Vom Ignorieren der Altersgrenzen

Jazz-Neuheiten, vorgestellt von Hans-Dieter Grünefeld


(nmz) -
Vorausgesetzt, sie sind ohne körperliche Gebrechen, können Jazz-Akteure gewisse Altersgrenzen anscheinend ignorieren (vom Ruhestand ganz zu schweigen). Neue Platten von Ack van Rooyen, Charles Lloyd, Joe Chambers, Ricky Peterson & The Peterson Brothers und Dino Saluzzi.
Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld

So hat Ack van Rooyen (*1930) zwar „90“ Jahre auf dem Buckel, aber noch ein stabiles Gebiss und genug musikalischen Biss, um am Flügelhorn im weich intonierten und schlendernden „Canter / Galopp Nr. 1“ geschmeidig zu phrasieren. Sein aufmerksamer Partner ist dabei Tenorist Paul Heller, stets zu munteren Dialogen bereit, etwa zum fröhlichen „D’r lange Jan“-Skiffle oder „Brush it up“, ein melodischer Bebop. Ack van Rooyen wiederum ist sich seiner verbliebenen Kapazitäten in diesem homogen swingenden Sextett bewusst und bewegt sich meistens in den unteren und mittleren Registern, wodurch seine Emotionalität altersreif zur Geltung kommt. (Jazzline)

Ironisch übertrieben fühlt sich Tenorsaxophonist Charles Lloyd (*1938) von The Marvels umgeben, wohl meinend, dass insbesondere das Gitarren-Tandem Bill Frisell und Greg Leisz (Pedal Steel) exquisite Sound-Tableaus zu einem „Tone Poem“ formen können. Zumindest entsteht aus einer freien Tenorsax-Improvisation mit Perkussion ein zart gezupftes lyrisches Latin-Thema. Auf gleicher Stilfolie stützen repetitive Effekte seine Exkursionen auf der Altflöte und ein Gitarren-Duett. Religiöse Wunder sind von Charles Lloyd nicht zu erwarten, doch eine ehrliche „Peace“-Predigt über fragmentiertem Swing zeigt, dass er nicht müde ist, Humanität einzufordern. (Blue Note)

Ziemlich präzise wendet Schlagzeuger Joe Chambers (*1942) seine Perspektive zum nordbrasilianischen „Samba de Maracatu“, findet dort zunächst im strikt getrommelten Swing „You and the Night and the Music“ ein eher munteres Nocturne, um dann vor Ort durch einen weit gefächerten Perkussion-Sound an diversen Instrumenten per Overdubbing ein ungetrübtes Lebensgefühl zu entfachen. Wobei sein Übergang zu Vibraphon-„Visions“ einen quasi Trance-Zustand provoziert. (Blue Note)

Der ist auch dem Gospel nicht unbekannt, wird jedoch in „One for Horace“ (Silver) von Keyboarder Ricky Peterson & The Peterson Brothers (Minneapolis; nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen und stilähnlichen schwarzen Band aus Austin/Texas) mit Verve modern revitalisiert. „Under The Radar“ schwelgen die fünf Brüder (geboren zwischen ca. 1960 und 1965) in Funky Beats und saftigen Orgelklängen, aufgeladen noch durch knackige Brass-Riffs. Urbaner Soul-Jazz und seine Varianten haben hier ein markantes Groove-Profil. (Leopard)

Dessen Pendant sind die introvertierten Bandoneon-Monologe von Dino Saluzzi (*1935), entsendet aus argentinischer „Albores“(Abenddämmerung)in kontrapunktisch verknüpften Sentenzen. Das sind „Ausencias“, sehr intensiv bewahrte Erinnerungen in bitonal konturierten Tableaux oder ein „Milonga“-Bebop in dissonanten Schärfen wie La vida – das Leben. Innen und Außen korrespondieren in diesen musikalischen Solo-Reflexionen wie ein Ganzes und ziehen mit spröde knisternden Klängen in den Bann, als ob sie Projektionen einer Camera Obscura der Seele wären. (ECM)

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