Wenn Singen Grenzen überwindet

Boston Children’s Chorus und Vokalhelden: Begegnungen beim Festival Chor@Berlin spezial


(nmz) -
Der Boston Children’s Chorus verwandelt Vorurteile gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe und ihrer jeweiligen Kultur in ein produktives künstlerisches Miteinander und inspiriert auch hierzulande zu ehrgeizigen Initiativen. Nun war er zu Gast in Berlin.
Ein Artikel von Arne Reul

„Das Schöne ist, dass eine Stimme keine Hautfarbe hat,“ erzählt der 15-jährige Alex, der schon seit einigen Jahren im Boston Children’s Chorus singt, und ergänzt: „Jeder kann bei uns mitmachen – ganz egal, welcher Herkunft man ist, wieviel Geld eine Familie hat oder an welche Religion man glaubt.“

Als 2001 der Bürgeraktivist Hubie Jones den Kinderchor von Boston gründete, ging es ihm um die Verwirklichung der Idee, mit einem Chor die religiösen, sozialen und ethnischen Vorurteile abzubauen, die in vielen Teilen der US-amerikanischen Gesellschaft präsent sind und nach wie vor den sozialen Frieden immer wieder gefährden.

Gut 15 Jahre später kann man sagen, dass viele dieser ehrgeizigen Ziele verwirklicht wurden. Etwa 500 Kinder singen zurzeit im Boston Children’s Chorus: Weiße, Schwarze, Hispanics und Asiaten. Damit spiegelt der Chor die ethnische Vielfalt der Ostküstenstadt wider und zeigt, wie wertvoll und produktiv es sein kann, wenn sich Menschen in einer Gesellschaft – trotz aller Unterschiedlichkeit – gemeinsam für eine künstlerische Sache engagieren. Als der Chor nun bei seiner Europa-Tournee im Juli auch in Berlin Station machte, um im Rahmen der Veranstaltung „Chor@Berlin spezial“ im Radialsystem V einen Workshop und ein Konzert zu geben, hatte dies eine besondere Bedeutung, denn die 2013 gegründete Vokalhelden-Initiative, die zum Education-Projekt der Berliner Philharmoniker gehört, nimmt bewusst das erfolgreiche Konzept des Boston Children’s Chorus auf, um es auf die Gegebenheiten der Großstadt Berlin zu übertragen.

Künstlerischer Leiter und Initiator der Vokalhelden ist Simon Halsey, der bis zum Ende dieser Spielzeit auch Chefdirigent des Rundfunkchors Berlin war. Er lernte den Chor in Boston kennen und ist seitdem davon überzeugt, dass Chorsingen Kindern Chancen eröffnet, die über eine musikalische Förderung weit hinausgehen.

Die ethnische Vielfalt bewusst machen

Der künstlerische Leiter des Boston Children’s Chorus, Anthony Trecek-King, hat nach eigenem Bekunden als Schwarzer selbst mit Vorurteilen zu kämpfen. Trecek-King ist ein charismatischer und humorvoller Typ, der so jugendlich wirkt, als habe er gerade die Universität verlassen. Tatsächlich aber hat er längst ein abgeschlossenes Cello-Studium hinter sich, lehrte als Professor für Musik an der Universität von Nebraska und arbeitet mit vielen Chören auf der ganzen Welt. Trecek-King betont, dass es ihm darum geht, die verschiedenen Farben der Kinder und Jugendlichen in seinem Chor sichtbar zu machen, um sie positiv zu besetzen, denn, so Trecek-King, „wir leben nicht in einer farbenblinden Gesellschaft, was die Herkunft der Menschen anbelangt. Aber bei uns ist über die Jahre ein gemeinschaftsstiftendes Modell entstanden, das auch jenseits der Musik funktioniert.“ 

Das Tournee-Programm bestand aus einigen anspruchsvollen Auftragswerken und zeitgenössischen Stücken, bei denen die hohe sängerische Professionalität des Ensembles durch wirkungsvolle Clusterklänge und virtuose Stimmverläufe gut zur Geltung kam. Zum Kernrepertoire des Ensembles aber gehören traditionelle amerikanische Chorstücke von zum Beispiel Samuel Barber sowie Gospels und Spirituals. Insbesondere die beiden letzteren Genres hält Trecek-King für essentiell. Der Jugendchor präsentiert sich hier besonders ausdrucksstark und erzeugt eine mal berührende, mal mitreißende Wirkung, wobei auch einige begabte Solisten ihr Können zeigen. Für Trecek-King ist es wichtig, auch den religiösen, politischen und gesellschaftsverändernden Appell solcher Songs in einer authentischen musikalischen Anmutung an die nächste Generation weiterzugeben. Darüber hinaus möchte er seine jungen Sängerinnen und Sänger mit möglichst vielen Stilen und Genres bekannt machen, sodass bei Konzerten in den USA Chorlieder von Brahms, Kantaten von Bach sowie Chorstücke von Britten und Vaughan Williams ebenfalls dazugehören. Und schließlich profitiert der Chor von der vielfältigen Herkunft seiner jungen Mitglieder. So präsentierte das Ensemble zum Abschluss des Konzerts ein haitianisches Chorstück. Die Kinder, deren Eltern aus Haiti stammen, beherrschen kreolisch und bringen bei dieser Gelegenheit ihren Mitsängern einiges davon bei. Bei südamerikanischen Chorliedern wiederum profilieren sich die Kinder aus mexikanischen Familien, die auch spanisch sprechen und mit vielen dieser Lieder aufgewachsen sind. Auf diese Weise wird ein Wissen und Verständnis für viele Kulturen vermittelt. Was bei all dem einmaligen Charme dieses Ensembles ausmacht, ist der von Trecek-King immer wieder hervorgehobene Aspekt, die US-amerikanische Gesellschaft in ihrer Vielfalt widerzuspiegeln.

Förderung auch jenseits der Musik

Die gut 80 Kinder und Jugendlichen, die mit auf Tournee gehen durften, bilden den „Premier Choir“ des Boston Children’s Chorus. Insgesamt hat der Chor aber 500 Mitglieder, die in über 10 Teilchören singen. So versucht man den jeweiligen Bedürfnissen der vielen Sänger möglichst gerecht zu werden, indem jeder so gut wie möglich auf seinem Stand musikalisch gefördert wird. Es geht dabei darum, wie Trecek-King betont, allen Kindern eine musikalische Ausbildung zu geben. Schließlich sei es nicht deren Fehler, wenn sie von Haus aus noch nichts über Musik wissen. Trecek-King sagt: „Wir wollen nicht aus jedem einen großen Musiker machen, aber Menschen, die gut und gerne singen.“ Auch das Erarbeiten und Erreichen von Zielen gehört dabei zu den wichtigen Erfahrungen, die sich später auf andere Lebensbereiche übertragen lassen. Bei der Chorarbeit kommt es auf extreme Konzentration und Effektivität an, denn die Proben finden in der Regel nur einmal pro Woche statt. So hat man ein musikpädagogisches Modell entwickelt, das auf der Musikdidaktik des Ungarn Zoltán Kodály beruht und dies auf die besonderen Bedürfnisse der Kinder von Boston angepasst.

