Wenig Platz für kleine Geschäfte

Musikalische Sommerlektüre für Urlaub und Strand


(nmz) -
Irgendwann, spätestens nachdem 1995 Nick Hornbys Bestseller „High Fidelity“ erschien, etablierte sich (Pop-)Musik als Sujet belletristischer Literatur. Bei einem Blick auf die Neuerscheinungen im Bereich der Musikromane lässt sich vor allem in den letzten 20 Jahren ein Zuwachs erkennen; was vorher nur vereinzelt Thema war, ist inzwischen fest im Mainstream verankert. Grégoire Hervier, Ray Celestin und Rachel Joyce knüpfen mit ihren Werken an diesen Trend an – auf sehr unterschiedliche Art und Weise.
Ein Artikel von Franziska Wenzlick

Thomas Dupré ist 25, lebt in Paris und ist weder als Musiker noch als Journalist sonderlich erfolgreich, weshalb er sein Geld aushilfsweise im Gitarrenladen „Prestige Guitars“ verdient. Als ein Sammler dort ein wertvolles Stück kauft und wünscht, dieses persönlich ausgeliefert zu bekommen, macht sich Thomas auf nach Schottland. Schon kurze Zeit später findet er sich auf einem Road-Trip im Süden der USA wieder, beauftragt mit der Suche nach einem Beweis für die Existenz der sagenumwobenen Gitarre „Gibson Moderne“. Diese wurde 1957 zwar nachweislich entworfen, ihre wirkliche Anfertigung gilt allerdings als umstritten. 

„Vintage“ funktioniert hervorragend. Von der Moderne, die in den 1950ern tatsächlich Teil einer geplanten Reihe neuer Gibson-Modelle war, bis zum Boleskine House bei Loch Ness, in dem einst schon Aleister Crowley und Jimmy Page wohnten – Hervier ist es gelungen, ein so gut recherchiertes Netz aus Fakten und Fiktion zu spinnen, dass Bluesgitarrist und Schlüsselfigur Li Grand Zombi Robertson ebenso real anmutet wie Robert Johnson oder Billy Gibbons. In einem clever konstruierten Crescendo changiert der Roman zwischen Krimi und Musikgeschichte, driftet dabei aber nie ab. Man muss kein Fan von Blues und Rock sein, um sich von „Vintage“ mitreißen zu lassen.  Es ist allerdings gut möglich, dass man nach der Lektüre einer werden möchte.

Es ist der 13. Mai 1919, als ganz New Orleans in eine Art Rausch zu fallen scheint. In der Luft liegt Alkohol und Ausgelassenheit, in jedem Cabaret der Stadt wird Jazz gespielt, es wird getanzt, getrunken. Grund dafür ist ein Brief des „Axeman of New Orleans“: Verschont von der Axt des Mörders sollen all diejenigen bleiben, die in besagter Nacht jazzen. Schon vor Veröffentlichung dieser Botschaft versetzt der „Axeman“ die gesamte Stadt in Furcht. Scheinbar willkürlich wählt er seine Opfer aus, tötet sie mit einer Axt und hinterlässt neben der Waffe Tarot-Karten am Tatort. Auf den Fersen sind ihm dabei drei Ermittler, die der Lösung des Rätsels um die Identität des Axtmörders gefährlich nahe kommen.

Wie „Vintage“ fußt auch „Höllenjazz in New Orleans“ auf einer wahren Begebenheit. Bereits der Mord an einem Lebensmittelhändler im Jahr 1911 wird dem „Axeman of New Orleans“ zugeschrieben, der vermutlich sechs Menschen tötete und zwölf verletzte. Celestin hangelt sich jedoch nur am Rande an den eigentlichen Geschehnissen entlang. Der dabei entstandene Roman ist spannend, aber nicht spannend genug, um die zu hastigen Sprünge zwischen den einzelnen Charakteren – darunter auch Jazzlegende Louis Armstrong – zu kompensieren. Jazz selbst spielt eine untergeordnete Rolle und spiegelt sich auch insofern nicht wider, dass die Geschichte an vielen Stellen zu konservativ bleibt und die Leidenschaft und Aufregung des Jazz vermissen lässt.

In den späten 1980ern kämpft Mister Frank um den Erhalt seines Plattenladens in einem England, das sich zu Ende der Thatcher-Ära stetig Richtung Konsumismus bewegt und wenig Platz lässt für kleine Geschäfte wie die der Unity Street. Dort befindet sich neben einem Tattoo Studio und einer Bäckerei auch Franks Laden, in welchem er ausschließlich Vinyl anbietet. Frank ist kein professioneller Musiker, kann keine Noten lesen und doch scheint er Musik besser zu verstehen als jeder andere: Er spürt, welchen Klang seine Kunden brauchen und rät mit bloßer Intuition stets zum passenden Lied.

Von der ersten Seite an liest sich „Mister Franks fabelhaftes Talent“ wie ein – etwas oberflächlich geratener – Liebesbrief: an Frank, an die Unity Street und ihre Bewohner, an Vinyl, vor allem aber an die Musik. Die Anekdoten zu Größen wie Beethoven und Händel, erzählt von Franks Mutter, sind erfrischend und leider oft interessanter als das eigentliche Geschehen. Einer nichtsdestotrotz recht kurzweiligen Handlung folgt ein übersteigertes Finale. Das tut der Geschichte allerdings ähnlich wie ihre teils mehr, teils weniger glaubwürdig exzentrischen Figuren kaum einen Abbruch: Rachel Joyce gelingt es, so warmherzig von Frank und seinen Freunden zu erzählen, dass man als Leser getrost über so manches fehlplatzierte Klischee hinwegsehen mag. Wer Franks Leidenschaft für einen guten Song teilt, den wird „Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie“ sicher vergnügen.

  • Grégoire Hervier: Vintage, dt. Fassung v. Alexandra Baisch u. Stefanie Jacobs, Diogenes, Zürich, 2017, 400 S., € 20,99, ISBN 978-3-257-60812-0
  • Ray Celestin: Höllenjazz in New Orleans, dt. Fassung v. Elvira Willems, Piper Verlag, München, 2018, 512 S., € 16.-, ISBN 978-3-492-06086-8
  • Rachel Joyce: Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie, dt. Fassung v. Maria Andreas, Fischer Krüger, Frankfurt a. M., 2017, 384 S., € 19,99, ISBN 978-3-8105-1082-2

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