Was Synkopen wirklich bedeuten

Wolfram Knauer legt eine Geschichte des Jazz in Deutschland vor


(nmz) -
Die Geschichte des Jazz in Deutschland beginnt für Wolfram Knauer, den Leiter des Jazzinstituts in Darmstadt, 1917, dem Jahr, in dem die Vereinigten Staaten in den ersten Weltkrieg eintraten und mit deren Truppen auch die ersten Militärkapellen nach Europa kamen.
Ein Artikel von Thomas Bugert

Bands wie die Harlem Hellfighters infizierten die Bevölkerung mit dem „Jazz Virus“, das auch Deutschland erfasste. Dabei wurde Jazz in der Anfangszeit in erster Linie als rhythmisch interessante Tanzmusik wahrgenommen. Knauer erzählt die Jazzgeschichte exemplarisch anhand von ausgewählten Beispielmusikern, wie dem 1886 geborenen Eric Borchert, der gerne als der erste wirkliche Jazzmusiker in Deutschland genannt wird.  Er ermutigte seine Mitmusiker, den Jazz von Platten zu lernen und dazu zu spielen, damit ihnen „in Fleisch und Blut übergeht, was Synkopen wirklich bedeuten“. Dadurch unterschied er sich von vielen anderen Orchestern, die oftmals nur den Notentext kannten. Lag der Fokus zu Beginn auf der rhythmischen Komponente und dem rauen Sound, bekam ab 1930 durch „Hot-Solisten“ das Improvisieren eine größere Bedeutung.

Gerade in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts versuchten deutsche Jazzbands so zu klingen wie US-amerikanische Bands. Knauer verweist daher regelmäßig auf die Entwicklungen im Jazz-Mutterland und vergleicht diese, indem er beispielsweise  über  eine Aufnahme Heinz Wehners von 1938 schreibt: „Was ihr immer noch fehlt, ist der amerikanische ,swing‘, der ja nicht so sehr durch die rhythmisch korrekte Setzung der Töne entsteht, sondern eher aus einem Gefühl für die dramaturgischen Bögen der Klein- und Großphrasen wie auch der gesamten Melodielinie.“

Jazz ist jedoch mehr als die Musik, die erklingt, da sie immer in einem Raum und einem Kontext stattfindet. Daher widmet sich Knauer auch dem politischen und ökonomischen Umfeld, den Organisatoren hinter der Bühne und dem Jazzpublikum. Die politische Dimension wurde beispielsweise nach der Machtergreifung der Nazis schnell klar, als diese 1935 ein Sendeverbot für „Nigger-Jazz“ aussprachen, wenngleich auch nie ganz geklärt wurde, was alles darunterfällt. Ein striktes, flächendeckendes Jazzverbot gab es jedoch nie. Die Nazis waren sich der Wirkung dieser Musik bewusst und verpflichteten die besten Jazzmusiker sogar für ihre Propagandaband „Charlie and his Orchestra“, die mit ihrer Musik die feindlichen Truppen demoralisieren sollte.

Nach der so genannten „Stunde Null“ 1945 entwickelte sich vor allem in den amerikanisch besetzten Gebieten eine rege Jazz-Szene, in der durch die Clubs der US-Army Auftrittsmöglichkeiten entstanden und sich erstmals für viele deutsche Musiker die Möglichkeit bot, sich mit Musikern des Jazz-Mutterlandes direkt auszutauschen. Erste, vor dem Krieg entstandene Strukturen von Fanclubs und Spielstätten wurden schnell ausgebaut und verfes­tigten sich. Darüber hinaus wurde der Rundfunk mit seinen Sendungen und Bands zu einer wichtigen Institution für die Verbreitung des Jazz. Die Musiker wurden selbstbewusster und begannen mehr und mehr ihre eigene Sprache zu entwickeln. Die Frage, was richtiger Jazz ist, spaltete Deutschland – und tut dies bis heute. Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Jazz-Sozialisation hatte auch der amerikanische Sender AFN mit seinen regelmäßigen Jazzsendungen, der auch in der sowjetischen Besatzungszone zu empfangen war. Hier war der Umgang mit dem Jazz ambivalent. Einerseits war er ja die Musik der unterdrückten Arbeiterklasse in den USA, andererseits auch die Musik des kapitalistischen Klassenfeindes. Knauer beschreibt auch einen Wandel der Bewertung des Jazz anhand verschiedener Auflagen von An­dre Asriels Buch „Jazz, Analysen und Aspekte“. In der Ausgabe von 1966 werden die Jazzmusiker noch als selbstsüchtig und unsolidarisch beschrieben. 1976 ist von ehrlichen Musikern zu lesen, die den Weg zu einer vollwertigen Kunstgattung bahnen.

Knauer lässt seine Geschichte des deutschen Jazz nicht mit der Wiedervereinigung enden, sondern führt sie bis ins Jahr 2019. Er beschreibt wie Berlin nach dem Mauerfall zu neuer internationaler Bedeutung für den Jazz aufstieg, und wie sich die Jazzlandschaft immer weiter professionalisierte und fortwährend experimentierte. Er verweist auch darauf, dass der Jazz im Jahr 2019, gerade auch in Hinblick auf die Diskussion der Gleichstellung von Frauen in der Jazzszene, mehr ist als die Musik, die erklingt.

Wolfram Knauers Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung des deutschen Jazz von der Imitation US-amerikanischer Musiker über die Assimilation zu Innovationen, die den Jazz weltweit prägten. Diese Entwicklung beschreibt er, neben zeitgenössischen Textquellen, vor allem an exemplarischen Biografien und der Besprechung von zahlreichen Aufnahmen, bei denen er auf Personal- und Bandstile eingeht. Bei diesen Besprechungen steht die Betrachtung des individuellen Sounds und Ausdrucks im Vordergrund und weniger eine musiktheoretische Analyse. Auch wenn es Anmerkungen zur Diskographie gibt, sind die besprochenen Aufnahmen leider nicht immer einfach zu finden, was eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Aufnahmen erschwert.

  • Wolfram Knauer: „Play yourself, man!“. Die Geschichte des Jazz in Deutschland, Reclam, 528 S., Abb., € 36,00, E-Book € 30,99, ISBN 978-3-15-011227-4

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