Was kann und will die neue Isarphilharmonie?

Ein Blick nach Zürich kann helfen, die Situation in München zu verstehen


(nmz) -
Sie ist im Kosten- und Zeitplan geblieben und ein echtes Schnäppchen: die neue Isarphilharmonie in München. Mit ihr soll die Gasteig-Sanierung überbrückt werden. Das erinnert ein wenig an die Situation in Zürich: Dort diente die „Tonhalle Maag“ als Ausweichsaal für die jetzt wiedereröffnete Tonhalle. In München wird jedoch bereits offen gemunkelt, dass die Isarphilharmonie bleiben wird. Als Ergänzung ist sie ein Gewinn, nicht aber als alleiniger Ersatz für einen Konzertsaal.
Ein Artikel von Marco Frei

An der Isar gibt es derzeit viele Baustellen. Die Nachrichten waren zuletzt gar nicht gut. Wie es etwa mit der Generalsanierung des Gasteig weitergeht, ist völlig unklar. Im Dezember 2020 hatte sich der Münchner Stadtrat für ein Investoren-Modell entschieden. Der Haken: Bis jetzt ist kein Investor für die Sanierung gefunden. Sicher ist gegenwärtig nur, dass die Kosten für die Gasteig-Sanierung inklusive Wiederaufbau der Philharmonie, Sitz der Münchner Philharmoniker, nicht die Grenze von 450 Millionen Euro übersteigen soll.

Sonst aber könnte mit den Arbeiten am Gasteig erst ab 2024 begonnen werden, später als ursprünglich ge­plant. Nicht rosiger sieht es mit dem geplanten Konzertsaal-Neubau im Werksviertel hinter dem Münchner Ostbahnhof aus: Er soll einmal die lang ersehnte Heimat für das BR-Symphonierochester werden. Nach aktuellem Stand soll es erst 2025 losgehen. Damit wäre auch dieses Projekt frühestens 2030 abgeschlossen, und es wird deutlich teurer: statt 370 Millionen Euro rund 580 Millionen Euro, so die offizielle Schätzung.

Ob, wie und wann diese Projekte realisiert werden, ist in Corona-Zeiten ungewiss. Dass überhaupt die Gasteig-Sanierung und der Neubau im Werksviertel zur gleichen Zeit realisiert werden, ist von der Planung her sportlich. Da tat es der Münchner Seele richtig gut, dass zumindest ein Projekt am 8. Oktober reibungslos starten konnte: die neue Isarphilharmonie in Sendling. In nur eineinhalb Jahren Bauzeit ist sie entstanden: pünktlich und ohne das Budget von schlappen 40 Millionen Euro zu überschreiten. Gleichzeitig entsteht hier in Flauchernähe ein vielfältiges Kultur-Quartier.

Bis März 2022 werden nämlich auch die Stadtbibliothek, die Volkshochschule sowie Teile der Musikhochschule sukzessive Interims-Gebäude beziehen. Für das ganze Areal „Gasteig HP 8“ wurden 70 Millionen Euro ausgegeben, der größte Batzen für die Isarphilharmonie. Wer sie verstehen will, muss ins polnische Katowice und nach Zürich blicken. Auch der 2014 eröffnete Konzertsaal in Katowice wurde akus­tisch von Yasuhisa Toyota von „Nagata Acoustics“ betreut. Beide Säle in München und Katowice folgen zudem im Raumkonzept nicht dem sonst von Toyota favorisierten Weinberg, sondern der klassischen Schuhschachtel und sind überdies im Publikumsbereich in Schwarz gehalten.

Mit Zürich hat die Isarphilharmonie hingegen die Grundsituation gemein. Ähnlich wie die „Tonhalle Maag“ während der Sanierung der jetzt Mitte September wiedereröffneten Tonhalle in Zürich dient die Isarphilharmonie offiziell als Interimsspielstätte für die Münchner Philharmoniker während der Gasteig-Sanierung, aber: Niemand glaubt ernsthaft, dass die Isarphilharmonie nach der Gasteig-Sanierung abgehakt ist. In Zürich ist im Grunde genau das mit der „Tonhalle Maag“ im Industriequartier an der Hardbrücke passiert. Bis 2023 soll sie erst einmal als „Licht-Museum“ dienen, obwohl sie dem Musikleben in Zürich seit 2017 wertvolle Impulse geschenkt hatte. Ähnlich wie jetzt die Münchner Philharmoniker in München-Sendling konnte das Tonhalle-Orchester Zürich mit seinem Interimsgebäude nicht zuletzt einen sozial völlig anders aufgestellten Stadtteil bespielen: samt neuartigem Publikum, überdies eine Spielwiese für experimentellere Formate. Auch das neue Areal „Gasteig HP 8“ strahlt eine unerhörte Fazilität aus: eine Spielwiese für flexible Nutzungen mit unterschiedlichen Formaten. Für die Musikmetropole München ist dieses Profil fraglos ein Gewinn.

In seiner Rede zur Eröffnung der Isarphilharmonie hatte der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter eine „leise Vorahnung, dass uns dieses Interim relativ lange erhalten bleiben“ werde. Eines fällt auf: Die Modulbauweise der Konstruktion lässt beide Optionen, temporär oder dauerhaft, zu. Im platzsparenden Profil offenbarten sich allerdings auch die Grenzen der Isarphilharmonie. Bis zu 1.956 Plätze zählt der Saal. Bei voller Bude wird es schon im Foyer, eine denkmalgeschützte Trafohalle mit Stahl-Glas-Dach aus den 1920er Jahren, ziemlich eng.

Es dauert eine lange Weile, bis das Publikum in oder aus dem Saal gelangt. Bei den Durchgängen zwischen Alt- und Neubau staut es sich. Dieser chronische Platzmangel setzt sich im Backstage-Bereich fort. Hier ist nicht zuletzt die Anzahl der Stimmzimmer und Garderoben für die Musiker reduziert. Die Verhältnisse im Konzertsaal selber reichen zudem nicht aus, um beispielsweise eine riesenhaft besetzte Mahler-Sinfonie aufzuführen. Eine Orgel wurde auch nicht eingebaut. Dafür aber wirkt der Saal staunenswert intim, auch akus­tisch. Beim Eröffnungskonzert der Münchner Philharmoniker mit Valery Gergiev am Pult zeigte die erste Hälfte, dass der neue Saal keine Ungenauigkeiten verzeiht. Diese gab es sowohl bei der Uraufführung der postmodern-filmmusikalischen „Arising Dances“ des Franzosen Thierry Escaich als auch in Beethovens Klavierkonzert Nr. 4 mit dem Solisten Daniil Trifonov. Anders die zweite Hälfte: In Rodion Shchedrins „Zapechatloynniy Angel“ für Chor und Solo-Flöte schien der Philharmonische Chor fast schon zu schweben.

In „Daphnis et Chloé“ von Maurice Ravel wirkte die Dynamik und Farbgebung im Orchester überaus klar und genau: warm umhüllend die Wirkung des Klangs. Und die neue alte Tonhalle in Zürich? Sie wurde auch akustisch rückverbessert auf den Originalzustand von 1895, betreut von BBM-Müller in Planegg bei München. Ihr Klang wirkt jetzt voller, mit mehr Volumen und Tiefenschärfung. Beim Eröffnungskonzert des Tonhalle-Orchesters mit Mahlers „Dritter“ unter Musikdirektor Paavo Järvi waren die dynamisch-klanglichen Verhältnisse zwischen Piano und einfachem Forte nahezu perfekt.

Im mehrfachen Forte kann es hingegen im hinteren Parkett zuweilen etwas dröhnen, anders als etwa der mittlere Rang. Das alles sind nur erste Eindrücke: Auch die Orchester müssen mit der neuen Isarphilharmonie und der wiedereröffneten Tonhalle erst noch zusammenwachsen. Für München bleibt jedoch eine Erkenntnis: Wenn die Stadt ihren Ruf als Musik- und Orches­termetropole dauerhaft festigen will, kommt sie um den Wiederaufbau der Gasteig-Philharmonie und den Neubau im Werksviertel nicht herum. Als dauerhaft einzige Heimat für große Sinfonieorchester taugt die Isarphilharmonie nicht.

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