Verstecken spielen, dahinschmachten

Neue Unterrichtsliteratur für Klavier zu zwei, zu vier und zu kleinen Händen


(nmz) -
Erfreulicherweise gibt es viele Beispiele gut durchdachter Lernkonzepte für den Unterricht. In der Fülle der bereits vorliegenden Unterrichtsliteratur werden immer wieder Lücken aufgespürt und auf vielfältigste Weise zu schließen versucht. An dieser Stelle sollen Neuerscheinungen für Klavier vorgestellt werden, die sich den Lernenden widmen. In diesen Lernprozess wird auch das Spiel zu vier Händen mit einbezogen.
Ein Artikel von Anke Kies

Barbara Arens: Small Hand Piano. Edition Breitkopf, EB 8987

Barbara Arens greift in ihrem Band mit 40 Stücken ohne Oktaven ein Problem auf, das in der Unterrichtspraxis so ungewöhnlich nicht ist: kleine Hände. Recht schnell stellt man fest, dass es im fortschreitenden Stadium des Unterrichts an einer geeigneten Ausgabe mangelt, die sich dieses Problems annimmt. Arens hat nun eine Sammlung vorgelegt, die bei genauer Betrachtung nicht nur das physische Problem in den Fokus rückt, sondern auch Facettenreichtum auf allen Ebenen der Klanggestaltung und spieltechnischen Anforderungen mit einbezieht. Die manuellen Einschränkungen werden also kaschiert, ohne Einbuße an Spielfreude. Der Großteil der Stücke stammt aus ihrer Feder, aber auch Miniaturen aus der Klavierliteratur, die man sonst kaum in den Sammlungen für den Unterricht findet, wurden hier geschickt integriert. Zu erwähnen wären beispielsweise Präludium und Allegro in Es von Bach-Busoni, Sonata in a von Cimarosa, Con spirito von Marcello, Elegie von Massenet, aber auch Gnossienne von Satie, Siciliano von Kozeluch, Gondellied von Dora Pejacevic, Allegretto von Rebikov und nicht zuletzt Filmmusik aus „Herr der Ringe“. Durch die Kombination mit den eigens für diesen Band komponierten Stücken erfährt der Schüler auch eine musikalische Horizonterweiterung.

Jakub Metelka: Moderne Klavieretüden. Bärenreiter Praha, BA 11559

Das Trainieren von Klaviertechnik ist unumgänglich. Man kann das aber auch „verstecken“: Beim Aufschlagen des Hefts von Metelka springen dem Betrachter Illustrationen ins Auge, die den programmatischen Charakter der Stücke optisch untermauern sollen. Keine stupide Fingertechnik also, sondern ein vermeintlich normales Spielbuch. Das Fitwerden bezieht sich dabei nicht nur auf die Erlernung der unterschiedlichsten spieltechnischen Schritte, sondern erstreckt sich auch progressiv auf das Spiel in Tonarten bis sieben Vorzeichen. Der Umfang der Etüden ist überschaubar (Zweizeiler bis maximal eine Seite), so dass sehr effektiv an den technischen Aufgaben gearbeitet werden kann. Die mit dem Spiel in „vorzeichenlastigen“ Tonarten einhergehenden Herausforderungen werden zusätzlich noch mit klugen Finessen gespickt, die dem Schüler einiges abverlangen, ihn aber damit auch zum Erfolg führen.

Emil Hradecký: Zweistimmige Klavierstücke auf einer Seite. Bärenreiter Praha, H 8034

Eine glasklare Ansage im Titel: Zwei Stimmen, eine Seite. Was geschieht? Hradecký bevorzugt Tänze, da sie ein rhythmisches Eigenleben haben, lässt sie zumeist mit abwechselnden Händen spielen, setzt sie geschickt oder wechselt die Lage. Das Erlernen geschieht sehr effizient. Die Miniaturen haben programmatischen Charakter, der auch hier als Mittel zum Zweck dient: „Der Bär“ ist in den tiefen Lagen verortet, beide Hände spielen im Bassschlüssel, „Der Nebel“ zieht seine Schwaden über einen Ganztonschleier in hohe Lagen. „In China“ oder „In der Wüste“ sind beileibe keine Neuerungen, um die dazu gehörenden Leitern zu verinnerlichen. Hradecký aber versteht es, sich wohltuend von den gängigen Hörmustern abzugrenzen, was im Übrigen alle Titel betrifft, da sie in der Unterrichtsliteratur zahlreiche Double haben. Aber gerade diese eigenwillige Draufsicht zeigt einmal mehr die Vielfalt der gestalterischen Möglichkeiten und deren Vermittlung.

