Viele Rückkehrer

Neuveröffentlichungen der Popindustrie, vorgestellt von Sven Ferchow


(nmz) -
Neue CDs mit Udo Lindenberg, Paul Young, Radiohead, Annett Louisan, Travis und Zucchero.
Ein Artikel von Sven Ferchow

Nun denn. Udo Lindenberg ist wieder da. Neues Album. „Stärker als die Zeit“. Andreas Herbig, Henrik Menzel und Peter Seifert standen Lindenberg wieder zur Seite. Zusammen gelang ein großes Album. Muss man ja vorsichtig sein, mit diesen Belobigungen. Ob das Album nun eine Weiterentwicklung ist, ein neue Facette oder „reifer“ (witzig ja fast bei Lindenberg): keine Ahnung. Fakt ist: Die 15 Songs treffen. Textlich, musikalisch, emotional. Udo Lindenberg ist es gelungen, den echten Lindenberg herauszuarbeiten. Das war vor gefühlten 100 Jahren nicht anders. Verbiegen lassen hat er sich nie. Das zu hören, das mit jedem Song zu spüren, ist das Kunststück dieses Albums (Warner).

Noch ein Großer kehrt zurück. Paul Young (Come Back And Stay), der weiße Soulsänger, interpretiert auf „Good Thing“ Coverversionen ausgewählter Soulklassiker. Dabei kommen unter anderem Al Green, The Staple Singers, Sly Johnson oder The Bee Gees zur Geltung. Man muss sich nichts abbrechen, um Paul Young schlichte Großartigkeit zu attestieren. Der Mann könnte auch „Ace of Base“ singen, es wäre sensationell. Schade, dass er sich nicht mehr an eigene Songs herantraut. Aber auch sehr okay, wenn jemand bei „seinen Leisten“ bleibt (Rykodisc).

Radiohead haben ja irgendwann den Pfad der Rockmusik verlassen. Was Thom Yorke und seine Crew respektive Artisten da immer wieder veröffentlichen, ist ein Affront für jeden Rockliebhaber. Nun kann man über Kauzigkeit, Unnahbarkeit oder Einzigartigkeit jahrelang streiten. Fest steht: Auch das neue Album „A Moon Shaped Pool“ ist zum Zähne Ausbeißen. Sicher mit intimen, fast elegischen Momenten (Daydreaming, Decks Dark, True Love Waits), aber alles in allem sind das eben Installationen und weniger Songs. Man kann das mögen. Dann muss man kämpfen. Man darf das aber auch zur Seite legen und auf das neue Red-Hot-Chili-Peppers-Album warten (Xl/Beggars Group).

Annett Louisan meldet sich auch zurück. „Berlin, Kapstadt, Prag“ nennt sich das Album, was ja fast albern ist, wenn die Sportfreunde Stiller ein Album namens „New York, Rio, Rosenheim“ besitzen. „Warum?“, ist ja bei jedem Coveralbum eine berechtigte Frage. Bei Annett Louisan bisweilen auch. Den Wanda-Klassiker „Bologna“ kann man so nicht bringen. Echt nicht. „Bologna“ lebt vom Schmäh und der Heruntergekommenheit der Band. Da passt das Engelchen Annett nicht dazu. Nein, selbst der Gegensatz zieht hier nicht. Auch Philipp Poisels „Wie soll ein Mensch das ertragen“ muss man eigentlich nicht covern. Was soll man in diesen Song denn noch an Emotionen hineindrücken und pressen? Schade auch, dass sich Annett Louisan für „Stark“ von Ich + Ich entschied. Ein feiner Song, aber von Adel Tawil bereits in Perfektion vorgetragen. Schöner, bunter, spannender wird es bei „Engel“ von Rammstein, bei „Das Modell“ von Kraftwerk oder bei „Merci, Chérie“ von Udo Jürgens. Gut gelungene Interpretationen, die aber eine leichte Gesamtenttäuschung über das Album nicht lindern können, zumal es mit „Helden“ (freilich David Bowie) endet. Diesen Song auf Deutsch zu covern hatten ja schon andere versucht. Es bleibt auch bei Annett Louisan eher ein peinlicher Moment. Licht und Schatten, da geht noch mehr, Frau Louisan (Columbia)!

Travis gingen für ihr neues Album „Everything At Once“ in die Berliner Hansa Studios. Natürlich sind diese Popsongs der Schotten kein Meisterwerk im Pop-Olymp. Aber es ist anständiges Handwerk. Schlicht, überschaubar und für den Radiokonsumenten nachvollziehbar. Nicht unmöglich, dass man – leicht beschwipst – durchaus mal ein flottes Tänzchen auf einige der neuen Songs wagt. Frontmann Fran Healy lenkt dieses Popträumchen von Album sehr sicher durch hinderliche Ecke und Kanten, aber wer Travis kauft, weiß, was er bekommt. Für Fans: Fran Healy produzierte für das Album und dessen Deluxe-Version gleich noch einen kleinen Film mit, der tatsächlich „Everything At Once The Film“ heißt (Caroline).

Zucchero ist und bleibt ein cooler Hund. Auch wenn das Album (wie lustig) „Black Cat“ heißt. Niemand schüttelt einen derartig eigenständigen Rock- & Blues-Sound so locker und hemdsärmelig aus dem Hut wie Zucchero. Nie lakonisch, immer fröhlich. Nie bedeutungsschwanger, immer lebensfroh. Unbedingt anhören: Ti Voglio Sposare,  L’Anno Dell’Amore oder Hey Lord (Universal). 

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