Vom Punk zum dunklen Fürsten

Nick Cave wird 60 – eine Graphic Novel feiert sein Leben


(nmz) -
Manchmal scheint sich das Gesetz der Anziehung ganz augenfällig auf Künstlerpersönlichkeiten auszuwirken: Ein tragisches Beispiel ist der Australier Nick Cave, der im Sommer 2015 einen seiner Söhne durch einen LSD-verursachten Klippensturz im englischen Brighton verlor. In den poetischen Songs seiner Band „The Bad Seeds“ tummeln sich genau die tragischen mythischen Gestalten, zu denen er nun im realen Leben zählt: Er ist heute ein vom Leben gezeichneter Held, der trotz allem immer weiter macht – mit seiner Kunst und dem Leben. Am 22. September wird Cave 60 Jahre alt, und der Berliner Comic-Künstler Reinhard Kleist widmet ihm eine Graphic Novel – weniger eine klassische Biografie als eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Werk und dem Mythos, unter dem Titel „Nick Cave – Mercy on Me“.
Ein Artikel von Ursula Gaisa

Reinhard Kleist zählt international zu den wichtigsten Namen der deutschsprachigen Comic-Landschaft und ist einer der wenigen deutschen Zeichner, dessen Bücher auch für den amerikanischen Markt übersetzt werden. Für seinen Künstler-Comic „Johnny Cash – I see a Darkness“ war er in den USA für den Eisner Award nominiert. Der Comic-Roman wird in einer Rahmenhandlung von Figuren aus Nick Caves Liedern erzählt.

The Hammer Song

Den Anfang macht eine Art Westernheld, ein unglücklicher Junge, der von zu Hause weg geht, in der Fremde angegriffen, schwer verletzt wird und im Sterben Erinnerungen an Caves Kindheit und Jugend hervorholt: waghalsige Mutproben im heißen staubigen Städtchen Warracknabeal in Australien; wie ihm der gebildete Vater – er ist Englischlehrer, die Mutter Bibliothekarin – vorliest: Nabokov, Dostojewski und Shakespeare. Dadurch und durch die streng anglikanische Erziehung erhielt der junge Nick Zugang in die Welt der Dramen, Geschichten und Sagen, die Realität in der Schule ist für ihn dagegen trist und nervtötend. Ein Held, ein Rebell, ein Outlaw will Cave werden, er spielt sich als Gefährlicher in der Schule auf. „Ein Rockstar, anders als die anderen“ werden, ist sein Ziel: „Be somebody, be someone!, ruft dir Johnny Rotten vom anderen Ende der Welt zu. England. Endlich jemand, der deine Sprache spricht“, so drückt es Kleist im Comic aus. Nick Cave besucht die Caulfield Grammar School, wo er den Multiinstrumentalisten Mick Harvey kennenlernt, zusammen gründen sie die erste richtige Band seines Lebens: The Boys Next Door.

Musikalische Vorbilder sind unter anderem The Saints und Johnny Cash, doch die vorwiegend lärmige Punkmusik kommt in Melbourne, wo er inzwischen Kunst studiert, nicht so richtig an, ein Plattenchef rät den jungen Wilden, nach England umzuziehen. Sie ändern ihren Namen in „The Birthday Party“ um, feiern 1980 in London erste Erfolge: „Da gibt es eine Band, die macht Musik, die gefährlich ist. Musik, die wie eine geladene Waffe aufs Publikum gerichtet ist. Da ist etwas Unvorhersehbares, Animalisches. Etwas Kraftvolles, Brutales. Etwas Angsteinflößendes. Das wollen alle! Vergessen finden. Jemand anders werden. Jemand, der etwas riskiert. Tanzen auf dem Vulkan.“ (Reinhard Kleist)

Doch trotz Plattenvertrag mit Virgin, zwei LPs und zwei EPs namens „The Bad Seed“ und „Mutinity“ entfernen sich die Bandmitglieder musikalisch zusehends voneinander, vor allem Cave fühlt sich im regnerischen London ganz und gar nicht wohl.

Wild Roses

Auch nach dem Umzug nach West-Berlin findet man keinen gemeinsamen Nenner mehr. Cave taucht tief ein in die dunkel-düstere Welt der inselartigen Außenseiterszene um Bands wie die Haut und die Einstürzenden  Neubauten – Drogen inklusive. Er wird schwer heroin- und alkoholabhängig, schreibt wie im Fieber einen Roman („Und die Eselin sah den Engel“, erschienen 1989) und wird einige Male von seiner Jugendliebe Anita Lane gerettet, die aus Australien anreist und ihn in die Entzugsklinik bringt. Cave zieht vorübergehend nach Los Angeles, wo er das Drehbuch für einen Film schreibt, aber die Musik lässt ihn nicht los, so gründet er mit Nick Harvey schließlich die Band, die in wechselnder Zusammensetzung bis heute besteht: The Bad Seeds. Einstürzende Neubauten-Chef Blixa Bargeld wird der erste Gitarrist, außerdem sind Barry Adamson (Gitarre, Klavier), Hugo Race (Gitarre), Tracy Pew (Bass) und Anita Lane 1984 auf dem Debüt-Album „From Her to Eternity“ mit dabei.