Istvan Horvath-Thomas: Leichte Klavierstücke zu vier Händen. Verlag Neue Musik Berlin, NM 1318

Horvath-Thomas schnürt mit seinen Klavierstücken über ungarische Volkslieder ganze Bündel von Strängen in die Tradition des Liedsammelns. Er beschränkt sich nicht allein auf folkloristische Studien oder Bearbeitungen, sondern es geht ihm vielmehr um Überspitzungen von Eigenarten dieser Musik. Interessant ist, dass in drei der sieben Stücke zusätzlich zu den Klavier-Parts ein Cello und Kontrabass vorgesehen sind, die in mittleren Lagen, also zwischen Primo und Secondo spielen. Die Liedmelodie sucht ihren Platz in allen Stimmen, ohne gängige Solo- und Begleitmodelle. Im fünften Stück verwendet Horvath die gleiche Liedmelodie wie Bartok in seiner „Studie für die linke Hand“. An diesem Beispiel lässt sich gut die individuelle Herangehensweise erkennen: im Primo-Part wird die Melodie kanonisch geführt und erhält durch die Hinzunahme einer akkordischen Begleitung tänzerischen Charakter. Die Einstufung des Schwierigkeitsgrades der Stücke ist eher relativ. Oktavläufe in Achteln in schnellem Vivace und vierstimmige Akkorde in beiden Händen bedürfen schon einer gewissen technischen Versiertheit.

Bertram Schattel: Für Rosalie und Finn. Edition Breitkopf, EB 8902

Schattel komponierte die zwanzig Klavierstücke zu vier Händen für Schüler auf gleichem Entwicklungsniveau. Sie verfolgen nicht vordergründig ein didaktisches Ziel, sondern sollen auf simple Weise zu lustvollem Spiel anregen. Der Autor wendet sich mit diesen Stücken an Anfänger, die ohnehin rhythmisch-metrisch noch nicht so sattelfest sind. Das gemeinsame Spiel bietet nicht nur Anreiz, es fördert auch Ehrgeiz. Die Lerninhalte spielen sich auch hier eher im Hintergrund ab: die verschiedenen Grundlagen der Artikulation, die hier meist beide Hände betreffen, können so fast unbemerkt erlernt werden. Zumeist wird im Fünftonraum gespielt, was den Anfängern eine gewisse Sicherheit gibt. Die Themen bewegen sich im Bewusstseinsbereich von Kindern, die sich mit den vorgegebenen Titeln sehr gut identifizieren und damit interpretatorische Fähigkeiten erwerben können.

Graham Buckland: Ancient Modes of Transport. Bärenreiter, BA 10932

Buckland bedient sich in seinen acht Stücken für vier Hände einer anderen Vorgehensweise. Er hatte die Idee, Stücke in allen Kirchentonarten zu schreiben, was zur Folge hat, dass nicht eine einzige schwarze Taste gedrückt wird, da die Stücke nicht transponiert wurden. Auch hier sind beide Parts ebenbürtig im leicht anspruchsvollen Niveau, der Fokus liegt auf der mit den Leitern provozierten neuen Klangerfahrung, in die man sich erst einmal einhören muss. Metrische Wechsel fügen sich ganz organisch ein und wirken nicht aufgesetzt. Die Themenvorgabe erwirkt in der Kohärenz mit der Spezifik der Leitern Abbilder unterschiedlichen Charakters, die die Spieltechnik automatisch beeinflussen. Längere Strecken von Achteltriolen in beiden Parts oder Sechzehntel-Läufe im 7/8-Takt können da schon zu Stolpersteinen werden. Fernab von bitterernstem Training wird musikantisch-vergnüglich duettiert.

Mike Cornick: Elgar Favourites, Universal Edition. UE 21779

Elgars Stücke wurden nicht zuletzt zu Favoriten, weil man dort viel schlechten Geschmack verstecken konnte. Aber sie rücken den Blick auch auf intim erlauschte Momente subtiler Empfindung. Die ursprünglich für Violine und Klavier komponierten Stücke transkribierte Cornick in eine Fassung für Klavier zu vier Händen. Dass dies kein leichtes Unterfangen war, beschreibt er näher im Vorwort. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen: Primo und Secondo kommunizieren dialogisierend und verbinden sich mit dem Unforcierten. Die Ausgabe richtet sich vermutlich eher an Hobbyspieler, die ihrer Leidenschaft frönen wollen. „Salut d’amour“, „Mot d’amour“, „Chanson de nuit“, „Chanson de matin“, Theme & Nimrod aus den Enigma Variationen und nicht zuletzt „Elegy for Strings“ eignen sich doch besonders gut, die pandemiebedingt in die vier Wände verbannten Menschen aus maximal zwei Haushalten am Klavier mit vier Händen dahinschmachten zu lassen.

Das könnte Sie auch interessieren: