Vom Übergang der Musik zur Philosophie

Christian Grüny überlässt sich in seiner Schrift der ganzen Fülle der anstehenden Probleme


(nmz) -
Es tut sich etwas in der deutschsprachigen Musikphilosophie. Nachdem Albrecht Wellmers „Versuch über Musik und Sprache“ den Auftakt gab, Gunnar Hindrichs mit „Die Autonomie des Klangs“ eine voll ausgeführte Philosophie der Musik vorlegte (sie­he hierzu die Rezension in der Februar-Ausgabe der neuen musikzeitung), Daniel Martin Feige bei Suhrkamp seine „Philosophie des Jazz“ vorstellte (siehe hierzu die Rezension in der September-Ausgabe der nmz), Richard Kleins „Einführung in die Musikphilosophie“ in diesem Herbst erscheint (Besprechung folgt) und weitere Autoren der Vollendung ihrer Bücher entgegensehen, liefert nun Christian Grüny die nächste Schrift, die einfach zu klug, zu kenntnisreich, zu anregend ist, als dass sie nur in akademischen Kreisen gelesen werden sollte.
Ein Artikel von Claus-Steffen Mahnkopf

Wenn in etwa fünf Jahren all diese Bücher auf dem Markt und bei den Lesern angekommen sein werden, werden das musikalische Denken und der Anschluss der Musik an den modernen Diskurs ganz anders sein. Endlich!

Der Untertitel „Philosophische Konstellationen zur Musik“ der Neuerscheinung „Kunst des Übergangs“ zeigt an, dass Grüny nicht, wie Hindrichs oder Feige, einen bestimmten Gedankengang Schritt für Schritt entfaltet, einmal das autonome musikalische Kunstwerk, das andere Mal die spezifische Spielkultur im Jazz. Vielmehr überlässt sich Grüny, Professor für Philosophie an der Universität Witten/Herdecke, der ganzen Fülle der anstehenden Probleme. So geht es um Stille, Ton, Affekt, Dissonanz, Form, Geste, Rhythmus, Zeit, Bewegung, Material, Körper, Werk. Eine einheitliche Philosophie entsteht dabei nicht, wohl aber ist die Stoßrichtung erkennbar.

Grüny positioniert seinen Ansatz gegen Ontologie und Psychologie und geht der Musik als einem Phänomen der Differenz, der Resonanz, als „Zwischenphänomen“ nach. Musik situiert sich (und setzt sich ab) im Verhältnis zu Stille; Musik geht in die Eingeweide genauso wie in die Motorik, die Affekte und den Intellekt; sie ist sprachlos und doch sprachverwandt; sie nimmt Zeit und Raum in Anspruch, freilich auf ihre eigene Weise. Obwohl die Kunstmusik einen starken Werkbegriff hervorbracht hat, ist Musik immer performativ, kommunikativ und interaktiv. Für Grüny existiert Musik nicht als eigenständige Seinssphäre (wie es Hindrichs sieht), sondern als eine Instanz, die vielfältig zwischen den Wirklichkeitsbereichen sich – buchstäblich: bewegt. Es erinnert an Gehirnforscher, die für ihre Experimente Musik einsetzen, nicht, um etwas über Musik, sondern über das Gehirn zu erfahren. Weil Musik wie kaum etwas anderes in allem anderen verwoben ist.

Besonders lesenswert sind die Ausführungen zur Zeit – dankenswerterweise mit viel Husserl und weniger mit modischen Zeitgenossen – und zur Ganzheit, mithin der Frage, wie Musikstücke überhaupt zusammenhängend gehört werden können, wenn sie doch offenbar nur in der Zeit stattfinden, die Zeit aber scheinbar nur in der Gegenwart existiert.

Deren Vermittlung mit der Vergangenheit, der Erinnerung, und der Zukunft, der Erwartung oder auch Überraschung, gehört zum Schwierigsten in der Philosophie und in der Theorie der Musik sowieso. Auch die Kapitel zur Materialität (Material, Stoff, Körperlichkeit) und zur Geschichtlichkeit aller musikalischen „Parameter“ sind äußerst erhellend.

Das Buch ist, angesichts einer Überfülle von gewälzter und durchgekneteter Sekundärliteratur und manch aufgebretzelter Intellektualismen bei den Zitaten, vergleichsweise akademisch. Es ist eben auch eine Habilitationsschrift, mit der der Autor seine allseitige Anschlussfähigkeit unter Beweis stellen möchte. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, erhält sowohl einen Überblick über unzählige Theorieansätze, Traditionen und Argumentationsmuster. Wer sich auf den Stand der gegenwärtigen Diskussion begeben will, wird bei Grüny fündig wie nirgendwo. Als auch ist die Gründlichkeit, im Detail die Dinge gleichsam durch die Lupe zu betrachten, vorbildhaft, geradezu lehrreich.

Freilich gibt es apodiktische Sätze, Pauschalurteile über „die“ europäische Musik, die nicht nur nicht stimmen, sondern auch für das, was Grüny zeigen will, gänzlich überflüssig sind. Mancher Übermut müsste überlesen werden.

In der ersten Hälfte hätte mehr musikalische Erfahrung der Anschaulichkeit gutgetan. Der Gegenwartsbezug kommt kaum über Cage und Lachenmann hinaus, deren Positionen sind aber kaum noch „gegenwärtig“ zu nennen. Auf der anderen Seite die Fundgrube mit vielen wichtigen Einsichten, ja fast so etwas wie ein Kompendium musikphilosophischer Horizonte. Insofern sollte niemand dieses Buch zu Hause missen.

Christian Grüny: Kunst des Übergangs. Philosophische Konstellationen zur Musik, Velbrück Wissenschaft, Weilerswist-Metternich 2014, 379 S., € 39,90, ISBN 978-3-942393-54-6

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