Viel Spaß und viel Ernsthaftigkeit

Die Tagung „Soundform“ in Hamburg informierte über digitale Musiziermöglichkeiten für Menschen mit Beeinträchtigung


(nmz) -
Mit der U3 vom Hauptbahnhof zehn Minuten in Richtung Barmbek – das ist Ankommen in Hamburg. Elbphilharmonie, Landungsbrücken, St. Pauli. Eine Station weiter, Haltestelle Feldstraße, ist der Ausstieg nicht nur zum Hamburger Dom, dem „größten Volksfest des Nordens“, sondern auch zum Medienbunker. 1942 bis 1944 von Zwangsarbeitern als Flakturm IV zur Luftabwehr und als Luftschutzbunker für die Bevölkerung gebaut, ist der 40 Meter hohe Riese heute ein Kultur- und Medienzentrum, in dem unter anderem Musikgeschäfte, der Hamburger Musikclub Uebel & Gefährlich und im ersten Stockwerk der „resonanzraum“ ansässig sind. Der resonanzraum, mehrfach für Architektur und Programm ausgezeichnet, ist nicht nur Heimat des Ensembles Resonanz, sondern auch Veranstaltungsort für Tagungen und Konzerte wie die Veranstaltung „Soundform“ am 21./22. März 2019.
Ein Artikel von Irmgard Merkt

Veranstaltet wurde „Soundform“ von EUCREA, Pionier der Vertretung der Interessen von Künstlerinnen und Künstlern mit Beeinträchtigungen im deutschsprachigen Raum und innovativ auf vielen Ebenen. Thema der Fachtagung „Soundform“ war die Entwicklung vor allem digitaler, aber auch analoger Technologien, die es Menschen mit Beeinträchtigung ermöglichen, das Leben privat wie öffentlich als Musikerin, als Musiker zu gestalten. Sogenannte angepasste Spielweisen gibt es seit Langem, man denke nur an das Klavierkonzert für die linke Hand von Maurice Ravel für Paul Wittgenstein. Dieser, Bruder des Philosophen Ludwig Wittgenstein, hatte im Ersten Weltkrieg seinen rechten Arm verloren, setzte aber unbeirrt seine Karriere als Pianist fort und unterrichtete nach seiner Emigration in den USA an verschiedenen Hochschulen.

Das Spielen traditioneller Musikinstrumente mit einer Hand hat auch in anderen Kontexten Tradition: Blockflöten mit Einzelklappen oder mit einer Einhandmechanik gibt es ebenfalls seit vielen Jahren. Einhand-Klarinetten und Einhand-Saxophone sind nur ein kleiner Bereich innerhalb des großen Felds der Hilfsmittel, die Menschen mit Beeinträchtigung das Spiel eines Instruments ermöglichen. Stephen Hetherington, Gründer des OHMI-Trust in Großbritannien, dokumentiert im Rahmen der Tagung Adaptionen, die es Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung ermöglichen, ihr Lieblingsinstrument zu spielen. OHMI wird unterstützt durch Forschungsarbeiten an der Birmingham City University, die Methoden des Lehrens und Lernens unter besonderen Bedingungen von unterschiedlichen Beeinträchtigungen untersuchen. Die Organisation OHMI selbst verleiht unter anderem die oft teuren adaptierten klassischen Instrumente, stimuliert aber über einen Wettbewerb ebenso die Weiterentwicklung elektronischer Instrumente. Very british oder eher scottish ist ein „P-bROCK Digital Bagpipe Chanter“, der das Spiel der Great Highland Bagpipe mit einer Hand ermöglicht. Der amerikanische Designer und Entwickler elektronischer Musikinstrumente Roger Linn brachte 2014 das „Linnstrument“ auf den Markt, ein handliches Rechteck für einen internationalen Laien- und Profimarkt, das als „grid based MIDI controller, playable with one or two hands“ Menschen mit Bewegungseinschränkungen ein nicht reduziertes Musizieren in allen Musikstilen ermöglicht. Auch das Linnstrument – es hat auf dem „Nichtbehindertenmarkt“ sehr gute Bewertungen – wird von OHMI zur Verfügung gestellt.

In Vorträgen und im Rahmen eines Instrumentenmarkts behandelt die Tagung am ersten Tag drei Themenfelder: Traditionelle Instrumente neu erfinden und erweitern, Neue Instrumente für Neue Musik und Digitale Instrumente und Schnittstellen für alle. Von der Erweiterung traditioneller Instrumente war bereits die Rede. Eines der neuen Instrumente für Neue Musik ist der Soundbeam, der mit anderer Technik ähnlich wie das klassische Theremin Körperbewegung in Klänge umsetzt und ursprünglich für die Kombination Tanz = Klang entwickelt wurde. Eines der digitalen Instrumente ist das von Rafael Ramirez und Zacharias Vamvakousis in Barcelona entwickelte musikalische Interface EyeHarp, gedacht für Menschen mit Erkrankungen wie ALS oder dem Locked-in-Syndrom, die nur noch über die Bewegung der Augen kommunizieren können. Das Spiel von Tönen nur durch den Blick auf Kreise auf dem Bildschirm, denen Notennamen zugeordnet sind: Die Autorin hat es probiert und es hat geklappt: Freude schöner Götterfunken. Die EyeHarp ist als Open Source Software im Internet erhältlich.

Wer mehr wissen will: Das Tagungsprogramm auf der Homepage von EUCREA dokumentiert zahlreiche weitere Projekte aus England und Finnland, aus den Niederlanden, Schweden und Deutschland. Was die beste Homepage nicht dokumentieren kann, sind die Eindrücke des Abendkonzerts, das die technischen Neuentwicklungen in künstlerischer Praxis zeigt. Stellvertretend für alle Präsentationen das schwedische Duo Parasonic mit Peter Larsson und Paul Bothén. Larssons Bewegungsfähigkeit ist stark eingeschränkt: Er sitzt im Rollstuhl und bewegt seine Hände sehr langsam. In Zeitlupe tippt er auf Tablets, die über Augenhöhe rechts und links von ihm auf Halterungen angebracht sind und erzeugt auf diese Weise Töne, die sich mit musikalischen Elementen mischen, die der Duo­partner Paul Bothén elektronisch erzeugt. Ebenfalls in Griffweite erreicht werden mit Tonabnehmern versehene Metallgitter, denen Larsson mit langsamen Aufwärtsbewegungen der Hände verschiedene Glissandi entlockt. Die Bewegung der Hände gemahnt an die würdevoll-langsame Flugbewegung des Adlers, der sich vom Aufwind tragen lässt. Die Assoziation stimmt: Zur Musik wird das Gedicht eines schwedischen Autors eingespielt, das den einflügligen Adler ermutigt.

Viel Neue Musik, viel Improvisation, viel Technik, viel neue Software, viel Spaß, viel Ernsthaftigkeit – und viel Applaus. Viel neues Wissen über Forschungsprojekte an Universitäten in Belfast, Birmingham, Helsinki, London, Malmö und Hamburg. EUCREA hat alle zusammengebracht. Mehr davon!

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