Kollegium immer öfter von Portfoliokarrieren angehender Musiker zwischen selbstverwalteten Ensembles, freien Projekten, Instrumentalunterricht und Musikvermittlungs-Aktivitäten – die Role-Models dafür finden sich jedoch bisher eher außerhalb der Ausbildungsstätten. Man könnte also zum Schluss kommen, Musikhochschulen im deutschsprachigen Raum seien ein geschlossener Kreislauf zur Selbsterhaltung einer Zunft mit bestens ausdifferenzierten Qualitätsstandards, die im Wettbewerb beständig höher geschraubt werden.

Kann es auf diese Weise überhaupt tragfähige Brücken zu Communities in den Städten Deutschlands, Öster­reichs und der Schweiz geben, wo vielleicht ein neues und anderes Publikum wartet, das Musik als soziale Praxis erleben möchte? Warum engagiert etwa das Konzerthaus Dortmund den Jazz-Klarinettisten und Commmunity-Musiker Matthew Robinson, der emphatisch an die Dortmunder Bevölkerung herantritt, um ihr Vertrauen dafür zu gewinnen, dass Musik ein verbindendes Element in der Gesellschaft sei? Ein Musiker, der völlig anders ausgebildet wurde als die meisten seiner „klassischen“ Kollegen auf der Bühne des Dortmunder Konzerthauses?

Vielleicht liegt das daran, dass doch nicht alles so schwarz-weiß ist, wie ich es hier gezeichnet habe? Und weil wir auf dieser Tagung einige Vorschläge gehört haben, wie notwendige Veränderungen in ein immer noch starres System kommen könnten:

Durch die Schaffung von Bottom-Up-Räumen in der Hochschulen, wenn Studierende ihre eigenen Karrierewege entwerfen und dafür ihr eigenes Career Center installieren.

Durch mehr Eigenverantwortung der Studierenden im Studium wie zum Beispiel an der Guildhall School, wo junge Musikerinnen und Musiker im vorletzten Studienjahr ein eigenes Projekt außerhalb der Hochschule selbstständig verwirklichen müssen.

Durch Veränderungen der Gewichtungen im Musik-Studium, vor allem im Masterbereich, neue Arten von Aufnahmeprüfungen und mehr gelebte Interdisziplinarität zwischen den Künsten.

Durch Partnerschaften zwischen Musikhochschulen, Opern- und Konzerthäusern – aber ebenso mit Veranstaltern der Off-Szene, der Soziokultur  und mit Stiftungen.

Durch die Implementierung von Musikvermittlung als integrierendes Element, das sich in vielen Erscheinungsformen zeigt: als Kontext im Hauptfachunterricht, als Artistic Citizenship in Projekten außerhalb der Hochschule, als Entrepreneurship für das Erfinden neuer Konzertsituationen, als Dramaturgie in der Entwicklung origineller Programme für viele Altersgruppen …

Chancen einer Öffnung

Im anschließenden World Café gingen wir gemeinsam der Frage nach, welche Chancen in einer stärkeren Öffnung der sozialen Praxis im Konzertleben liegen könnten – die Antworten greifen die oben genannten Beispiele auf und fügen neue Facetten hinzu: Digitalisierung und Interdisziplinarität werden gleichermaßen als Medien begriffen, die mehr Spielfreude in die Konzertsituation bringen könnten, weil Ältere durch Streaming-Angebote besser erreicht und Jüngere überhaupt erst eingeladen werden. Neue Konzertformate sollten zunehmend in interdisziplinäre Inszenierungen eingebettet werden, um klassische Musik aus ihrem Hochamt-Charakter zu entlassen. Die Musikvermittler und Musikvermittlerinnen der Tagung zeigen jedenfalls keine Angst vor Globalisierungstendenzen in der Gesellschaft, ganz im Gegenteil: Diese schenkt ihnen Hoffnung, dass die neue Vielfalt und Singularität der Kulturen dazu beitragen wird, den Hochkultursektor insgesamt hybrider und durchlässiger werden zu lassen.

Ich spüre in meiner Musikvermittlungs-Community unendlich viel Enthusiasmus für die Sache und wenig politisches Handwerk für strukturelle Veränderungen. Das müssen wir lernen, auch wenn es Unangenehmes in unseren Berufsalltag bringt. Wenn wir zu Motoren der Veränderung werden möchten, müssen wir unsere Argumente schärfen, eine gute Streitkultur entwickeln, uns nicht zu schnell auf Kompromisse einigen, Lobbys bilden und in Kauf nehmen, nicht mehr „die Nette von der Musikvermittlung“ zu sein, sondern die Taffe, die sich unbeirrbar für eine Konzertkultur im Kontext der aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen einsetzt. Unsere Arenen sind Kulturausschüsse, Hochschul-Senate und Konzertplanungs-Meetings, wo wir unsere Ideen und Konzepte durchsetzen müssen. Musikvermittlung als kulturpolitische Aufgabe zu verstehen, fällt uns nicht schwer – selbst kulturpolitisch tätig zu werden, schon. Da hilft ein erster Schritt und den gebe ich uns allen als Zitat aus dem World Café mit auf den Weg: „The big task is, that I‘ll need to initiate changes in my organisation in order to be able to make my ideas work.“
  

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