Vertrauen in die eigene Kreativität schaffen

Die Autorin, Pianistin und Musikpädagogin Dorothée Kreusch-Jacob im Gespräch


(nmz) -
Wer als Pädagogin oder Pädagoge im Elementarbereich von Schule, Musikschule oder Kindertagesstätte tätig ist, kennt in der Regel mindestens eine der zahlreichen Veröffentlichungen von Dorothée Kreusch-Jakob, in denen sie Lieder, Gedichte, Geschichten, Meditationen und Spielideen mit Musik und Bewegung praxisnah vermittelt. Eines ihrer Anliegen ist es, Erwachsenen unabhängig von ihrer musikalischen Vorbildung Ideen für das gemeinsame Singen und Musizieren mit Kindern zu präsentieren und eventuell vorhandene Hemmschwellen zu überwinden. Antonia Bruns sprach mit Dorothée Kreusch-Jakob über ihre musikpädagogischen Überzeugungen und die Gründe ihrer unermüdlichen Kreativität.
Ein Artikel von Antonia Bruns, Dorothée Kreusch-Jacob

neue musikzeitung: Frau Kreusch-Jacob, Sie haben vor einigen Wochen am Musikalischen Kompetenz-Zentrum des  Magdeburger Konservatoriums ein Seminar gehalten zum Thema „Emotionale Intelligenz und Musik“. Was verstehen Sie unter emotionaler Intelligenz? Und was hat diese wiederum mit Musik zu tun?

Dorothée Kreusch-Jacob: Musik und Emotion gehören zusammen. Sie begeistert und berührt uns tief, lässt uns in Gefühlsbereiche eintauchen, für die es oft keine Worte gibt. Emotionale Intelligenz setzt sich im Prinzip zusammen aus zwei weiteren Intelligenzen: der intrapersonalen Intelligenz und der interpersonalen Intelligenz.

Die intrapersonale Intelligenz beinhaltet die Fähigkeit, sich selbst wahrzunehmen, zu verstehen, sich selbst zu vertrauen, sich in seinen eigenen Gefühlen und Handlungen zu erleben. Um diese Fähigkeiten zu entwickeln, nimmt das Kind mit seiner Innenwelt Kontakt auf, mit seinen Gefühlen und Träumen, mit Sehnsüchten, Fantasien und Wünschen. Es erlebt aber auch Grenzen und Widerstände. Die Fähigkeit, mit unterschiedlichen Gefühlen und der eigenen Befindlichkeit umzugehen, hat Auswirkungen auf spätere Lebenssituationen; auf Handlungen und Entscheidungen, ob zum Beispiel Angst und Unsicherheit das Leben bestimmen oder die eigene Kreativität blockieren. Die intrapersonale Intelligenz beinhaltet auch die Fähigkeit, Probleme zu lösen und lässt das kreative Potenzial aufblühen und wachsen. Hier spielt die Musik eine wichtige Rolle.

Musik spricht ja eine Seelensprache. Eine Vielzahl von Gefühlen kann hier ihren Ausdruck finden: Glück, Angst, Zorn, Freude, Übermut. Dabei reagieren wir wie zwei gleich gestimmte Gitarren. Sobald man an der einen zupft, kommen die Saiten der anderen in Schwingung. Etwas in uns selbst antwortet auf den Klang, auf die Musik, auf ihren emotionalen Inhalt. Auf diese Weise kann Musik emotionale Wogen glätten. Innere Unruhe, Stress oder Aggressionen können abgeleitet werden, aber auch Lebensfreude wecken und Wohlbefinden zaubern. Wer sich selbst durch Töne und Musik mitteilen will, muss den eigenen Gefühlen Vertrauen schenken können und sich selbst emotional wahrgenommen haben. Es gilt also, mit Musik ein emotionales Vokabular in Tönen zu entwickeln und sich selbst zum Ausdruck zu bringen. Aktives Musizieren, Spielen, Tanzen, Singen bietet viele Chancen zur emotionalen Orientierung und öffnet den Kindern damit in hohem Maß den Weg zu sich selbst.

Die interpersonale Intelligenz entwickelt sich im Wechselspiel zwischen Ich und Du. Zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und der eigenen Identität braucht das Kind ein Gegenüber. Sich mitteilen, auf Andere zugehen, Beziehungen schaffen, Freundschaften schließen, gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten, gehören ebenso dazu wie die Fähigkeit, Konflikte konstruktiv zu lösen. Dass hierbei die Musik einen Beitrag leisten kann, liegt auf der Hand. Denn wenn wir mit Anderen musizieren, müssen wir uns in den Anderen hineinversetzen, empathisch reagieren, vorausahnen, was der Andere sagen will, uns einfädeln in das Geschehen. Emotionale Intelligenz kann sich in diesem Wechselspiel zwischen intra- und interpersonaler Intelligenz entwickeln. Goethe hat den Begriff „Herzensbildung“ verwendet. Der klingt vielleicht etwas altmodisch, aber ich finde ihn sehr zeitlos. Bildung, die aus unserem Herzen kommt. Und dazu kann Musik natürlich einiges beitragen.

nmz: Das heißt, Musik wirkt sich auch positiv auf die emotionale und soziale Kompetenz von Kindern aus? Müssen Kinder dazu ein Instrument spielen?

Kreusch-Jacob: Sie spielen zunächst auf ihrem eigenen Instrument, der Stimme. Wenn wir selbst singen und Töne hervorbringen, sind wir ganz direkt in Kontakt mit uns selbst. Da ist zum einen dieses Körpergefühl, das wir haben, wenn wir den Ton bilden. Damit wir einen Ton hervorbringen können, müssen wir uns mit unserem Atem verbinden. Intuitiv öffnen wir die Klangräume in uns und verändern unseren Körpertonus. Sonst kommt kein Ton, sonst sind wir wie eine zusammengeklappte Ziehharmonika, da kommt auch kein Ton heraus.

Körperwahrnehmung, Körpergefühl, auch das eigene Körperbild entwickeln sich durch das Singen. Mit dem Singen transportiere ich aber auch immer bestimmte Gefühle nach außen. Stimme und Stimmung hängen zusammen.Die Stimme ist das Instrument, mit dem wir unsere Emotionen ausdrücken können. Umgekehrt gibt es den wunderbaren Effekt, dass durch das Singen Endorphine ausgeschüttet werden, Wohlfühlhormone. Ich bin mit mir im Einklang. Wenn ich mit Anderen gemeinsam singe, stimme ich mich auf die Gruppe ein und fühle mich im Einklang mit ihr. Man kann eigentlich kaum negative Gefühle jemandem gegenüber haben, mit dem man gemeinsam singt.

In manchen alten Kulturen und Naturvölkern gab und gibt  es beispielsweise Streitspiele, wo Konflikte auch auf musikalische Art ausgefochten werden. Zum Beispiel gab es bei den Inuit einen Wettstreit, bei dem man seine Aggressionen und negativen Gefühle musikalisch ausgefochten hat. Musikalisch kann man Gefühle häufig besser ausdrücken als durch die Sprache. Auch Gefühle, die uns blockieren, für die man ein Ventil braucht, um auf andere wieder in positiver Weise zugehen zu können. Viele Kinder, die wir „schwierig“ nennen, die emotional blockiert, nervös und unruhig sind, haben zu wenig Möglichkeiten, um ihre negativen Emotionen auszudrücken. Wenn wir Musik und Bewegung mehr in den Alltag mit Kindern integrieren würden, in die Familie, in den Kindergarten, in die Schule; dann bin ich sicher, dass sich im Umgang miteinander vieles ändern würde. Wir sollten also dringend mehr musikalische Erlebnis- und Ausdrucksräume für Kinder schaffen.

nmz: Halten Sie die Schulbildung in dieser Hinsicht für ausreichend?

