Wer ist Alice Merton?

Neuerscheinungen der Popindustrie, vorgestellt von Sven Ferchow


(nmz) -
Platten von Elbow, Jimmy Eat World, Foals, Alice Merton und Mando Diao.
Ein Artikel von Sven Ferchow

Seit vielen Jahren beschäftigen sich die Briten Elbow mit ihrer ganz eigenen Auffassung von Rockmusik. Das war nicht immer bequem. Aber sehr oft herrlich sperrig, kantig und klobig. Nun gibt es mit „Giant of all Sizes“ das immerhin schon achte Album der Manchesterianer und somit auch den Nachfolger der beiden sehr lässig gelungenen Alben „The Take Off And Landing Of Everything“ und „Little Fictions“. „Giant of all Sizes“ vereint alles, was man an Elbow lieb gewonnen hat. Traurige, klagende Melodien. Mächtige Refrain- Hymnen, abschweifende Strophen. Immer wieder unterbrochen von Fragmenten, die zunächst störend wirken, sich aber in Wohlgefallen, Wohlklang und Stringenz auflösen. Mag auf viele Hörer zu Beginn verstörend wirken, doch wer durchhält, dem ergeben sich ziemlich neue Ansichten. Über Aussichtslosigkeit und Verzweiflung. Und man sollte sich auch mal fordern lassen. Anspieltipps: White Noise White Heat, Weightless, Empires. (Polydor)

Als komplettes Gegenteil zu Elbow fungieren da die Amerikaner von Jimmy Eat World. Ist schon lebensbejahender, was die Band seit vielen Jahren anbietet. Obwohl sie einige Richtungswechsel vollzogen haben. Irgendwann fingen sie bei Emo-Core an, nun sind sie beim gefälligen, mitsingbaren, radio­tauglichen Emo-Rock, vielleicht auch Emo-Pop, gelandet. Das aktuelle Album „Surviving“ sonnt sich in klar definierten Gitarrenriffs, die den Rest quasi automatisch vorgeben. Eingehende Strophen samt kuscheligem Gesang. Monströse Refrains, zu denen man den Kopf schütteln, schwingen oder nicken kann. Seicht ist sicher das falsche Wort, aber wo man einst ruppige Stellen bei Jimmy Eat World hörte, sind heute sirenenartige, verträumte Gitarreneffekte („555“). Nicht falsch verstehen. Man kann Jimmy Eat World schon noch beim nächtlichen Autobahnfahren als Soundtrack benutzen. Aber irgendwie auch zum Junggesellinnenabschied. Anspieltipps: One Mil, Love never, Diamond. (RCA Int.)

Fortsetzung heißt es bei den Briten von Foals. „Everything not saved will be lost Part 2“ ist logischerweise der Nachfolger von „Everything not saved will be lost Part 1“. Part 2 zeigt sich als sehr gelungene Mischung aus rüpelhaften Riffs und Melodien, aber ebenso aus butterweichen Synthie-Sounds der 80er-Jahre, die manchen Song nochmal gehörig aufmischen, andere Songs aber irgendwie auch zerbröckeln lassen. „Black Bull“ ist zum Beispiel so ein Song, dem man sämtliche Wut, allen Zorn dieser Welt abkauft und sich bereitwillig auf die interruptiven Elemente einlässt. Klappt hier vorzüglich. Andererseits hört man dann „Dreaming of“ und weiß nicht so genau, wohin die Reise gehen sollte. Dennoch sind da Elemente, die den Song als nicht uninteressant einstufen lassen. Ein sicher diskutables Album der Briten, das Fans im Kontext mit Part 1 eventuell zweifeln lassen könnte. Anspieltipps: Wash off, Black Bull, 10.000 feet. (Warner Music)

Großes Überraschungsalbum von Alice Merton. Dazu noch eine Musikerin aus Deutschland, die ersten Recherchen zufolge in Kanada aufwuchs. Oder eine Zeitlang. Was es auf „Mint+4“ zu hören gibt, ist zeitgemäße Musik, die ältere Herrschaften noch aufwühlen kann. Nicht zu melancholisch, nicht zu positiv. Oft extrem reduziert in Strophe und Gesang (wenig Gitarren, mehr Diskomucke-Beats), noch häufiger exzessiv und eruptiv im Refrain. Für diverse hippe und jugendlich gefönte Radiostationen ist „Mint+4“ ein goldenes Kalb. Kein fader Popabklatsch, kein durchgestylter Rock. Songs, die von Alice Merton mit Lässigkeit vorgetragen werden. Jene ist übrigens das unverwechselbare Alleinstellungsmerkmal dieser Platte. Dazu eine natürliche Coolness, eine gelebte Zwanglosigkeit und eine zelebrierte Uninteressiertheit, die es aber in sich hat. Anspieltipps: 2 Kids, Keeps me Awake, Speak your mind. (Paper Plane Records)

Auf Mando Diao kann man sich verlassen. „Bang“ ist wieder ein unprätentiöses Album, das sich auf das Essentielle beschränkt. Lakonischer Gesang, ein paar kratzige Gitarren, popartiger Bass und grundsolides, unaufdringliches Schlagzeug. Rockmusik wie sie sein muss. Nicht zu laut, nicht zu schnell, aber stets mit eigenem Anspruch und einer Idee. Mando Diao beherrschen das. Perfekt. Anspieltipps: Long Long Way, Bang your head, My Woman. (Playground Music)

Das könnte Sie auch interessieren: