Virtuell, transatlantisch und auf allen Kanälen

Mittels UKW, DAB und WLAN trotzt das Jazzfest Berlin der Corona-Krise


(nmz) -
Während sich Gesellschaften zu spalten drohen, baut Jazz die Schranken zwischen Kulturen, Nationen und Stilis­tiken ab – das Jazzfest Berlin demonstrierte mit zeitgleichen „Tandemkonzerten“ in Berlin und New York dieses Zusammenrücken vorbildhaft. Die völlige Ortsungebundenheit mangels eines physischen Publikums machte es möglich. Ein Fazit bleibt nach vier langen Tagen und Abenden vor den heimischen Bildschirmen und Anlagen: Diesseits und jenseits des Atlantiks ist große Lust vorhanden, neue musikalische Welten zu erschaffen.
Ein Artikel von Stefan Pieper

Im Jahr 2018 übernahm Nadine Deventer die künstlerische Leitung für eine der traditonsreichsten Jazz-Großveranstaltungen in Deutschland. Die Philosophie des Fes­tivals hat seitdem eine konsequente Verjüngungskur durchlaufen. Heute geht es um eine Spurensuche in der Gegenwart – nach allem, was in aktuellen Szenen gegenwärtig, aufregend und kostbar ist. Und im Moment auch so bedroht scheint wie nie, wo vor allem der freie Kultursektor die Maßnahmen zur Beschränkung der Corona-Pandemie zu spüren bekommt.

Man war bei der Planung von einem  Hybrid aus Liveereignis und Medienevent unter Beteiligung aller ARD-Anstalten ausgegangen. Entsprechend stand schon die Infrastruktur bereit, als der ungünstigste Fall, nämlich der völlige Ausschluss des Publikums, eintrat. Also schlug in Berlin die Stunde animierter Videoformate und Multimedia­konzerte. Gezeigt wurde, dass neue, kreative Lösungen allmählich über die schnöde Konzertsimulation im Netz hinaus gehen – umso wichtiger, seitdem Streamingkonzerte in der Szene nicht mehr den allerbesten Ruf genießen. Wo kein Publikum den Musikern mehr direktes Feedback gibt, sorgte eine besondere Venue zumindest emotionaler Hinsicht für Schadensbegrenzung: Im achteckigen Raum des Kulturquartieres „Silent Green“, einem ehemaligen Krematorium, konnten die Musiker vis a vis und im Kreis positioniert spielen, was augenscheinlich das „Einander-Zuhören“ begünstigte, vor allem bei den zahlreichen Sextett-, Septett-, Oktettbesetzungen.

Mehr noch: Die fast spirituelle Aura dieses Ortes ließ umso besser in ungeahnte musikalische Welten abheben - immer neu, immer wieder anders! Hinreißend, was den Ausführenden in einem erfrischend interdisziplinären Projekt namens „Ap Lla“ einfiel. Unter Federführung des schwedischen Bassisten Joel Grip nährte eine dadaistisch anmutende Kunstsprache eine Sternstunde voller improvisierter, komponierter und auch choreografierter Darstellungslust. Zum synästhetischen Erfahrungsraum wurde das Silent Green immer wieder: Auch die Multimedia-Komposition „Sunnosphere“ des Pianisten Alexander Hawkins zog optisch alle denkbaren Register.

Aber aus Sirenengesängen und Trompetensound-Kaskaden erwuchs viel mehr, als etwa „nur“ kosmische Fantasiegebilde wie bei Sun Ra: Mittendrin textete der libanesische Rapper Siska über eine – auch gerade in der Haupstadt seines Heimatlandes – desolaten Wirklichkeit. In fliegendem Wechsel wurde nach New York, genauer nach Brooklyn herübergeschaltet – dieser Stadtteil hat längst Manhatten als Epizentrum der künstlerischen Avantgarde abgelöst. Ein Club namens Roulette gehört hier zu den angesagten Örtlichkeiten. Ein neues Trio des Pianisten Craig Taborn schickte aktuelle musikalische Grüße über den Atlantik. Die Saxophonistin La­kecia Benjamin legte im Trio eine würdige Coltrane-Hommage hin, klar definierte musikalische Ewigkeitswerte. Die Antwort auf so viel geballte Jazzgröße aus Berlin folgte zu einem anderen Zeitpunkt des Festivals:  Von sprühender Spiellust und funkelnder Finesse nahm sich die Großformation Potsalotsa von Silke Eberhard der charismatischen Musik des großen Henry Threadgill an. Die Möglichkeiten echter Begegnung sind in Zeiten von Ausgangssperren und Abstandsgebot wie rare Strohhalme, um sich dran zu klammern. Die Gespräche, welche Nadine Deventer und  ihre New Yorker Co-Moderatorin mit allen Musikerinnen und Musikern führten, widerspiegeln ein starkes Ausgehungertsein, welches zurzeit hinter allem kreativen Tun steht. Die Bühnen in Berlin, New York und anderswo sind hier Befreiungsräume, um loslassen zu können. Und um Charakter zu zeigen. Ohne den Schlagzeuger Jim Black wäre das Festival wohl nicht das, was es geworden ist. Zu erleben war der humorvolle Drummer in gleich mehreren Besetzungen – last but not least auch in einer schrägen Rock-, Disco-, Retro-Hiphop-Hommage im Rahmen der Band MEOW!.

Und was für einen Spaß auf der Bühne transportierten auch die Sopranistin/Gitarristin Heidi Heidelberg und der Flötist Mauricio Velasierra in ihren  komödiantisch-überspitzten Live-Duellen im Rahmen ihres Duos “Bitch ’n’ Monk”.

Klar, dass sich hier bei diesem Fes­tival Berlin auch als Schmelztiegel in Sachen elektronischer Klänge Gehör verschaffte – etwa im Duo TRAINING, wo John Dieterich and Isıl Karatas die Klangereignisse aus den Schaltkreisen mit real erlebbarer Perkussion konfrontierten.

Zwischendurch hellte in Berlin und New York ein Lichtblitz die Minen aller Beteiligten auf, sofern dies sichtbar war und nicht von Mundnasenschutzmasken verdeckt war: Gerade als Ingrid Laubrock und Kris Davis eine sehr kammermusikalische Form von Gemeinsamkeit pflegten, kam die Nachricht von der endgültigen Abwahl des ungeliebten Donald Trump – bekanntlich hat der in seiner Amtszeit nicht wirklich mit Großtaten für ein transatlantisches kulturelles Miteinander, geglänzt.
  

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