Kreusch-Jacob: An den allgemein bildenden Schulen ist Musikunterricht mittlerweile zum Mangelfach geworden. Im bildungspolitischen Streichkonzert spielt leider Musik die erste Geige, wenn Fächer wegfallen. Und wen stört es schon, wenn unsere Kinder von fachfremden Lehrern in Musik unterrichtet werden? Auch die verstärkte Nutzung von Internet, MP3-Player und so weiter. lässt aktives Musizieren zunehmend in den Hintergrund rücken. Und das, obwohl die Hirnforschung immer wieder hervorhebt, welch wichtige Rolle Musik und Bewegung für die persönliche Entwicklung einnimmt. Obwohl wir wissen, dass Musik Kinder begeistert und bereichert. Dass sich ihre Konzentrationsfähigkeit verbessert, dass sich Informationen besser speichern und abrufen lassen, wenn sie mit Bewegung, Rhythmus und Klang verknüpft sind. Es geschieht leider viel zu wenig in dieser Richtung. Und das macht betroffen. Denn wir hätten mit der Musik ein „Instrument“ zur Hand, mit denen wir manche Schwierigkeiten im Schulalltag auffangen könnten.

nmz: Die Diskussion um mehr Musik in der Schule ist ja gerade sehr stark im Gang …

Kreusch-Jacob: Ja, einerseits ist geradezu eine Fördermanie ausgebrochen. Ich befürchte allerdings, dass viele der Maßnahmen zu einseitig auf die kognitive Förderung der Kinder hinauslaufen. Aber ohne ein Gleichgewicht zwischen emotionalem, sozialem und kognitivem Lernen geht es nicht. Deshalb spielt gerade Musik eine wichtige Rolle. Eine Erziehung, in der Musik ihren festen Platz hat, wirkt sich auf Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeit, sowie Sprachbildung, Bewegung und Kommunikation aus. Hier bieten sich vielfältige Chancen zur Persönlichkeitsentwicklung. Wir sollten deshalb auch Musik als integrative Kraft zur Förderung und Unterstützung von „Risikokindern“ nutzen.

nmz: Was wäre denn Ihr Paradies von der musikalischen Bildung der Kinder?

Kreusch-Jacob: Was Sie mit dem Begriff „Paradies“ ausdrücken, wäre meine Wunschvorstellung von einer Welt, in der zwischen grenzenlosem Musikkonsum und musikalischer Hochkultur Platz für „Paradiese“ geschaffen wird, wo Kinder das leben und entwickeln können, was ihnen als Gabe mit auf den Weg gegeben wurde: Musik zum Ausdruck zu bringen. Jedem Kind seine Stimme, jedem Kind sein Instrument … dazu brauchen wir Menschen, die bildungspolitisch die Weichen stellen, so dass jedem Kind sein Recht auf Bildung – auch der musikalischen Bildung – garantiert werden kann! Die „paradiesische“ Wirkung erlebt ja jedes Kind bereits lange vor der Geburt. Seine ersten Hörerfahrungen im Klangraum Mutterleib sind prägend für sein Neuralsystem und seine emotionale Entwicklung. Der kleine Ohrenmensch horcht auf den „Klang des Lebens“, spürt Zuneigung und Liebe. 

Nach der Geburt spinnt sich dieser Faden weiter. Schon die Allerkleinsten reagieren auf Klang, lieben Musik. Und sie entdecken sie vor allem durch die Menschen, die mit ihnen in engstem Kontakt stehen. Diese Beziehung wird wiederum durch das gemeinsame Spiel mit Musik gestärkt und intensiviert. Ein Wechselspiel also, das beide reicher macht. Hier taucht denn auch ein weiterer Wunsch auf, die „Musikalisierung“ von Eltern, damit Musik im familiären Alltag ankommen kann.  Der Hirnforscher Gerald Hüther sagt sinngemäß: Das absichtslose Singen mit Kindern hat die größte Wirkung auf ihre soziale, ihre emotionale und ihre kognitive Entwicklung. Also ganz klein anfangen und Kindern Musik schenken, auf einfache, elementare Weise, die alle Sinne anspricht; ob in der Familie, in  der Spielgruppe, in der Kinderkrippe oder im Kindergarten.