1987 und 1988 spielt Nick Cave in Peter Sempels Film „Dandy“ (u.a. mit Blixa, Campino und Nina Hagen) und in Wim Wenders’ „Der Himmel über Berlin“ mit. 1989 zieht er nach Sao Paulo zu Viviane Carneiro, die er während einer Tour kennengelernt hat und mit der er einen Sohn zeugt. „The Good Son“ (1990) hört man den Brazil-Einfluss deutlich an. Das Album gilt allgemein als das bis dato melodischste und freundlichste Werk des Künstlers. Im selben Jahr erscheint auch die Tourdokumentation „The Road To God Knows Where“. In musikalischen Undergroundkreisen sind Nick Cave und seine Bad Seeds von da an weltbekannt, doch mit dem Album „Murder Ballads“ (1996), auf dem er ein Duett mit Kylie Minogue singt („Where The Wild Roses Grow“), sorgen sie auch in den Pop-Charts für verdiente Aufmerksamkeit.

1997 trifft Cave das ehemalige Vivienne-Westwood-Model Susie Bick und heiratet sie, er wird clean, zieht mit ihr nach Brighton, wo seine Zwillingssöhne Earl und Arthur zur Welt kommen. Ein schöner Einstieg in die Cave-Welt ist der 2014 erschienene Dokumentarfilm „20.000 Days On Earth“: ein fiktiver Tag im Leben zeigt ihn bei den Studioaufnahmen zum Album „Push the Sky Away“, in einer Sitzung mit dem britischen Psychoanalytiker Darian Leader, bei einem Mittagessen mit seinem Bandkollegen Warren Ellis und bei einem Besuch in den Nick Cave Archives. Während der Autofahrten, die Nick Cave zu den verschiedenen Handlungsorten macht, trifft er auf Künstler wie Blixa Bargeld, Ray Winstone und Kylie Minogue. Und dann passiert das Unfassbare: der Unfalltod seines Sohnes – verarbeitet ebenfalls in einer Doku, die den Entstehungsprozess des Albums „Skeleton Tree“ von 2016 zeigt. Inzwischen ist Cave mit seiner Familie nach Los Angeles gezogen.

In Reinhard Kleists Comic-Roman wird Cave im letzten Kapitel von seinen erschaffenen Figuren und Alter Egos regelrecht verfolgt und zur Rede gestellt. Schließlich macht er sich zum weltgrößten Forschungszentrum auf dem Gebiet der Teilchenphysik, dem Cern in Genf auf, wo nach den Ursprüngen des Lebens geforscht wird. Er begegnet dem Blues-Gitarristen Robert Johnson, unterhält sich mit ihm über den künstlerischen Funken der Inspiration, durch den er gottgleich sein Publikum immer wieder mitreißen kann. Natürlich entsteht daraus wieder ein Lied, und so schließt sich der Kreis.

Buch-Tipps

Reinhard Kleist: Nick Cave – Mercy on Me, 320 Seiten, Carlsen Hamburg
Parallel zur Comicerzählung erscheint ebenfalls im Carlsen Verlag der quadratische Bildband „Nick Cave and the Bad Seeds – ein Artbook von Reinhard Kleist“. Der Band umfasst gezeichnete und getuschte Porträts, Skizzen und illustrierte Songs, die den Popstar in den verschiedenen Phasen seines bewegten Lebens und sein vielfältiges Werk präsentieren. Es entstand während der Arbeit am Comic-Roman.

Anspieltipps

Nick Cave and The Bad Seeds:
The Hammer Song
Love Letter
The Mercy Seat
The Weeping Song
Mit PJ Harvey:
Henry Lee
Where The Wild Roses Grow
Into My Arms
Red Right Hand
Push The Sky Away
Cabin Fever
 Tupelo

Im Mai 2017 erschien mit „Lovely Creatures – The Best of Nick Cave & the Bad Seeds“ (Mute/BMG) eine Retrospektive der ersten 30 Bandjahre.

  • Nick Cave and the Bad Seeds gehen im September 2017 in Europa auf Tour. Termine in Deutschland, Österreich und der Schweiz: 7.10. Frankfurt, Jahrhunderthalle, 9.10. Hamburg, Sporthalle, 12.10. Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle, 22.10. Berlin, Max-Schmeling-Halle, 1.11. Wien, Stadthalle, 2.11. München, Zenith, 12.11. Zürich, Hallenstadion, 13.11. Genf, Arena

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