Einen hohen Stellenwert hat beim Boston Children’s Chorus schließlich auch das Engagement für soziale Belange. Einmal im Jahr werden daher besondere Projekte durchgeführt. Dabei geht es zum Beispiel um das Thema Obdachlosigkeit oder Menschen, die Lebenskrisen durchmachen. Neben ausführlichen Gesprächen hierzu gibt es auch eine Art Praxisteil. Die Jugendlichen arbeiten für Obdachlosen-Organisationen oder helfen bei Beratungsstellen Gleichaltrigen in schwierigen Situationen. Dies wiederum stärkt die Gruppenzugehörigkeit unter den Sängern. Mehr noch: „Unsere Sängerinnen und Sänger sammeln hier – obwohl sie noch sehr jung sind – wertvolle Erfahrungen“, hebt Trecek-King hervor, „sie fühlen sich dadurch untereinander und mit ihrer Lebenswelt emotional viel tiefer verbunden. All dies wiederum befruchtet unsere künstlerische Arbeit und gibt unseren Konzerten eine besondere Qualität.“

Von Boston nach Berlin

Judith Kamphues gehört zum Team der Chorleiter und Stimmbildner bei den Berliner Vokalhelden. Die Begegnung mit dem Boston Children’s Chorus erfährt sie als große Bestätigung ihres eigenen Engagements, wenn sie sagt: „Für uns Chorleiter und Stimmbildner war es natürlich toll zu sehen, wie die Bostoner arbeiten, wie sie mit ihren Stimmen umgehen und auch das Selbstbewusstsein der Jugendlichen zu erleben. Gleichzeitig fühle ich mich in unserer Idee bestärkt, dass wir wirklich jedes Kind mitsingen lassen, ganz egal welchen Hintergrund es hat.“  

Um dies in Berlin zu verwirklichen, haben die Vokalhelden drei Standorte, an denen die insgesamt gut 150 Kinder einmal wöchentlich zu den Proben kommen. Es handelt sich hier um Bezirke, in denen es an sogenannten sozialen Brennpunkten nicht mangelt. So treffen sich die Kinder in Moabit und Hellersdorf sowie im Schöneberger Jugend- und Kulturhaus Pallas T, der zu dem riesigen Wohnblock Pallaseum gehört, in dem über 2.000 Menschen leben und der Migrantenanteil besonders hoch ist. Bei den Proben arbeitet man mit Gruppen zu etwa 25 Kindern, die im Grundschul- beziehungsweise Sekundarschulalter sind. Da jedes Kind, das mitmachen möchte, aufgenommen wird, müssen nicht selten zunächst ganz grundlegende Dinge vermittelt werden, wie etwa eine Skala nach oben oder unten zu singen oder das Nachsingen von ganz einfachen Melodien. Doch dies erfordert auch eine hohe Betreuungsintensität.

Deshalb arbeiten die Kinder nicht nur mit ihrem Chorleiter, sondern sie werden auch von Stimmbildnern geschult. Darüber hinaus steht ein Team von Ehrenamtlichen zur Verfügung, die versuchen, auftretende Konflikte und Disziplinschwierigkeiten abzufedern. Doch zum Erfolg dieses Projekts gehört auch die Gewährleistung einer ausgewogenen sozialen Mischung, denn Kinder, die aus bildungsnäheren Elternhäusern kommen und musikalische Erfahrungen mitbringen, ziehen die anderen mit. Kamphues sagt: „Mittlerweile kann ich gar nicht mehr sagen, wer aus welcher Familie kommt, weil einfach alle sehr gute Sänger sind und auch tolle Freundschaften unter den Kindern entstehen.“ Inzwischen haben die Vokalhelden schon zwei Kinderopern in der Berliner Philharmonie aufgeführt. Dass sich daran Mitglieder der Berliner Philharmoniker beteiligen und wie zuletzt im Juni sogar Simon Rattle das Dirigat übernimmt, erhöht natürlich den Status, den diese Aufführungen haben. Was Judith Kamphues ihren jungen Sängerinnen und Sängern nun noch wünschen würde, wären Konzerttourneen, denn, so sagt sie, „sich mit Gesang die Welt anzuschauen, ist ein Erfahrungsschatz, der Kindern nicht mehr genommen werden kann“. Aufgrund solcher Erfahrungen nennen sich die Kinder des Boston Children’s Chorus nicht ohne Stolz „citizens of the world“.
  

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