Umfragen haben ergeben: Lieder und musikalische Bewegungsspiele stehen auf der Hitliste der Kinder ganz oben. Vielen Erzieherinnen fehlt jedoch das Vertrauen in die eigene Stimme, in die eigenen musikalischen Fähigkeiten. „Hilfe, die Kinder wollen mit mir singen!“ Dieser oft gehörte Hilferuf verrät, dass manche Erzieherinnen nicht adäquat auf die Singfreude der Kinder reagieren können. Manchmal hängt dies mit enttäuschenden Erlebnissen aus der eigenen Kindheit zusammen. Wem vermittelt wird: „Du singst nicht richtig. Du bist unmusikalisch“, dem legen sich solche Traumatisierungen wie Mehltau über die Stimme. Er hat gelernt, sich für unmusikalisch zu halten. Dazu müsste allerdings die Ausbildung von Erzieherinnen verändert werden, damit sie sich musikalisch mehr zutrauen, mehr Mut haben zu singen. Natürlich sollte es auch in der Schule sehr viel mehr Musik geben, fächerverbindend und über den eigentlichen Musikunterricht hinaus. Man kann zwischendurch kleine Einheiten mit Bewegung und Musik einbauen, das sorgt für Ausgleich, macht wach und fröhlich. Man kann Sprache musikalisieren. Das ist, wie wir aus der Sprachtherapie wissen, höchst wirksam. Wo reine Sprachübungen versagen, hat man beobachtet, dass gesungene Sprache die Kinder große Fortschritte machen lässt. Es kommt dabei nicht nur auf eine schöne Stimme und richtige Töne an, sondern vor allem auf das Bewusstsein, dass Musizieren immer auch mit Zuwendung zu tun hat.

nmz: Sie geben immer wieder neue didaktische Anregungen, Sie schreiben Kinderlieder. Woher kommen Ihre Ideen?

Kreusch-Jacob: Ich singe und spiele selbst gerne, lasse mich spontan von Situationen anregen. Was mich inspiriert, ist immer die direkte Begegnung mit Kindern, ganz gleich wie alt sie sind. Ideen springen mich oft regelrecht an, aus Bildern, Geschichten und Gedichten. Da überkommt mich immer eine große Lust, Spiel in Töne zu übersetzen – oder umgekehrt: aus Musik Spiel werden zu lassen. Auch vieles, was in der eigenen Familie passierte, schlug sich in meinen Liedern nieder. Zum Teil waren meine eigenen Kinder selbst die Mit-Urheber. Ich habe sie beobachtet, wie sie gespielt und vor sich hin gesungen, gereimt und fantasiert haben, was sie zum Nachdenken und Lachen gebracht hat. Das habe ich dann aufgegriffen.

nmz: Was ist Ihre Botschaft?

Kreusch-Jacob: Botschaft ist ein großes Wort!  Eigentlich geht es mir darum, Vertrauen zu schaffen. In die eigene Kreativität, bei Klein und Groß. Jenseits von musikalisch oder unmusikalisch. Ich bin überzeugt, dass jedes Kind Musik braucht. Es will damit spielen mit allen Sinnen, hören, sehen, schmecken, fühlen, sich bewegen, staunen. Lebensfreude pur! In Einklang kommen mit sich selbst, in der Begegnung mit Anderen. Flow-Erlebnisse im Kontrast zu einer oft lauten, reizintensiven, unübersichtlichen und komplizierten Welt. Musik ist immer ganzheitliche, nachhaltige Förderung. Für mich gehört zur Musik immer auch das Entdecken der Stille. Diesen Weg zeigt uns das Ohr. Horchen und  lauschen auf den Klang, auf das Leise – und schließlich auf das, was hinter dem Klang wohnt: die Stille. Klänge kommen aus der Stille und gehen wieder in die Stille. Eine Welt, in der gesungen und musiziert wird, stelle ich mir lebenswerter vor als eine Welt, in der das Prinzip immer lauter, immer schneller, immer besser regiert.Wenn wir aktiv Musik machen, singen oder ein Instrument spielen, müssen wir uns auf eine gewisse Langsamkeit einlassen. Nichts geht auf Knopfdruck, man kann nicht einfach weiter „zappen“. Man lässt nicht singen oder spielen –  man tut es selbst. Hier stoßen wir denn auch auf einen Begriff, der musikalische Wurzeln hat: per-sonare – durchklingen. Zur Person werden. Oder wie H.W. Henze das ausdrückt: „mit Musik wie mit sich selbst vertraut werden“.

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